Kendrick Lamar live in Berlin : Demut, bitte!

Bei seinem beeindruckenden Konzert in Berlin beweist der amerikanische Rapper Kendrick Lamar seinen Ausnahmestatus - und schließt seine "Damn."-Tour ab.

Der amerikanischer Rapper Kendrick Lamar, 30.
Der amerikanischer Rapper Kendrick Lamar, 30.Foto: dpa

Prassen und Angeben sind wichtige Disziplinen im Hip-Hop-Geschäft. Mustergültig vorgeführt wurden sie gerade erst von Jay-Z mit einer 91 000-Dollar-Champagner-Rechnung und Drake mit seinem Ich-verschenke-eine-Millionen-Video zu dem Song „God’s Plan“. Und was macht der Kollege Kendrick Lamar, derzeit größter Rapper des Planeten? Das Gegenteil. Er lässt alles weg. Ganz allein steht er auf der leeren Bühne der ausverkauften Mehrzweckhalle am Berliner Ostbahnhof. Um ihn herum Videoscreens, ein paar Scheinwerfer, ein paar Feuerfontänen – das war’s. Die dreiköpfige Band hat er ins Dunkel neben der Bühne verbannt. Gelegentlich darf eine Tänzerin mitmischen.

Lamar folgt seinem eigenen Ratschlag aus dem Song „Humble“, in dem er in Anlehnung an Jeremia 13,18 im Refrain immer wieder fordert: „Bitch, be humble (hol‘ up bitch)/ Sit down (hol‘ up, lil, hol‘ up, lil bitch)/ Be humble.“ Hinsetzen und demütig sein – darum geht es dem 30-Jährigen, der sich in den letzten Jahren immer stärker in der Rolle eines gottesfürchtigen Rap-Propheten inszeniert – oder auch gleich mal als der Messias selbst.

Sein aktuelles Album „Damn.“ erschien vergangenes Jahr an Karfreitag und begann mit einer kleinen Geschichte, in der er von einer blinden Frau erschossen wird. Mit dem darauf folgenden Song „DNA“, der die Show in Berlin eröffnet, kehrt der Mann aus Los Angeles wortgewaltig von den Toten zurück. Bei dessen Beginn kniet Lamar im Bühnennebel, den Kopf gesenkt – eine Pose, die sich durch den Abend zieht. Er trägt eine Zöpfchenfrisur und einen weißen Anzug, der wie eine Mischung aus Büßergewand und Bademantel wirkt. Dann springt er auf und schießt mit der „I got, I got, I got“-Zeile an den Bühnenrand.

Sprechchöre und Kunstpausen

Kendrick Lamars Präsenz ist umwerfend. Und gerade durch die Reduktion der Show demonstriert der Rapper, der nicht mal 1,70 Meter misst, seine Größe. Seht her, ich habe den Laden ganz allein im Griff. Das funktioniert tatsächlich. Schon während der Eröffnungsnummer hält es bis unters Hallendach niemanden mehr auf dem Sitz. Die extrem textsicheren Fans feiern Lamar mit Sprechchören, sobald er mal eine Kunstpause einlegt. Einmal tigert er dabei wie ein nervöser Prediger im Kreis herum und stellt sich schließlich mit ausgebreiteten Armen an den Bühnenrand. Während er langsam die Hände senkt, wird die Menge schlagartig ruhig. Man denkt, er könnte jetzt alles von ihr verlangen.
Zum Glück fordert er im nächsten Track nur „Loyalty“ – schnell und in seiner typischen leicht nasalen Diktion feuert er seine Reime über die Rampe. Die Stimme von Gastsängerin Rihanna wird eingespielt. Sie fällt kaum auf.

Yes means Yes

Nach einer halben Stunde taucht Lamar auf einer kleinen Plattform in der Hallenmitte auf – wieder kniet er. Ein Vorhang aus Lichterketten schließt ihn während des Stücks „Lust“ ein wie in einen Käfig. Doch während er seine Stimme ins Falsett hochschraubt, fährt die Mini-Bühne nach oben und er schwebt einige Meter über allen. Befreit durch den Sex, den er in dem Song besingt. Übrigens mit einer schönen Stelle, in der er sich die ausdrückliche Zustimmung seiner Geliebten zum nächsten Schritt im Liebesspiel einholt. Yes means Yes – gar nicht so schwierig.

Nennt Lamar die Frau hier einmal „girl“, sind ihre Geschlechtsgenossinnen bei ihm sonst meist einfach nur „bitches“. Dieser Aspekt ist wie ein dunkler Kratzer in seiner unbestreitbaren Meisterschaft. Wenn tausende die Refrainzeile seines frühen Hits „Bitch, Don’t Kill My Vibe“ mitsingen, ist das für ein feministisches Gemüt nicht unbedingt ein Konzert-Highlight. Genauso wenig wie der Chorus-Beginn von „Element“ in dem es heißt: „If I gotta slap a pussy-ass nigga, I’ma make it look sexy/ If I gotta go hard on a bitch, I’ma make it look sexy.“ Auch wenn hier – genau wie in „Humble“ – nicht zwingend Frauen gemeint sind, bleibt es doch ein Ausdruck von Misogynie. Es gibt keinen Grund, dies mit Genre-Konventionen zu entschuldigen, denn Lamar schert sich sonst wenig darum. Er hat schließlich schon mit U2 zusammengearbeitet und sich mit James Blake einen empfindsamen Elektrobarden ins Vorprogramm geholt, der erstaunlich gut ankommt.

Guter Sound, druckvolle Band

Dass er das zärtliche Register ebenfalls beherrscht, demonstriert Kendrick Lamar mit den hintereinander gespielten Stücken „Pride“ und „Love“. Trotz des strengen schwarz-weißen Bühnenlooks, sind sie die rot glühenden Soul-Herzstücke der 90-minütigen Show – und die Fans lassen ihre Smartphone-Lampen dazu leuchten. Beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit Kendrick Lamar, der zum ersten Mal seit fünf Jahren in Berlin auftritt, die Tonalität wechseln kann. Kurz darauf ist er bei „Alright“ schon wieder im Full-Power-Modus. Das Stück vom großartigen, jazz- und funkinfizierten Album „To Pimp A Butterfly“ fügt sich nahtlos ein in das Set, das von „Damn.“- Songs geprägt ist. Und die knallen mächtig – auch Dank des guten Sounds der druckvoll aufspielenden Band.

Auf berauschende Weise passt hier alles zusammen, es entsteht das Gefühl einen Künstler im Zenit seiner Schaffenskraft zu erleben. Und Lamar weiß um seinen momentanen Midas-Touch, er strahlt dieses Selbstbewusstsein mit jeder Bewegung aus. Seine letzten beiden Alben waren Meisterwerke, seine Grammy-Shows eindrucksvolle Machtdemonstrationen, und gerade hat er mit dem Soundtrack zum Superheldenfilm „Black Panther“ ein weiteres Top-Ten-Ass aus dem Ärmel geschüttelt. Er kann es sich leisten, davon keinen einzigen Track live zu spielen, das tolle Duett mit SZA („All The Stars“) läuft stattdessen nach dem Konzert als erster Rausschmeißer-Song.

Zum Schluss wird Gott gefeiert

Kendrick Lamar hat eben seine eigene Superheld-Geschichte. Und die handelt davon, wie er seine Jugend in schwierigen Verhältnissen mit der Hilfe des Glaubens hinter sich gelassen hat. Dabei ist ihm das Kunststück gelungen, seine Herkunft – das für den Westcoast-Hip-Hop fast schon mythische Compton – gleichzeitig zu überwinden und es weiterhin zu feiern. Er hat die Härte und Autorität von dort mitgenommen, muss aber nicht mehr so tun, als sei er ein Gangster. Sogar Albernheiten wie die trashigen Einspiel-Videos mit seinem Alter Ego Kung-Fu-Kenny kann sich Kendrick Lamar beim Konzert leisten. Ob sie als Verbeugung vor dem Wu-Tang Clan gemeint sind? Egal – der nächste Hit folgt sofort.

Zum Abschluss seiner Rap-Messe – es ist zudem das Ende der „Damn.“-Tour – zelebriert Kendrick Lamar „Humble“, bei dem sich die Berliner Fans als würdige Mitstreiter*innen erweisen: Ohne Begleitung brüllen sie ihm die erste Texthälfte entgegen. Lamar wiederholt dann nochmal alles mit Unterstützung der Band, die ein paar Schnörkel dranspielt. Als einzige Zugabe folgt „God“ – und die Erkenntnis, dass der Hip-Hop-Messias unter uns war.

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