Konzeptkünstlerin Geta Brătescu : Das Leichte im Schweren

Für sie war das Atelier ein Ort der Freiheit: Zum Tod von Geta Brătescu, einer der wichtigsten Künstlerinnen Osteuropas.

Angela Hohmann
Geta Brătescu, hier in ihrem Bukarester Atelier, wird ab 27. September im Berliner Kunstverein NBK mit einer Ausstellung gewürdigt.
Geta Brătescu, hier in ihrem Bukarester Atelier, wird ab 27. September im Berliner Kunstverein NBK mit einer Ausstellung...Foto: Stefan Sava

Sie war die Grande Dame der rumänischen Konzeptkunst und schuf seit den 1970er-Jahren ein facettenreiches Werk. Erst in den letzten Jahren wurde Geta Brătescu weltweit wiederentdeckt. Seither begeisterte sie vor allem junge Kuratoren und wurde international gefeiert. Anlässlich des 90. Geburtstags der 1926 in Rumänien geborenen Künstlerin zeigte die Hamburger Kunsthalle eine große Retrospektive zu ihren Ehren. 2017 war sie gleich auf zwei wichtigen Kunstereignissen vertreten: auf der Documenta in Kassel und auf der Biennale von Venedig, dort im rumänischen Pavillon mit einer großen Einzelausstellung. Der Neue Berliner Kunstverein eröffnet in wenigen Tagen die erste institutionelle Schau in Berlin. Die Vernissage erlebt Geta Brătescu leider nicht mehr. Am Mittwochmorgen verstarb sie mit 92 Jahren in Bukarest.

Brătescu habe sich sehr auf diese kleine Retrospektive in der oberen Etage des Kunstvereins gefreut, sagt Marius Babias, Leiter des NBK. Neben neuen und historischen Zeichnungen wird dort nun auch eines der letzten Werke zu sehen sein, an dem sie gearbeitet hat: ein Film über ihr Schaffen, den sie zusammen mit Stefan Sava produziert hat. Brătescu spricht darin über das Zeichnen als intellektuellen und körperlichen Ausdruck auf Papier (ab 27.9.). Bis zum Schluss arbeitete Brătescu in ihrem Bukarester Atelier, zuletzt vor allem an Cutouts mit der Schere. Ihre unaufhörliche Selbsterforschung hat die Künstlerin oftmals in der Figur des Vogels dargestellt, der stand in ihrer Arbeit insbesondere für die Selbstbefreiung als Künstlerin und als Frau.

Sie schuf ihre Kunst zunächst hinterm Eisernen Vorhang

Das Atelier, als Ort ihres Schaffens, aber auch als geistiger Ort bedeutete für Geta Brătescu vor allem eines: Freiheit. Und davon nahm sie sich viel. Ihre verspielt experimentelle Kunst schuf sie zunächst dort, wo dies nicht möglich schien: hinter dem Eisernen Vorhang, in einer erdrückenden, repressiven Atmosphäre. Im kommunistischen Rumänien, wo der Sozialistische Realismus Staatsdoktrin war, verschrieb sich Geta Brătescu der Konzeptkunst. Mit ungeheurer Kreativität verwandelte sie alles um sich herum in Kunst. Dazu nutzte sie – bis auf die Malerei – jedes erdenkliche Medium: Performance, Fotografie, Film, Objekt, Installation, Collage, Cutout, Grafik und Künstlerbücher. Materialien konnten gleichermaßen ihr Körper, gefundene Bilder und Muster, Papier, Stoff und Worte sein.

Brătescu war in Rumänien schon lange keine Unbekannte mehr

Daraus schuf sie ein vielschichtiges und eigenwilliges Werk, kompromisslos auch in schweren Zeiten. Das Regime in Rumänien zwang sie, ihr Kunst- und Literaturstudium in den Jahren 1945 bis 1948 abzubrechen. Ihre Eltern waren Apotheker und auch sie, als Spross dieser Familie, war damit in den Augen des Systems zu bürgerlich. Viele Jahre später nahm sie das Studium wieder auf, 1971 schloss sie es ab. Da war sie schon längst keine Unbekannte mehr, unternahm Reisen ins kommunistische Ausland und war sogar an internationalen Ausstellungen beteiligt. Sie agierte nie im Untergrund, sondern immer auf das aktuelle Geschehen bezogen.

In ihrer Kunst spielte sie mit literarischen Themen wie Brechts Mutter Courage

In der Intimität ihres Ateliers schuf sie unbehelligt von politischen Repressionen ihre avantgardistische Kunst. Immer wieder wird ihr Arbeitsraum zum Thema, etwa in der legendären Performance „The Studio“ von 1978, in der sie mit ihrem Körper den Atelierraum vermisst. Fragen nach Subjektivität und Geschlecht beschäftigen sie, später schreibt sie die Erinnerung in ihr Werk ein oder spielt mit literarischen Themen wie Goethes Faust und Brechts Mutter Courage. Über Jahrzehnte bildet sie ihr ureigenes künstlerisches Vokabular heraus. Wie viele Frauen ihrer Generation musste Geta Brătescu auf ihren Ruhm lange warten. Was sie zurücklässt, sind ihre tiefgründigen Gedanken und ihr komplexes Werk. Das wartet noch immer darauf, entdeckt zu werden.

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