Khatia Buniatishvili in der Philharmonie. : Träumen und Staunen

Berlin-Gastspiel mit dem Orchestre National de Lyon: die Pianistin Khatia Buniatishvili in der Philharmonie.

Die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili.
Die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili.Foto: E. Haase/Sony

Mit einer Gentleman-Geste beginnt das Berlin-Gastspiel des Orchestre National de Lyon in der Philharmonie: Dirigent Leonard Slatkin hat mit Barbers „Adagio for strings“ eine sehr kontemplative Eröffnung gewählt, damit seine Solistin Khatia Buniatishvili anschließend in Rachmaninows 2. Klavierkonzert um so heller strahlen kann. Doch die Georgierin verweigert sich, will gar nicht Star des Abends werden, duckt sich weg unter dem aufrauschenden Klang des Orchesters. Als wären die Tasten des Flügels aus Glas, das man lediglich mit den Fingerkuppen streifen darf, so feinfühlig, so filigran geht sie den aberwitzig virtuosen Part an.

Ihre Tonkaskaden und Akkordketten sind schon in Block B kaum noch zu hören, Buniatishvilis Konzept, diesen Reißer der Konzertliteratur eben nicht maximal brillant, sondern möglichst natürlich und empfindsam zu spielen, führt dazu, dass die einkomponierten Kontraste zwischen den einzelnen Sätzen verloren gehen. Die blühende Melodik des Adagio sostenuto wirkt fast schon sediert, von der romantischen Mondnachtstimmung bleibt nur mehr eine neblige Ahnung. Vor dem Finale reckt sich die Pianistin, lässt die Schultern kreisen – und bleibt dann doch bei ihrem hauchzarten Anschlag. Nur wo es sich gar nicht vermeiden lässt, zeigt sie kurz, dass sie auch kraftvoller zulangen kann. Dann aber zieht sie sich sofort wieder in die Defensive zurück, setzt als Pianissimo-Prinzessin ihren Spitzentanz auf schwarzen und weißen Tasten fort. Vom Publikum wird sie dafür begeistert gefeiert.

Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ als Tonmalerei vom Feinsten

Wie ein Sorbet, das bei großen Menüs vor dem Hauptgang gereicht wird, wirkt nach der Pause Ravels „Tombeau de Couperin“: Sehr elegant, mit angenehm vitalem Puls präsentiert Leonard Slatkin die Suite und macht damit klar, dass er im Gegensatz zu Khatia Buniatishvili kein Fan zerdehnter Tempi ist. Als Zugaben-Dessert wird es später das schwebende Intermezzo aus dem 3. „Carmen“-Akt geben, gefolgt von einem finalen Glas Champagner in Form von Offenbachs Cancan.

Auf den Punkt, mit Präzision und Sinn für Effekte dirigiert der 74-jährige Maestro dazwischen Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“, animiert das französische Orchester, dessen Chef er von 2011 bis 2017 war, zu einem wunderbar farbsatten Klang, der sich immer wieder zum beeindruckenden Cinemascope-Format weitet. Das ist Tonmalerei vom Feinsten, ein kurzweiliger Ausstellungsrundgang mit einem Guide, der jedes Detail der Orchestration genießt, bis hin zur glanzvollen, aus dem Geist der religiösen Atmosphäre entwickelten Apotheose des „Großen Tors von Kiew“.

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