• Kolumne „Spiegelstrich“: Warum das „How dare you“ von Greta Thunberg berechtigt ist

Kolumne „Spiegelstrich“ : Warum das „How dare you“ von Greta Thunberg berechtigt ist

Die 16-jährige Greta Thunberg hat die Kommunikation zwischen den Generationen verändert. Jetzt sind es die Kinder, die die Eltern tadeln – zu Recht.

Klaus Brinkbäumer
Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach am Rande des UN-Klimagipfels in New York mit der schwedischen Klima-Aktivistin Greta Thunberg.
Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach am Rande des UN-Klimagipfels in New York mit der schwedischen Klima-Aktivistin Greta...Foto: REUTERS

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Für den Tagesspiegel schreibt er seine wöchentliche Kolumne über Sprache und Politik.

Wenn eine Beziehung zwischen Eltern und ihrem Kind die Zeit bekommt, reifen zu können, dann wandelt und rundet sie sich. Für die Kommunikation, Instrument jeder Beziehung, gilt das auch. Am Anfang blubbern Babys Laute wie „bwww“, und die Eltern glauben an die Einzigartigkeit dieses Wesens und machen gleichfalls „bwww“. Von da an wird’s diffiziler.

Kinder lernen sprechen, lesen, schreiben, werden Teenager. Es kommen Abnabelung und Rebellion, große Forderungen und Träume und die Wirklichkeit, es gibt Phasen der Nähe und des Schweigens, und natürlich gibt es irgendwann Erinnerungen, gab es Fehler, gibt es Vorwürfe.

Warum hat der Vater nie über Liebe oder andere Gefühle gesprochen? Warum war der Sohn so schroff, wieso entzog er sich? Wenn es gut geht, verstehen Kinder und Eltern einander am Ende des gemeinsamen Weges, versöhnen sich und dann helfen die Kinder den alten Eltern.

Greta Thunberg, 16, hat vor den Vereinten Nationen den Halbsatz des Jahres gesagt: „How dare you.“ „Wie könnt ihr nur …“, sagte sie und meinte vieles: seit den achtziger Jahren von der Klimakrise wissen und passiv bleiben; noch immer über ewiges Wirtschaftswachstum reden; uns Kindern die Zukunft rauben.

Das Kind übernahm am vergangenen Montag hier in New York eine Mutterrolle. Es tadelte, erzog. Streng war Thunberg und wütend und frei: Sie wollte keine Wärme (der Beifall irritierte sie), will nichts werden und keine Kompromisse ergaunern, sie will einfach nur, dass die Erwachsenen die Klimakrise zum wichtigsten aller Themen erklären und handeln. Diese Radikalität ist kindlich naiv und im konkreten Fall die einzig erwachsene Position.

Dass Greta Thunberg ein Popstar wurde, ist nebensächlich

Angela Merkel ließ dann ein Foto von sich und Thunberg posten, nicht umgekehrt. Donald Trump verspottete Thunberg via Twitter und jammerte, dass er „für viele Dinge“ einen Nobelpreis bekommen müsste. Wer von den beiden ist das Kind? Der „Breitbart“-Kolumnist John Nolte fragte großväterlich, ob Greta eher „eine Tracht Prügel oder eine psychologische Intervention“ brauche.

Greta Thunberg hat die Kommunikation zwischen den Generationen verändert und deren Beziehung gleich mit. Es ist gerade ein Jahr her, dass sie einsam in Stockholm saß, mit diesem heute berühmten Plakat: „Skolstrjk för klimatet!“ Dass sie damit und mit ihren Zöpfen, ihrem Ernst und auch ihrem Lächeln ein Popstar wurde, mag beschreibenswert sein, ist aber nebensächlich. Wichtig ist, was sie und jene wollen, die freitags auf den Straßen sind.

Sie sind nach der Jahrtausendwende geboren. Sie werden das Jahr 2050, 2070, 2090 erleben. Vom Zwei-Grad-Ziel ist stets die Rede, aber die Erderwärmung macht dort nicht halt. Im Jahr 2100 kann sich die Erde, wenn der CO2-Ausstoß nicht gestoppt wird, um sieben Grad erwärmt haben. Mein Sohn könnte gute Chancen haben, im Februar 2119 hundert Jahre alt zu werden. Wer wird dann wo auf der Erde leben können?

"Schämt euch", den Satz sagten unsere Großeltern zu unseren Eltern, als diese Kinder war

Diese Kinder, die freitags die Schule schwänzen und demonstrieren, wissen, dass sie die Eltern brauchen. Nur die Eltern von heute können jetzt Gesellschaftsordnungen und Lebensweisen verändern, nur sie haben die politische Macht.

[Sie erreichen unseren Autor unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer.]

„Schämt euch“ ist ein Satz, den einst unsere Großeltern zu unseren Eltern sagten; damals, als unsere Eltern Kinder waren. Sprache verändert sich, auch deshalb ist die Verständigung zwischen Generationen so schwierig.

Dieser Satz aber ist zurück. Heute sagen unsere Kinder „Schämt euch“ zu uns. Sie wissen und wir wissen, dass sie recht haben.
Und nun wird es Zeit.

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