Kriegsfilm „1917“ : Zwei Männer und ihre Mission im Niemandsland

In seinem Drama „1917“ schickt Sam Mendes zwei britische Soldaten quer über ein französisches Schlachtfeld. Der Film ist für zehn Oscars nominiert.

Schofield (George MacKay, rechts) muss einen wichtigen Brief überbringen.
Schofield (George MacKay, rechts) muss einen wichtigen Brief überbringen.Foto: Universal

Im Krieg kommt der Moment der Wahrheit, wenn sich ein Soldat aus der Deckung wagt. Ein paar Sekunden nur, aber sie können über Leben und Tod entscheiden. Die Scharfschützen lauern überall.

Corporal Schofield und Corporal Blake, die von den jungen britischen Schauspielern George MacKay und Dean-Charles Chapman verkörperten Helden von Sam Mendes’ Kriegsfilm „1917“, sind durchs labyrinthische Gewirr der Schützengräben gehetzt, immer tiefer hinab in die Erde, immer näher heran an die Frontlinie.

Geduckt hinein ins Niemandsland

Dutzende Kameraden strömten ihnen entgegen, einer rief: „Falsche Richtung!“. Sie rempelten sich durch, vorbei an Sanitätern, die Verletzte mit fürchterlichen Wunden nach hinten trugen. Geisterhafte Stille liegt über dem Frühlingsmorgen, das Donnern der Geschütze hatte plötzlich aufgehört. „War das an der Somme auch so, bevor die Schlacht begann?“, fragt Blake den etwas erfahreneren Schofield. Die Antwort: „Keine Ahnung, habe ich vergessen.“

Jetzt stehen sie im vordersten Graben, ein Offizier segnet sie für ihre Mission mit ein paar Tropfen aus seinem Flachmann. Dann klettern Schofield und Blake über die Brüstung, kriechen durch Stacheldraht und Sperren. Kein Schuss fällt. Ein euphorischer Augenblick. Sie leben, richten sich vorsichtig auf, laufen geduckt weiter hinein ins Niemandsland. In Erich Remarques, von Lewis Milestone verfilmten Anti-Kriegsklassiker „Im Westen nichts Neues“ überlebt der Protagonist ähnlichen Übermut nicht. Sinnbildhaft greift er nach einem Schmetterling vor seiner Stellung und wird von einem unsichtbaren Feind aus einigen hundert Metern Entfernung erschossen.

Zwei Golden Globes hat der Film bekommen

Die ersten zwanzig Minuten von „1917“ dürften schon jetzt zu den atemberaubensten Ereignissen des Kinojahrs 2020 zählen. Nach den Golden-Globe-Auszeichnungen fürs beste Drama und die beste Regie gilt der Film mit zehn Nominierungen als Oscar-Favorit. Er beginnt im Idyll einer Wiese, auf der Schofield und Blake dem neuen Tag entgegendösen, bis sie ein Befehl nach vorne ruft. Und während die beiden Soldaten exerzierende, frühstückende, sich waschende Uniformierten passieren, dabei das Gerücht aufschnappen, die „Hunnen“ würden „weglaufen“, und schließlich durch Sandsäcke hindurch absteigen in den Maulwurfsbau der Gräben und Tunnel, verdunkelt sich das Bild immer mehr. Die Farben verlöschen.

Im flackernden Petroleumlicht seines Bunkers berichtet ein von Colin Firth mehr verzagt als energisch gespielter General, dass die Deutschen sich bei Nacht und Nebel auf eine neue, stark befestigte Verteidigungsstellung zurückgezogen haben, die Hindenburglinie. Es ist ein taktisches Manöver, keine Kapitulation. Und eine Falle. Denn wenn ein vorgezogenes britisches Bataillon am nächsten Morgen wie geplant angreift, laufen 1600 Männer, darunter Blakes Bruder, ins offene Messer und sind verloren.

Sie kämpfen gegen die Zeit

Weil alle Telefonleitungen gekappt sind, sollen Schofield und Blake einen Brief mit neuen Anweisungen überbringen. „Glauben Sie, Sie schaffen das?“, fragt der General. „Ja“, entgegnen die beiden Soldaten. „Noch Fragen?“ – „Nein“. Lakonie gehört zum klassischen Kriegshelden. Doch Schofield und Blake, fast noch Kinder, fehlt alles Draufgängerische. Statt vom Siegen zu träumen, wollen sie bloß eine Katastrophe verhindern. Ihr Gegner sind nicht die Deutschen. Sie kämpfen gegen die Zeit.

Der Weg, den die zwei Meldegänger zurücklegen, gleicht einer umgekehrten Schöpfungsgeschichte: von der Zivilisation zurück in den Sumpf der Ursuppe. In der Mondlandschaft des Niemandslands bewegen sie sich zum dräuenden Score von Thomas Newman an Leichen in allen Stadien der Verwesung vorbei. Ratten und Krähen ernähren sich von den Toten, Menschen zerfallen, verwandeln sich wieder in Natur. Das halb skelettierte Antlitz eines im Stacheldraht hängenden Landsers erinnert an Jesus mit Dornenkrone.

Der Film wirkt wie eine lange schnittlose Sequenz

Stets ist die Kamera Schofield und Blake dicht auf den Fersen. Geführt wird sie von Roger Deakins, der schon beim Irakkriegsfilm „Jarhead“ und dem Oscar-gekrönten James-Bond-Thriller „Skyfall“ mit Sam Mendes gearbeitet hat. Angeblich ist „1917“ in einer einzigen, 119 Minuten langen Plansequenz ohne jeden Schnitt entstanden. Allerdings gibt es immer wieder Szenen, die in dunklen Verliesen oder tiefster Nacht spielen. Egal, ob dann doch geschnitten wurde, der Effekt ist überwältigend. Fast hat der Zuschauer das Gefühl, sich mit den Soldaten zur Deckung in einen Bombenkrater zu werfen, mit ihnen in den verlassenen deutschen Unterstünden in eine Sprengfalle zu geraten oder mit ihnen in der trügerischen Ruhe des Hinterlands einem brennend abstürzenden Doppeldecker ausweichen zu müssen. Mendes beherrscht die Klaviatur des Suggestivkinos, in Interviews benutzt er dafür das Modewort der „Immersion“.

Inspiriert von den Erzählungen des Großvaters

Der Erste Weltkrieg erstarrte an der Westfront bereits 1914 zum erbittert geführten Stellungskampf, bei dem die Eroberung von wenigen hundert Metern auf beiden Seiten mit tausenden Menschenleben bezahlt werden musste. Diesem Stillstand einen Actionfilm abgewinnen zu wollen, der von der Bewegung lebt, war eine wagemutige Idee. Bei den Vorbereitungen erinnerte sich Mendes an die Erzählungen seines Großvaters, der sich mit 17 Jahren zum Kriegsdienst gemeldet und ab 1916 als Kundschafter in Belgien und Frankreich gekämpft hatte. Die Handlung folgt seinen Erlebnissen nur vage, „aber er hat von ähnlichen Situationen berichtet“, sagte der Regisseur bei einer Filmpräsentation in Berlin. Diesem Großvater, der sich noch als alter Mann immer wieder die Hände wusch, weil er glaubte, den Dreck des Schützengrabens auf ihnen zu spüren, ist „1917“ gewidmet. „Ich hoffe, er schaut auf uns herab, wenn wir im Kino sitzen.“

Eine Mission, 24 Stunden

Zuletzt hatte schon Peter Jackson mit seinem Dokumentarfilm „They Shall Not Grow Old“ versucht, die Schrecken des Ersten Weltkriegs, der in Großbritannien bis heute als „The Great War“ erinnert wird, in maximaler Wucht zu zeigen. Dafür färbte er historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen, konvertierte sie in 3D und unterlegte sie mit einer Dialog- und Geräuschkulisse. Das große Schlachten, zusammengeschnitten aus Nachrichtenmaterial oft unklarer Herkunft, als Überwältigungskino. Sam Mendes setzt dieser vielstimmingen Totalperspektive ein Konzept größtmöglicher Verdichtung entgegen: zwei Männer, eine Mission, 24 Stunden. Und weil er es schafft, die Schrecken des Kriegs in unheimliche, mitunter auch bizarr schöne Bilder zu übersetzen und er außerdem zwei großartige Hauptdarsteller besitzt, wirkt seine Fiktion wahrhaftiger als Jacksons Doku-Potpourri.

Benedict Cumberbatch als schneidiger Colonel

Am Eindringlichsten wird der Film, wenn sein Realismus ins Surreale kippt. Auf seiner Odyssee erwacht Corporal Schofield in tiefschwarzer Nacht am Rande eines Städtchens, geweckt vom Feuerwerk der Leuchtraketen. Die mittelalterliche Kirche steht in lodernden Flammen. Der Brite wird von den Deutschen durch gotische Arkaden gejagt und rettet sich in ein Kellergewölbe, wo er eine junge Französin trifft. Sie hat einen Säugling bei sich, ein Waisenkind, von dem sie nicht einmal den Namen weiß. Als er auf einem deutschen Rekruten trifft, muss Schofield ihn lautlos töten, um zu überleben. Sie sind beide im selben Alter, außer der Uniform gibt es wenig, was sie unterscheidet. Aber der Krieg folgt einer gnadenlosen Logik, die Benedict Cumberbatch als schneidiger Colonel später so beschreibt: „Wenn wir ihn gewinnen wollen, gibt es nur eins: Kampf bis zum letzten Mann.“

Am Ende, der Morgen graut, rast Schofield im Granatenhagel zwischen den losstürmenden Heeren übers Schlachtfeld. Seine panisch aufgerissenen Augen, die wackelnden Beine erinnern an Forrest Gump, den von Tom verkörperten Jedermann-Schelm. Er wirkt irre. Aber es ist die Welt ring um ihn herum, die verrückt geworden ist.

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