Kat Válastur im Porträt : Eine Begegnung mit Berlins aufregendster Choreografin

Fesselnd und am Puls der Zeit: Kat Válastur spürt in ihren Performances den Befindlichkeiten der Gesellschaft nach. Ein Treffen.

Meisterin der Metamorphosen. Die gebürtige Griechin Kat Válastur schließt Mythen mit Zeitgenössischem kurz.
Meisterin der Metamorphosen. Die gebürtige Griechin Kat Válastur schließt Mythen mit Zeitgenössischem kurz.Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Im Weddinger Uferstudio machen die Tänzer sich für einen Durchlauf bereit. „Ihr habt heute die Gelegenheit, noch tiefer einzutauchen“, ruft Kat Válastur ihnen aufmunternd zu. Die Choreografin probt gerade ihr neues Stück, das den geheimnisvollen Titel „Arcana Swarm“ trägt.

Mit dem Gruppenstück für sieben Tänzer setzt sie ihren Werkzyklus „The Staggered Dances of Beauty“ fort, der vom Hebbel am Ufer koproduziert wird. Den Auftakt bildete „Rasp Your Soul“, ein Solo für den Tänzer Enrico Ticconi, der einen männlichen Archetypus verkörperte.

Das Stück kreiste um die Frage: Was ist die Seele im digitalen Zeitalter? In „Stellar Fauna“ ging es um die Umweltkrise: Zwei Tänzerinnen, die wie ein Orakel anmuteten, sagten eine große Flut voraus. Das Stück handelte zudem von der digitalen Verwilderung.

Wenn Kat Válastur in ihren Choreografien eine transhumane Zukunft imaginiert, liegen Bedrohung und Verheißung eng beisammen. So durchlaufen die Performer in den beiden Stücken eine ständige Transformation, changieren zwischen dem Organischen und dem Künstlichen und erinnern schon mal an Humanoiden, was sie unheimlich macht.

In „Arcana Swarm“ will sich Kat Válastur nun wieder stärker auf das Urmenschliche konzentrieren, auf die Affekte. „Im Hinterkopf hatte ich dabei immer die Frage: Wie schaffen wir es, unser Leben einfach so fortzuführen, wenn so schreckliche Dinge in der Welt passieren?“, erzählt die gebürtige Griechin, die derzeit als eine der aufregendsten Choreografinnen der Berliner Tanzszene gilt.

Die Flüchtigkeit von Emotionen

Es sind sehr persönliche Empfindungen, die in das Stück einfließen, zugleich spürt Válastur gesellschaftlichen Befindlichkeiten nach. Zu Beginn des Stück tragen die Tänzer und Tänzerinnen in einer Prozession ein großes Kunststoffherz über die Bühne – fast mutet es wie ein Begräbnis an.

Wie fragil und flüchtig unsere Emotionen sind, auch darum geht es Kat Válastur. Die Freude, die die sieben Tänzer anfangs zur Schau tragen, fällt rasch in sich zusammen, steigert sich ins Exzessive oder schlägt ins Gegenteil um, in den blanken Horror. „Wir leben in sehr narzisstischen Zeiten“, stellt die Choreografin fest. „Deshalb möchte ich nicht nur die Unsicherheit zeigen, sondern auch eine prekäre Freude.“

Nicht zum ersten Mal setzt sie dabei eine kinetische Technik ein, die sie „Morphing“ nennt". Der Ausdruck der Tänzer ändert sich dauernd, so dass sie zu fluiden Identitäten werden. „Wir haben viel ausprobiert“, erzählt Válastur. „Zunächst fokussierten wir uns auf die energetische Form eines Körpers, der Freude empfindet. Dann fragten wir uns: Was passiert, wenn diese Energie entweicht?“ Immer wieder sieht man, wie die Tänzer zusammensinken oder kollabieren, es geht um Prozesse des Zerfließens und der Auflösung. Dann wieder fährt eine ungestüme Energie in die Körper.

Válastur ist die perfekte Botschafterin der Berliner Szene

Válastur studierte Tanz an der Hellenic School of Dance, an den Trisha Brown Studios in New York und an der HZT Berlin. Ihre Performances fesseln durch das perfekte Zusammenspiel von Bewegung, Sound, Bühnenbild und Licht. Sei sei sehr fordernd, sagt sie über sich selbst. Und dass sie sich glücklich schätzt, ein so gutes Team zu haben.

Mit dem Lichtdesigner Martin Beeretz arbeitet die Tänzerin schon seit 2012 zusammen, Und der Künstler Leon Eixenberger, den sie im Institut für Raumexperimente im Berliner Atelier von Olafur Eliasson kennenlernte, entwirft wie in den beiden Stücken zuvor auch in „Arcana Swarm“ die Skulpturen für das Bühnenbild. Der Austausch ist ihr wichtig: „Ich habe oft schon eine Idee, wenn wir anfangen, aber er fügt Elemente hinzu, die noch fehlen.“

Kat Válasturs Arbeiten werden auch international präsentiert, nach der Premiere am HAU 1 wird „Arcana Swarm“ in Paris gezeigt. Das renommierte Théatre de la Ville fungiert als Koproduzent, die Fondation d’entreprise Hermès unterstützt das Projekt, ebenso die Berliner Kulturverwaltung und vom Bund finanzierte Hauptstadtkulturfonds. Kat Válastur startet gerade richtig durch – und sie ist eine perfekte Botschafterin für die Berliner Szene.

Archaisches und Zeitgenössisches

Was ihre Arbeiten besonders macht: Der Choreografin gelingt es immer wieder, Archaisches und Zeitgenössisches kurzzuschließen. Sie liebt die alten Mythen. Ihr erster Zyklus „Oh! Deep Sea - Corpus I - IV“ (2010 – 2012) war von Homers „Odyssee“ inspiriert, wobei sie sich dem Epos nicht auf narrative Weise näherte, sondern e die Odyssee als Irrfahrt eines Körpers durch Raum und Zeit interpretierte.

Bereits mit der Trilogie „The marginal Sculptures of NEWtopia“ hatte sie dann ihren ganz eigenen Stil entwickelt: Válasturs sorgfältig komponierte Performances zeichnen sich durch starke Bildkraft aus. Dabei schöpft sie aus einem reichen Fundus an Erinnerungen und inneren Bildern, in denen die antiken Sagen nachhallen.

[Premiere im HAU 1 ist am 20. 11., 20 Uhr. Wieder von 21. – 23. 11., jeweils 19 Uhr]

Auch in „Arcana Swarm“ lässt sich, wenngleich versteckt, eine Anspielung aufs Mythische finden, wenn die sieben Tänzer sich ein letztes Mal verwandeln.

Die Körper leuchten im Dunkeln, zum Schluss sind nur noch Lichtpunkte zu sehen. „Sie werden zu den Plejaden, den sieben Sternen, die sich im Sternkreis Stier befinden“, erklärt Kat Válastur. Dazu hat sie einen mythisch aufgeladenen Satz geschrieben, der im Stück mehrfach wiederholt wird. „They found them covered with stars. Even the night was jealous.“ Es geht um Menschen, die ihr Leben im Krieg oder auf der Flucht verloren haben, erzählt sie.

„Arcana Swarm“ lädt die Zuschauer ein zu einer inneren Reise. Und wieder erweist sich Kat Válastur als eine Meisterin der Metamorphosen.

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