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Blick in den Stand der Berliner Galerie Nothelfer, die unter anderem Arbeiten der Künstlerin Geerten Verheus zeigt.
© Galerie Nothelfer / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Kunstmesse in Karlsruhe: Köpfe am Streichholz

Auf der Art Karlsruhe präsentieren sich nach coronabedingter Verschiebung über 30 Galerien aus der Hauptstadt.

Um das Jahr 2010 gab es eine Phase, während derer sich unter dem Titel „Art from Berlin“ ein gutes Dutzend Galerien aus der Spreestadt in Karlsruhe vorstellten. Berlin galt damals wie heute als einer der wichtigen, in jedem Fall aber angesagten Standorte für Gegenwartskunst. Doch vergleicht man die Galerien von damals mit denen in diesem Jahr nach einem digitalen Corona-Intermezzo in der Fächerstadt vertretenen, wird deutlich: Die Szene ist weit bunter geworden, es sind mehr als doppelt so viele Galerien wie damals, die eine große Bandbreite an künstlerischen Positionen in Karlsruhe in guter Nachbarschaft mit zahlreichen internationalen Galerien zeigen. Gegenständlich und ungegenständlich, tagespolitisch aktuell oder einfach nur ästhetisch: Die Vielfalt ist enorm – und das längst nicht nur bei den Berliner Protagonisten –, was sowohl mit der thematischen Ausrichtung wie mit dem Alter der jeweiligen Galerie zusammenhängt.

So gehört die 1971 gegründete Galerie Nothelfer zu den ältesten Berliner Gästen in Karlsruhe, den Schwerpunkt setzte Georg Nothelfer von Anfang an auf das deutsche und europäische Informel. Nach seinem Tod vor zwei Jahren öffnete sich die Galerie sukzessive für Zeitgenossen, die sich mit dem Erbe der Nachkriegsabstraktion auseinandersetzen: Gerhard Hoehme, der auch mit Gemälden bekannt wurde, aus denen Schnüre heraushängen, wird nun bewusst neben einer Arbeit von Geerten Verheus gezeigt, deren Ausgangspunkt Jalousien waren, die der junge Niederländer aber so verfremdet, dass sie auf den ersten Blick wie ein filigranes, durchsichtiges Netzkleid wirken.

Papierschnitte sind ein wichtiges Mittel zur Bildfindung bei Marion Eichmann, deren „Blattverschnitte“ am Stand der Galerie Tammen zu aneinander gestückten, vereinfachten und dennoch verblüffend illusionären Bildern unserer Zeit, von Autos, Verkehrszeichen oder der Wettervorhersage werden (Preise: 1100–48 000 €) . Mit Schnüren arbeitet Gisoo Kim, die von der Galerie Mianki vertreten wird. Allerdings dienen sie bei der Koreanerin dazu, die händisch zerschnittenen Fotografien (je 3600 €) wieder zusammenzufügen. Es entsteht ein neuer, durch rote Fäden entstandener grafischer Raum, der die Naturfotografien abstrahiert und eine räumliche Ebene einbringt.

Überhaupt ist Materialität ein wichtiges Thema im derzeitigen Schaffen. Gemälde, Skulpturen, Installationen, Fotografien, Mixed Media Arbeiten, Collagen: Die Liste der Medien und verwendeten Materialien ist immens, denn es finden sich neben eher klassischen Werken seit einiger Zeit auch auf der Art Karlsruhe hier ein Video, dort eine Lichtinstallation oder ein Comic-artiges Werk wie die an Keith Haring erinnernden, auf BVG-Tickets und Glasscherben gleichermaßen gezeichneten Wimmelbilder von Ambra Durante (Galerie Friese). Am Stand der Galerie Scheffel verkörpern die Skulpturen Stefan Rohrers aus Autokarosserien und Motorrollern hochästhetisch ein Zuviel an Geschwindigkeit.

Zu den Highlights zählt ein Bild von Lotte Laserstein

Für Überraschungen sorgen die geschmiedeten Arbeiten von Till Augustin (Galerie Steinberger). Der Künstler spielt gezielt mit der Erwartungshaltung des Betrachters: Die „Seele“ des Stahlseils schaut oben und unten raus, also muss sie wohl auch im gesamten Kunstwerk, vom aufgewickelten Seil bis zum aufragenden Ende, enthalten sein. Ähnlich irritierend sind die Auto- und Rollerskulpturen von Stephan Rohrer, die die Galerie Scheffel sowohl am Stand als auch auf ihrem Skulpturenplatz in Halle 4 präsentiert.

Die Wiener Multimedia-Künstlerin Barbara Anna Husar lässt in der Hilleckes Gallery überdimensionierte, gemalte Frösche auf einer Rettungsdecke übereinander steigen, während die Landschaftsdarstellungen der Oberpfalz von Klaus Schiffermüller ihren Ausgangspunkt zwar immer in realen Situationen haben, die der Künstler aber derart verfremdet, dass sie fast surreal wirken. Daniel Schlier, der von der in Berlin und auf dem Darss vertretenen Galerie Born gezeigt wird, fertigt Kopfcollagen, die außerordentlich befremdlich wirken, weil nichts zusammenpassen will. Köpfe hat auch die Galerie Mertens dabei, allerdings handelt es sich um schwarz eingefärbte Abgüsse real existierender Menschen, die Wolfgang Stiller auf übergroße Streichhölzer montiert hat. Für den Galeristen handelt es sich um „Vanitassymbole, denn wir zerfallen am Ende alle zu Asche“.

[Art Karlsruhe, Messehallen; bis 10. Juli von 11–20 Uhr, www.art-karlsruhe.de]

Auch die kinetische Skulptur „Killing Time“ von Eric Mesplé (Loft 11 Gallery), bei der Öl aus dem in eine überdimensionierte Eieruhr eingespannten Schädel nach unten tropft, steht dafür. Dem Vergessen entreißen – so ließe sich das Anliegen der Berliner Salongalerie „Die Möwe“ umschreiben, die es sich zum Ziel gesetzt hat, lang unterschätzten Künstlerinnen eine Plattform zu geben. Das wohl beeindruckendste Beispiel dafür ist das Gemälde „Madeleine vor dem Spiegel“ von Lotte Laserstein aus den 1940er Jahren, das sich seit Jahrzehnten in schwedischem Familienbesitz befand und nun für einen oberen fünfstelligen Betrag zum Verkauf angeboten wird. Wie hoch die Luft nach oben reicht, demonstriert die Düsseldorfer Galerie Ludorff mit einem Gemälde von Lovis Corinth, das 1,25 Millionen Euro kostet.

Insgesamt 215 Galerien aus zwölf Ländern sind in den vier luftig bestückten Hallen zu sehen, die in regelmäßigen Abständen von Skulpturenplätzen unterbrochen werden. Hinzu kommt ein Außenbereich, auf dem ebenfalls Skulpturen platziert sind, ein Bereich für Editionen und Druckgrafiken, der Lust machen soll aufs Sammeln bei niedrigen Einsteigerpreisen ab hundert Euro, sowie eine Sonderschau, die diesmal das Sammlerehepaar Klöcker vorstellt. Zahlreiche Veranstaltungen zum Kunstmarkt runden die Art Karlsruhe thematisch ab und zahlen ein auf das Konto jener Kunstmesse, auf der es sich flanieren und interessante Gespräche führen lässt.

Chris Gerbing

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