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Frances McDormand in "Nomadland".
© Festival

Tagebuch von den Filmfestspielen Venedig (9): Kalte Nächte in Nevada

Der durchwachsene Corona-Jahrgang geht mit dem als Favorit gehandelten "Nomadland" von Chloé Zhao zu Ende. Frances McDormand beeindruckt in diesem US-Drama.

Von Andreas Busche

Die Nase-Mund-Masken hängen zum Auslüften auf einer Wäscheleine im Apartment; ein Anblick, an den man sich in den vergangenen elf Tagen gewöhnt hat. Er wird als prägende Erinnerung an Venedig zurückbleiben.

Betrachtet man das Festival als Testlauf, kann man es wohl einen Erfolg nennen. Bis Freitag wurde auf dem Lido keine Infektion gemeldet, vielleicht ist Venedig auch mit einem blauen Auge davongekommen. Auf Anfragen, wie ein Notfallplan aussehen würde, antwortete die Biennale nebulös.

Die einzige amerikanische Studioproduktion

Doch die Disziplin war bemerkenswert. Die Vorschriften drückten nie auf die Stimmung, obwohl der Wettbewerb so durchwachsen war wie eh und je. Aber es war wahrlich auch kein normales Jahr.

Auch weil diesmal erst am Schluss der Film terminiert war, der schon vorab als Favorit gehandelt wurde. Auf Chloé Zhaos “Nomadland”, eine simultane Weltpremiere in Venedig und Toronto, ruhen alle Hoffnungen. Die einzige amerikanische Studioproduktion, dennoch ein Indie.

Frances McDormand spielt eine Frau, die alles verloren hat: ihren Mann an den Krebs, ihren Job und ihr Haus an die Rezession. Die Stadt Empire verschwand von der Landkarte, als der einzige Arbeitsgeber Pleite machte; nicht einmal die Postleitzahl existiert noch.

Aber Fern ist eine Kämpferin. Sie sei nicht “homeless”, sondern “houseless”, erklärt sie. In Amerika besteht da ein Unterschied. Aber nachts wird es kalt im Wohnmobil, in der Einöde von Nevada.

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Man hat McDormand schon lange nicht mehr so zurückgenommen erlebt. Sie redet wenig, ihr Gesicht ist auch ohne Worte so ausdrucksstark wie die monumentale Landschaft des Mittleren Westens. Fern schließt sich modernen Nomaden an, Hippies, Fortschrittsverlierer, vom Schicksal Gezeichnete. Sie sind frei, viele aus der Not, andere aus freien Stücken.

Zhao dreht wie immer mit Menschen aus dem Leben, die Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm wird dabei nie zum Selbstzweck. Die chinesische Regisseurin fängt in ihren kargen Bildern feine Nuancen des modernen Amerika ein. “Fern ist eine Pionierin”, sagt ihre Schwester einmal. Ein Archetyp. Glücklich sieht sie dabei nicht aus, manchmal wirkt sie unendlich einsam.

“Nomadland” erfindet das Kino nicht neu, aber vielleicht ist solide Qualität auch das, was dieses unberechenbare Jahr braucht.

Viel Konkurrenz hat er nicht: Kornél Mundruczós “Pieces of a Woman”, die Siedlerinnenliebesgeschichte “The World to Come” von Mona Fastvold (beide mit der grandiosen Vanessa Kirby), Gianfranco Rosis Syrien-Dokumentarfilm “Notturno”, mit Abstrichen Jasmila Žbanić' gradliniger Srebrenica-Film “Quo Vadis, Aida”. Als Geheimtipp gilt Chaitanya Tamhanes meditatives Musikerporträt “The Disciple”. Samstagabend wissen wir mehr.

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