Kammeroper Schloss Rheinsberg : Ärger in Arkadien

Georg Quander versucht, der Kammeroper Schloss Rheinsberg ein neues Profil zu geben. In dem Festivalgründer Siegfried Matthus hat er einen erbitterten Gegner.

Blick auf das Schlossareal von Rheinsberg. Links das Ende der Neunzigerjahre wieder aufgebaute Schlosstheater.
Blick auf das Schlossareal von Rheinsberg. Links das Ende der Neunzigerjahre wieder aufgebaute Schlosstheater.Foto: dpa/Bernd Settnik

Rheinsberg ist ein Sehnsuchtsort für landlufthungrige Hauptstädter. Friedrich der Große hat glückliche Prinzenjahre in dem Rokokoschlösschen am Grienericksee verbracht, sein Bruder Heinrich etablierte hier später einen wahren Musenhof. Und 1912 nobilitierte Kurt Tucholsky das 5000-Einwohner-Städtchen schließlich auch literarisch, durch seine bezaubernde Liebesgeschichte von Clärchen und ihrem Wolfgang.

Schon in den Achtzigerjahren träumte der Komponist Siegfried Matthus, der als ausgebombter Berliner Jüngling in Rheinsberg das Abitur gemacht hatte, davon, auf dem Schlossgelände ein Musikfestival zu etablieren. Gleich nach der Wende gelang es dann, schnell entwickelte sich die sommerliche „Kammeroper Schloss Rheinsberg“ zur festen Größe im Ausflugskalender der Klassikfans.

Der anhaltende Erfolg führte dazu, dass Matthus im Ruppiner Land wie ein Duodezfürst hofiert wurde – und es für selbstverständlich hielt, dass 2014, als er sich mit 80 Jahren von der Leitung der Kammeroper zurückzog, ihn sein Sohn Frank in direkter dynastischer Folge beerbte. Matthus junior, ein studierter Schauspieler und Sprechtheaterregisseur, setzte inhaltlich neben Uraufführungen vor allem auf die Blockbuster des Opernrepertoires, ließ in Rheinsberg Verdis „Traviata“, Puccinis „Tosca“ und Bizets „Carmen“ spielen. Stücke, die nicht nur in Berlin ständig zu erleben sind, sondern die eigentlich technisch auch zu schwer sind für die jungen Sängerinnen und Sänger, deren Förderung einst die Gründungsidee des Festivals war.

Ungebremster Zorn des Gründers Matthus

Die Geldgeber, das Land Brandenburg und der Landkreis, beschlossen also, neben einer lange schon überfälligen organisatorischen Fusion der Kammeroper mit der ebenfalls im Schloss untergebrachten Musikakademie auch den Posten des künstlerischen Leiters neu zu besetzen. Eine Findungskommission wurde berufen, die unter anderem auch Georg Quander ansprach, den Intendanten der Berliner Staatsoper von 1991 bis 2002. Und der hatte mit seinen 67 Jahren tatsächlich Lust, noch einmal ein Musiktheaterfestival zu übernehmen.

Ihn wie auch seine Auftraggeber traf daraufhin der ungebremste Zorn des Gründers: Siegfried Matthus untersagte, dass Werke von ihm in Rheinsberg aufgeführt werden, verbot die Verwendung der vom ihm komponierten Festivalfanfare und erzwang auch die Absetzung des beliebten Konzertformats „Der singende See“. Er drohte sogar damit, dem Festival gerichtlich seinen angestammten Namen wegnehmen zu lassen.

Georg Quander schmerzt die unversöhnliche Haltung das Patriarchen, der offensichtlich lieber verbrannte Erde hinterlassen möchte, als sein Lebenswerk in fremden Händen zu wissen. „Wir kennen uns schon seit den Siebzigerjahren, als Matthus Dramaturg an der Komischen Oper war und ich dort Hospitant“, sagt Quander. „Als Komponist habe ich ihn immer geschätzt und hätte ihn im Sommer auch gerne als Ehrengast in Rheinsberg gewürdigt.“ Andererseits ist Georg Quander gestählt im Umgang mit dominanten Künstlercharakteren, schließlich hieß sein Generalmusikdirektor an der Staatsoper Daniel Barenboim.

Georg Quander
Georg QuanderFoto: dpa/Ralf Hirschberger

Erste Akzente setzt der neue Intendant bereits zu Ostern. Dann soll Heinrichs Musenhof wiederbelebt werden, im Geist des 18. Jahrhunderts, mit einem Programm, das diverse Genres vereint und alles Sinne anspricht. Neben Haydns Oper „L’isola disabitata“ und einem Konzert der Berliner Lautten Compagney wird es im April auch ein Gastspiel des Renaissancetheaters mit Peter Hacks’ Schauspielstück „Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ geben, thematische Schlossführungen, einen literarischen Brunch sowie einen Osterspaziergang im Park.

Im Sommer liegt der Fokus dann wie gewohnt auf der Oper. Allerdings werden Stücke gezeigt, die man in Berlin nicht erleben kann. So wie Domenico Cimarosas „Gli Orazi e i Curazi“ von 1796. Die Musiktragödie spielt im alten Rom, es geht um den Kampf zweier Familienclans, in die eine Romeo-und-Julia-Geschichte eingebettet ist. Quander wird selber Regie führen, Christoph Spering leitet die Kammerakademie Potsdam.

Zum Auftakt eine Uraufführung

Eine Rarität auf den Bühnen ist mittlerweile auch Friedrich von Flotows „Martha“. Bis vor wenigen Jahrzehnten gehörte die 1847 herausgekommene Oper allerdings zum Kernbestand aller Stadttheater, auch dank der Belcantoqualitäten der Partitur. Mit dem Dirigenten Florian Ludwig hat Quander einen bekennenden Fan der deutschen Spieloperntradition engagiert, mit Holger Potocki einen Regisseur, der Spaß an musikalischen Komödien hat.

Zum Auftakt des Festivals wird es erneut eine Uraufführung geben: Aurélien Bello, der in den letzten Jahren viel in Rheinsberg dirigiert hat, schreibt ein Musiktheaterstück, das sich mit den Irrungen und Wirrungen des modernen Menschen in der digitalisierten Welt beschäftigt. Das Libretto für „Sybil, Es und Butler“ stammt von den beiden Drehbuchautoren Claudia Prietzel und Peter Henning.

Direkt in Berlin schließlich, von wo weiterhin die meisten Besucher des Festivals kommen, präsentiert sich die neue Kammeroper Rheinsberg am Montag, den 14. Januar, mit einem Konzert mit Chor, Orchester und gleich drei Dirigenten. Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt werden dann neben Appetithappen aus Flotows „Martha“ auch Songs von Bernstein und Gershwin erklingen.

Weitere Infos zum Festival unter www.kammeroper-schloss-rheinsberg.de

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