Klassik in der Waldbühne : Wenn sich Feierlaune und Ordnungswahn paaren

Plastikbesteck und Pet-Flaschen statt geselligem Massenpicknick mit Kerzenleuchter: Klassikkonzerte in der Waldbühne machen keinen Spaß mehr. Eine Glosse.

Die Akustik war schon immer suboptimal - und auch das Gesellige an den Klassik-Konzerten in der Waldbühne wird schwieriger.
Die Akustik war schon immer suboptimal - und auch das Gesellige an den Klassik-Konzerten in der Waldbühne wird schwieriger.Foto: EPA/Wolfgang Kumm

Klassikkonzerte in der Waldbühne machen eigentlich keinen Spaß mehr. Nicht wegen der Akustik – die war hier für Sinfonisches immer suboptimal, gelinde gesagt. Sondern wegen des Drumherums. Früher glichen die Konzerte geselligen Massenpicknicks mit Musikbeschallung. Man schleppte Kulinarisches und prickelnde Getränke ran, breitete sich stilvoll aus, manche hatten sogar Kerzenleuchter dabei.

Tempi passati. Die Terroranschläge der letzten Jahre haben Großveranstaltungsorte wie die Waldbühne zu Hochsicherheitszonen werden lassen. Die einzigen, die davon profitieren, sind die offiziell zugelassenen Caterer, die ihre Waren auf dem Gelände zu überteuerten Preisen anbieten, weil die Besucher quasi nichts mehr durch die Sicherheitskontrolle bekommen. Rucksäcke sind sowieso verboten. Beim letzten Auftritt von Daniel Barenboim und seinem West Eastern Diwan Orchestra kam es im vergangenen August zu dramatischen Szenen, weil jegliches Tragebehältnis über DIN A4-Größe zurückgewiesen wurde. Worauf sich schier endlose Schlangen an den Garderobencontainern bildeten.

Für die beiden Auftritte der Berliner Philharmoniker an diesem Wochenende gelten, Hurra!, gelockerte Einlassbestimmungen. Die Zerberusse an den Toren werden tatsächlich Picknicktaschen bis zu einer Größe 40 mal 40 mal 35 Zentimetern durchlassen.

Aber Achtung, es gibt Auflagen: Es darf sich nicht um „sperrige Transportbehältnisse“ handeln, die Besucher dürfen ausschließlich Plastikbesteck dabeihaben und ihre mitgebrachten Speisen sollen „durchsichtig verpackt“ sein, vorzugsweise in Flugbeuteln, wie sie für Kosmetika im Handgepäck benutzt werden. Anders als am Airport darf jeder einen halben Liter Flüssigkeit mitführen. Sogar „leichte Alkoholika“ sind erlaubt, allerdings nur in Tetrapaks oder Pet-Flaschen. So paart sich nur in Deutschland Feierlaune mit Ordnungswahn.

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Wem Champagner aus der Plastikpulle zu stillos ist, wer auf Tafelsilber und Kristall ebenso wenig verzichten möchte wie auf weißes Linnen, dem bleibt noch das guerilla listening, nach dem Vorbild von Classic Open Air auf dem Gendarmenmarkt. Dort lassen sich immer mehr Menschen einfach außerhalb der Absperrungen nieder, als Hinterm-Zaun-Gäste, die sich bei der Wahl ihres Equipments keinerlei Gängelungen durch die Security beugen müssen. Okay, man sieht dann zwar nichts von den auftretenden Künstlern – aber es gibt ja Leute, die behaupten, bei der Klassik sei nicht das Sehen und Gesehenwerden das Wichtigste. Sondern die Musik.

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