Klassik und Klimaschutz : Spitzenorchester sind Vielflieger

Trotz der Folgen fürs Klima: Auf Gastspielreisen wollen Orchester nicht verzichten. Die Berliner Staatskapelle betreibt eine nachhaltige Initiative.

Pioniergeist. Der Hornist Markus Bruggaier (r.) gründete mit Staatskapellen-Kolleginnen und -Kollegen vor zehn Jahren das „Orchester im Wandel“. Der Verein veranstaltet Klimakonzerte gegen Spenden.
Pioniergeist. Der Hornist Markus Bruggaier (r.) gründete mit Staatskapellen-Kolleginnen und -Kollegen vor zehn Jahren das...Foto: Sebastian Rosenberg

Im vergangenen Herbst haben die Musikerinnen und Musiker des Deutschen Symphonie-Orchesters die Auswirkungen des Klimawandels am eigenen Leib erfahren. Fünf Konzerte in Tokio waren absolviert, nun sollte die Asien-Tournee in Seoul fortgesetzt werden – doch dann legte der Hurrikan Hagibis den Flugverkehr lahm.

Tagelang saß das Orchester in der japanischen Metropole fest, erlebte Erdbeben, brutalen Wind und Starkregen. Aus den Auftritten in Südkorea wurde nichts, am Ende war man froh, immerhin nach Peking weiterreisen zu können.

Die Erfahrung mit der Extremwetterlage hat den Klassikprofis aus Berlin klargemacht, dass sie selber ein Teil des Problems sind. Europäische Spitzenorchester sind chronische Vielflieger, Gastspielreisen rund um den Globus sind ihrer Meinung nach fürs Renommee unabdingbar.

Die britische Künstleragentur Jasper Parrot brüstet sich damit, für ihre Kunden pro Jahr 38 internationale Tourneen in mehr als 200 Länder zu organisieren. Und es handelt sich stets um große Gruppenreisen. Das DSO war im Oktober 2019 mit 120 Personen unterwegs.

Den Erkenntnissen der Klimaforscher kann man mit Flugscham begegnen. So wie das Orchester aus dem schwedischen Helsingborg, das nur noch Engagements außerhalb seines Stammsitzes annimmt, an Orten, die sich mit der Bahn oder dem Schiff erreichen lassen.

Ausgleichszahlungen - reicht das?

Oder man macht es wie die Konzertdirektion Albert in Deutschlands Öko-Hauptstadt Freiburg, die ihre Veranstaltungen „mittelfristig klimaneutral“ organisieren will. Indem sie den CO2-Fußabdruck der eingeladenen Interpreten kompensiert, also Geld spendet für Hilfsprojekte in Entwicklungsländern oder auch für lokale Schulpflanzaktionen.

Ähnlich agieren die Wiener Symphoniker. Sie haben bekannt gegeben, dass sie ab diesem Jahr für alle ihre Konzertreisen Ausgleichszahlungen leisten wollen. Bei acht geplanten Tourneen kommt eine Summe von 4125 Euro für die Bekämpfung der Erderwärmung zusammen. Wenig Geld für viel positive Publicity.

Ganz auf Auslandsgastspiele will auch Markus Bruggaier nicht verzichten. Der Hornist ist Mitglied der Berliner Staatskapelle und seit Jugendtagen im Umweltschutz aktiv. „Orchester wie wir müssen international präsent sein“, findet er.

„Allerdings sollten wir uns genau überlegen, ob wir für nur drei Konzerte nach New York jetten oder sich so eine Flugreise nicht mit einer Tournee durch weitere Städte der USA verbinden lässt.“ Die man dann vielleicht per Bahn oder Bus anfährt.

Verhältnismäßigkeit ist ein wichtiger Parameter in Bruggaiers Argumentation: „Neulich bin ich mal von einem anderen Spitzenensemble gefragt worden, ob ich mal eben für einen einzigen Abend nach Tokio kommen könne, weil dort ein Hornist ausgefallen war.“ Das hat er abgelehnt. Auch Übersee-Trips von Jugendorchestern findet er eigentlich nicht angemessen.

Staatskapellenmitglieder lassen Urwald aufforsten

Bruggaier will sich aber nicht mit Diskussionen darüber aufreiben, ob Spenden an Organisationen wie Myclimate oder Atmosfair sinnvoll sind oder nicht doch eher ein Selbstbetrugstrick, um sich ein reines Gewissen zu erkaufen, so wie einst beim Ablasshandel zu Martin Luthers Zeiten. Zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen vom Orchestervorstand der Staatskapelle ist er einen entscheidenden Schritt weitergegangen.

Schon vor zehn Jahren haben sie einen Verein gegründet, der „Klimakonzerte“ veranstaltet. Mit dem Erlös der Benefizabende wird ein Aufforstungsprojekt auf Madagaskar unterstützt. 220000 Bäume konnten dank des Engagements der Staatskapellenmitglieder seitdem bereits gepflanzt werden.

„Orchester des Wandels“ nennt sich der Verein. Zunächst war das im Singular gemeint, seit dem 5. Juni muss man sich den Namen im Plural denken. „Immer wieder haben uns Musikerinnen und Musiker aus anderen Städten kontaktiert, die unsere Pionierarbeit begeisterte“, erzählt der Hornist.

„Um Gleiches bei sich zu Hause zu etablieren, erschien ihnen unser Vorbild allerdings zu groß.“ Darum hat die Staatskapelle ihr Madagaskar-Engagement jetzt für alle Berufsorchester geöffnet, die mitmachen wollen. Einzige Voraussetzung: Jedes Ensemble muss sich verpflichten, mindestens zehn Jahre lang pro Jahr jeweils einen vierstelligen Spendenbetrag beizusteuern. Denn das Projekt ist langfristig und nachhaltig angelegt.

Aus dem Ebenholz sollen Instrumente werden

„Bis aus den Ebenholzbäumen, die jetzt gepflanzt werden, Instrumente entstehen können, dauert es fünfzig bis achtzig Jahre“, erklärt Bruggaier. Es geht um eine klassische Win-Win-Situation. Zum einen werden auf der afrikanischen Insel Arbeitsplätze geschaffen, was wiederum die lokale Bevölkerung für den Wert des natürlichen Ökosystems sensibilisiert.

Und zum anderen wird ein wichtiger Rohstoff für den Bau sowohl von Streich- wie auch Holzblasinstrumenten gefördert. „1989 waren zehn Prozent der Urwälder auf Madagaskar zerstört“, sagt Bruggaier, „mittlerweile sind es mehr als zwei Drittel.“ Korruption, fehlende Gesetzgebung und unklare Besitzverhältnisse haben dazu geführt, dass gerade Ebenholz wahllos abgeholzt wurde.

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Die „Orchester des Wandels“ wollen eine echte Graswurzelbewegung sein, basisdemokratisch organisiert und philanthropisch ausgerichtet. Die jetzt Aktiven werden von den langsam wachsenden Ebenholzbäumen konkret nichts haben, wohl aber die kommenden Generationen von Profimusikerinnen und -musikern.

Um so bitterer war es für Markus Bruggaier und seine Mitstreiter, dass die Coronakrise sie zur Absage ihres diesjährigen Benefizkonzertes gezwungen hat. Am heutigen Samstag hätte es in den „Gärten der Welt“ in Marzahn stattfinden sollen.

Das Klimakonzert in den „Gärten der Welt“ musste ausfallen

Es sollte um die Themen „Wald“ und „Freiheit“ gehen, der Tenor Andreas Schager hätte Arien aus dem „Freischütz“ und aus „Fidelio“ beigesteuert, die Staatskapellenmitglieder wollten eine Bearbeitung von Beethovens Pastorale spielen. „Aber für 2021 haben wir bereits alles organisiert“, sagt Bruggaier. „Dann wollen wir das Klimakonzert im Kraftwerk Berlin veranstalten.“

Unter den internationalen Top-Klassikformationen wären die Berliner Philharmoniker übrigens das Orchester, das am Leichtesten auf Flugreisen verzichten könnte. Wegen der Digital Concert Hall, der Internetplattform, auf der sie ihre Auftritte ausstrahlen.

Über eine derart exquisite Kommunikationsmöglichkeit mit den Fans rund um den Globus verfügt keiner ihrer Konkurrenten. Ton- und Bildqualität sind von höchstem Niveau; die hochmodernen Kameras und Mikrofone werden vom hauseigenen Tonstudio aus gesteuert. Da fühlt sich der Zuschauer tatsächlich fast so nah, als wär er da. Infos unter: www.orchester-des-wandels.de

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