Konzert im Festsaal Kreuzberg : Joan As Police Woman läutet den Frühling ein

Traurige Lieder, die nicht traurig machen: Mutmacher-Pop von Joan As Police Woman und ihrer vierköpfige Band im Festsaal Kreuzberg.

Charmant und direkt. Die amerikanische Sängerin Joan Wasser.
Charmant und direkt. Die amerikanische Sängerin Joan Wasser.Foto: Allison Michael Orenstein

Einen besseren Zeitpunkt hätte das Konzert von Joan As Police Woman im Festsaal Kreuzberg kaum finden können. Allen steckt der lange Winter noch in den Knochen, doch die ersten Frühlingstage haben die Lebensgeister wieder geweckt. Dieses Hinaustreten ins Licht nach langer Dunkelheit ist auch das Leitmotiv von Joan Wasser. Die 47-jährige Amerikanerin hatte in ihrem Leben einige Schicksalsschläge zu verkraften, und sie hat sie mit bemerkenswerter Offenheit zum Thema ihrer Songs gemacht. Dabei ist es ihr gelungen, den Kummer über den Verlust geliebter Menschen ohne religiöse Untertöne in etwas Mutmachendes zu verwandeln. Die Lieder von Joan Wasser, die sich vor gut 15 Jahren ihren von einer US-Fernsehserie der Siebziger inspirierten Bühnennamen zugelegt hat, sind oft traurig, aber sie machen nicht traurig.

So ist „Wonderful“, Eröffnungsstück ihres fünften Albums „Damned Devotion“, verknitterter Songwriter-Soul mit schnurrender Orgel, luftigem Schlagzeug und rumpelndem Bass, in dessen Lyrics Joan Wasser eimerweise Tränen aus dem Fenster schüttet, ehe der lange mit Fragezeichen versehene Songtitel in der Coda zur – vorsichtigen – Bestätigung wird. Im Vergleich zu früheren Konzerten, wo sie oft mit Minimalbesetzungen auftrat, sind ihre vier Begleiter hier schon fast ein Orchester. Das Arsenal an analogen Tasteninstrumenten illustriert die Verschiebungen im Sound. So sind die Stücke des neuen Albums, die den größten Teil der Setlist ausmachen, elektronischer, fragmentarischer als ältere Werke.

Joan Wassers Gesang ist mit einer intimen Rauchigkeit grundiert

Alle vier Musiker, darunter an den Drums ihr langjähriger Weggefährte Parker Kindred, mit dem sie schon Ende der Neunziger den Tod ihres Lebensgefährten Jeff Buckley zu verarbeiten suchte, unterstützen Joan Wasser nicht nur instrumental, sondern tupfen auch hauchzarte Harmonien hinter ihren mal flüsternden, mal kristallklar melodischen, oft mit einer intimen Rauchigkeit grundierten Gesang.

So klingen die Background-Vocals bei „Damned Devotion“ wie ein Nachhall der himmelsstürmenden Discohits der Bee Gees, bekommt „Human Condition“ eine an die frühe Madonna erinnernde Leichtigkeit, verströmt das A-capella-Finale von „Honor Wishes“ elysische Eleganz.

Ihre Qualitäten als Sängerin verbinden sich bei Joan Wasser mit einer besonderen Bühnenpräsenz. Egal, ob sie mit einem Anflug von Verruchtheit dem Lichtmischer für seine Dienste „I’ll thank you later“ entgegensäuselt, ob sie eine Huldigung an ihren verstorbenen Adoptivvater formuliert oder mit sanfter Ironie die Merchandising-Produkte anpreist, stets wirkt ihr Geplauder aus dem Moment kommend – und ungemein charmant.

Gegen Trump mit „my body, my choice“-Chorus

An das Ende des Konzerts setzt Joan As Police Woman ihr politischstes Stück und eine Botschaft: Mit Ausdauer kommen wir zusammen raus aus dem Schlamassel. Unmöglich, dabei nicht an Washington zu denken. „The Silence“ rekurriert mit dem „my body, my choice“-Chorus auf den millionenfachen Protest von Frauen nach der Amtseinführung Donald Trumps.

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Unter Jubel verlässt erst Joan Wasser, dann ein Musiker nach dem anderen die Bühne, bis nur noch Parker Kindred den frenetischen Rhythmus durchtrommelt und mit einer letzten Tom Roll ausklingen lässt. Großes Gefühlskino, mit einer brillanten Version von Prince’ „Kiss“ als Zugabe. Frühling, ja du bist’s! Dich haben wir vernommen.

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