Konvertit Cat Stevens : Der Morgenlandfahrer Yusuf Islam

Der Übertritt zum Islam führt nicht zwingend in den Radikalismus. Der Musiker Yusuf Islam, der sich früher Cat Stevens nannte, hat ihm nach langen Irrwegen abgeschworen. Ein Essay über Konvertiten, Krieger und Erleuchtete.

Vom Folkrockstar zum Hardliner – und zurück. Yusuf Islam tritt inzwischen wieder mit seinen Songs auf.
Vom Folkrockstar zum Hardliner – und zurück. Yusuf Islam tritt inzwischen wieder mit seinen Songs auf.Foto: Danny Clinch

Yusuf Islam, als Steven Demetre Georgiou in London geboren und als Sohn eines zypriotischen Restaurantbesitzers in Soho aufgewachsen, verkaufte als Cat Stevens in den siebziger Jahren weltweit 50 Millionen Platten. Dann, im Jahre 1977, wurde der Sänger beim Baden im Pazifik im letzten Augenblick vor dem Ertrinken gerettet. Ein Koran aus der Hand seines Bruders öffnete ihm die Augen, wem er dafür zu danken hätte: Allah. So wurde aus dem Folkrockstar über Nacht ein muslimischer Hardliner, der seine Gitarrensammlung bei Sotheby’s versteigerte und – nach einer Weisung des islamischen Rechtsgelehrten Al-Ghazali aus dem Jahre 1111 – jeder von Saiteninstrumenten untermalten Musik abschwor.

Cat Stevens – er tritt am 20. November im Berliner Tempodrom auf – nannte sich fortan Yusuf Islam, gab sein hedonistisches Leben auf und gründete in London Koranschulen für Mädchen. Statt Songs nahm er Koranrezitationen auf, statt nach Kathmandu pilgerte er nach Mekka. Selbst die Fatwa gegen Salman Rushdie und die „Satanischen Verse“ soll er in der ersten, heißen Phase seiner Bekehrung unterstützt haben. Immerhin hat Yusuf Islam den Verkauf seiner Lieder nicht verboten, schienen sie ihm doch Ausdruck einer bereits begonnenen Reise, irgendwo mitten hinein in den hippieesken Sehnsuchtsraum zwischen Carlos Castaneda und Timothy Leary. Vielleicht macht gerade das den unverwechselbaren Cat-Stevens-Sound aus: ein spirituelles Heimweh, das Gefühl, wie auf einer Pilgerreise zu sich selbst zu sein, oder um es mit dem prophetischen Buchtitel Hermann Hesses zu sagen: auf einer „Morgenlandfahrt“.

Sein „Damaskus-Erlebnis“ auf dem Hippie-Trail hatte auch der Stevens-Biograf Hadayatullah Hübsch. Paul-Gerhard Hübsch, ehemals Mitglied der legendären Kommune 1, war ein ausgewiesener Acidhead, ehe er 1969 in der marokkanischen Wüste auf dem Weg nach Marrakesch unvermittelt auf die Knie fiel, die Hände gen Himmel reckte und ausrief „Oh Allah, bitte reinige mich“, um nach einer Irrfahrt durch spanische Irrenhäuser zum Islam zu konvertieren und sich fortan „Hadayatullah“ zu nennen, „der von Gott geleitete“. Hübsch war Imam in der Nuur-Moschee in Frankfurt-Sachsenhausen, gründete den linksalternativen Club Voltaire, verfasste Musikerbiografien und schaffte es, in seiner experimentellen Lyrik den Expressionismus mit der mystischen Poesie Persiens zu verbinden.

Können Yusuf Islam und Hadayatullah Hübsch als Prototypen der Islam-Konvertiten von heute angesehen werden, auch derer, die sich radikalisieren? Wie jener Ahmet C. aus Ennepetal, der binnen weniger Tage sein Facebook-Image aus „Whiskyglas, Marlboros und Smartphone“ zum langen Kaftan und Barte-des-Propheten-Look änderte, um im Juli 2014 bei einem Selbstmordanschlag im Irak einen ganzen Schulbus voller Kinder zu Asche zu verbrennen. Oder Erhan A. aus dem Allgäu, der medienwirksam erklärte, wie sehr er den halbherzigen, angepassten Pseudo-Euro-Islam seiner Eltern verabscheue und dass er nun die Absicht hege, ihn im heiligen Krieg für den sogenannten „Islamischen Staat“ zu überbieten.

Vom Folkrockstar zum Hardliner – und zurück. Yusuf Islam tritt inzwischen wieder mit seinen Songs auf.
Vom Folkrockstar zum Hardliner – und zurück. Yusuf Islam tritt inzwischen wieder mit seinen Songs auf.Foto: Danny Clinch

Um Wunsch- und Wahnvorstellungen wie diese zu verstehen, schreibt Hadayatullah Hübsch, brauche es neben Sicherheitsexperten vor allem Theologen und Religionswissenschaftler. Denn wenn es auch viele Faktoren sind, die solche netten Jungs von nebenan zu global operierenden Gotteskriegern mutieren lassen, vollzieht sich ihr Einstieg ins militante Milieu doch fast immer über eine Konversion und eine Zeit im Durchlauferhitzer der Salafistenszene, die die Gehirne der jungen Himmelfahrts-Aspiranten weichkocht, wie nur je eine Sekte es vermochte.

Da seit dem 11. September 2001 der Islam und die Gewalt fast reflexartig aufeinander bezogen werden: Die Konversion als „Sprung in den Glauben“ (Albert Camus) kann zu einer kompletten Umstülpung des Menschen führen (einem auf links gedrehten Handschuh vergleichbar). Sie muss aber nicht „Hirnwäsche“-ähnliche Effekte haben, die den Islam – eigentlich eine Religion der liebenden Hingabe an Gott – in Hasspredigten umschlagen lässt und den „Dschihad“ – eigentlich die Überwindung des eigenen Egos – als Rechtfertigung ins Feld führt, alle äußeren Feinde zu töten.

Das Phänomen der Konversion betrifft nicht nur zornmütige Jungmänner und ihre „Gottsucherbanden“ (Bazon Brock), es gibt auch den Kippeffekt from babe to burka. Kristiane Backer, zu Beginn der neunziger Jahre als MTV-Moderatorin vorn an der Londoner Front der Populärkultur, beschreibt in ihren Lebenserinnerungen „From MTV to Mecca“, wie wenig Sinn die dekadente Glamour-Welt ihrem Leben geben konnte: „Ich dachte, wonach ich mich sehnte, sei die Liebe eines Mannes; aber es war die Liebe Gottes.“ Sie trat 1995 zum Islam über.

Das Phänomen der Konversion gibt es nicht nur im Islam. Der Begriff „Damaskus-Erlebnis“ meint, losgelöst von seinem neutestamentarischen Bezug, jede grundstürzende Erfahrung einer Umwandlung vom „Saulus zum Paulus“. Die Tendenz, dass aus Konvertierten Fundamentalisten werden, ist nicht nur eine Versuchung innerhalb der islamischen Welt. Das Wort „Fundamentalismus“ wurde einst angesichts des fanatisierten Sendungsbewusstseins evangelikaler Christen geprägt.

Selbst Bob Dylan begann, als er 1979 Jesus Christus als seinen Messias annahm, Gospels zu singen. Cat Stevens’ Bruder David Gordon, der ihm nach einer Jerusalem-Reise den Koran schenkte, ist selbst fast zeitgleich zum Judentum konvertiert. Dem es ja ebenfalls genau darauf ankommt: das Joch der Tora zu übernehmen und die Mizwot strikt zu befolgen – jene Alltagsregeln, denen allein in den abrahamitischen Religionen die Kraft zugetraut wird, den Menschen von sich selbst zu befreien.

Man darf sich ruhig einmal der Strahlkraft dieses Heilsversprechens aussetzen: Es verheißt, aus der dekadenten Moderne auf den „geraden“ Weg der Orthodoxie zurückzukehren (mit anderen Worten: zu wissen, wo es langgeht). Oder der Faszinationskraft eines streng monotheistischen Gottesbildes zu erliegen, welches der Koran nicht nur mit Attributen der Macht, sondern vor allem der Schönheit versieht. Für den Versuch, zwischen religiöser Begeisterung und pseudoreligiöser Radikalisierung Grenzen zu ziehen, könnten die Geschichten von Yusuf Islam und Hadayatullah Hübsch Vorbildfunktion haben.

Bereits kurz nach dem 11. September hat Hübsch in seinem Buch „Fanatische Krieger im Namen Allahs“ erklärt, in welch tatsächlichem (Nicht-)Zusammenhang dieser Terror mit dem Islam selbst steht. Yusuf Islam, getroffen vom Ansehensverlust seiner Religion nach den Anschlägen und Großspender für deren Opfer, wandelte sich erneut. Der „Mann, der einmal Cat Stevens war“, ist heute kein Hardliner mehr.

Er hat sich der mystischen Strömung des Sufismus zugewandt. Zugleich tritt Yusuf Islam wieder mit seinen Songs auf die Bühne. Als Lokomotivführer seines „Peace Train“ ist er bemüht, den Frieden, den er fand, zu verbreiten. Der Moslem hält Musik nicht länger für unrein. Sie ist eine der großen „Naturschönheiten“, die wir Allahs Schöpfung verdanken.

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