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Kritik an Barenboim : Sein Lebenswerk steht auf dem Spiel

Der Unmut über den Führungsstil von Generalmusikdirektor Daniel Barenboim an der Staatsoper wächst. Das sollte die Kulturpolitik ernst nehmen.

Maestro mit Biss. Daniel Barenboim, geboren 1942 in Buenos Aires, ist seit Herbst 1992 unangefochtener Chef der Staatsoper Unter den Linden.
Maestro mit Biss. Daniel Barenboim, geboren 1942 in Buenos Aires, ist seit Herbst 1992 unangefochtener Chef der Staatsoper Unter...Foto: Michael Kappeler/pool/dpa

Es ist ein unaufhaltsames Crescendo, das durch die Staatsoper hallt. Ein Anschwellen von kritischen Stimmen, die Daniel Barenboim wie Dissonanzen in den Ohren klingen müssen. Ehemalige und aktuelle Mitarbeiter des Hauses werfen dem weltweit gefeierten Generalmusikdirektor vor, durch sein Verhalten ein Klima der Angst Unter den Linden zu verbreiten. Ein gutes Dutzend hat sich gegenüber dem Online-Magazin „Van“ geäußert, anonym, aus Sorge vor beruflichen Nachteilen. „Der Poltergeist“ heißt der vieldiskutierte Beitrag, sein Untertitel: „Wer hat Angst vor Daniel Barenboim?“

Die Anschuldigungen gegen die bisher unangefochtene Führungsfigur der Staatsoper sind umfangreich und überschreiten ein Maß, das man einen entnervten Chef an schlechten Tagen zugestehen mag. Systematisch soll Barenboim Musikerinnen und Musiker in Proben gedemütigt haben. Akademisten gerieten bei ihm schnell ans Ende ihrer Karriere, weil der Maestro sie plötzlich nicht mehr dulde, „wenn er dirigiert“. Von seinem persönlichen Stab fordere Barenboim ständige Dienstbarkeit, ansonsten drohten wütende Angriffe. „Er hat die Grenze mir gegenüber hunderte Male überschritten, mich unter der Gürtellinie persönlich beleidigt“, formuliert es ein ehemaliger Mitarbeiter der Barenboim-Stiftung in „Van“. Selbst vor körperlichen Angriffen soll Barenboim angeblich nicht zurückschrecken.

Die Klagen über den Maestro sind nicht länger anonym

Lauscht man dem Echo des vor zwei Wochen erschienenen Artikels, hört man verschiedene Themen heraus: Zunächst zeigen sich Insider des Klassikbetriebs über die Recherchen nicht erstaunt. Dass die Atmosphäre an der Staatsoper angespannt und hochexplosiv sein kann, wenn Barenboim zugegen ist, gehört zu den offenen Geheimnissen der Hauptstadtkultur. Darüber zu reden, fällt aber nicht leicht.

Als eine zentrale Figur im weltweiten Klassikgeschäft existiert ein feingewobenes Netz von Beziehungen und auch Abhängigkeiten rund um Barenboim. Er kann Karrieren befördern oder versanden lassen. Niemand will es sich mit ihm verscherzen – und das ist auch heikel bei einem Mann von ebenso scharfem Intellekt wie großem Machtanspruch. Dürfen Sekunden seines Zorns über die Aussichten junger Künstlerinnen und Künstler entscheiden?

In der Staatskapelle zu spielen, gilt als hochattraktiv. Barenboim hat sein Orchester ohne jeden Zweifel seit 1992 auf ein Weltklasseniveau geführt. Auch die Entlohnung liegt durch die vom Maestro bei der Bundespolitik erreichten Zuzahlungen („Kanzler-Zulage“) im exklusiven Bereich. Wenn Ruhm und Geld vom Chef kommen, sind Musikerinnen und Musiker bereit, über einiges hinweg zu hören. Doch das scheint bei der Staatskapelle nicht länger zu funktionieren. Noch teilt die Staatsoper als Reaktion auf den „Van“-Artikel mit: „Daniel Barenboim wird auf einen derartigen Artikel, der ausschließlich auf anonymen Denunziationen basiert, nicht reagieren.“

Nun melden sich jedoch erste Musiker mit Namen zu Wort. Etwa Willi Hilgers, der bis 2013 Solopauker bei der Staatskapelle war und heute an der Bayerischen Staatsoper spielt. Barenboims jahrelange Demütigungen sollen bei ihm zu gesundheitlichen Schäden wie Depressionen und Bluthochdruck geführt haben. Hilgers äußert sich im Programm von BR-Klassik zu seiner Krankenakte und Barenboims Führungsstil, im Netz findet er Zustimmung von den ehemaligen Kollegen Martin Reinhardt und Beate Schubert.

Die Nachfolge-Frage darf nicht länger tabu sein

Warum drängt ausgerechnet jetzt etwas ans Licht, von dem alle Beteiligten schon immer gewusst haben wollen? Das erinnert an MeToo, auch wenn autoritäres Gebaren und sexualisierte Gewalt zweierlei sind. Die Zeit für eine Auseinandersetzung ist dennoch reif. Die Machtfülle, die der Generalmusikdirektor der Staatsoper weit über seinen eigentlichen Verantwortungsbereich hinaus erworben hat, findet keine Schranken.

Seit vielen Jahren gibt es Unter den Linden quasi keine Gewaltenteilung. Intendanten sind so lange geduldet, wie sie Barenboims Wünschen folgen. Ein Kunstwerk mag nicht immer demokratisch sein, eine öffentliche Institution aber darf sich in keinen Fürstenhof verwandeln. Barenboim und die Staatsoper sind untrennbar eins – ein Zustand, der zu Verhärtungen führen muss. Besonders wenn die Kräfte des Chefs nachlassen und es keine Vorstellungen für die Zeit nach 2022 gibt. Bis dahin läuft Barenboims Vertrag, es ist das Jahr seines 80. Geburtstags.

Die wachsenden Unmutsbekundungen gegen Berlins einzigen Weltstar darf die Kulturpolitik von Bund und Land nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie hat es zu verantworten, dass neben dem Stadtschloss ein Zar residiert. Jetzt muss sie sein Lebenswerk vor denen retten, die ihn vom Sockel stürzen wollen. Weil Barenboims Kritiker glauben, nur so Gehör zu finden. Kultursenator Klaus Lederer sollte sich um die Stimmung an der Staatsoper scheren und die Beteiligten an einen Tisch bringen. Nur so ist sicher, dass Barenboim ein würdiges Finale bekommt.

Auch die Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger darf nicht länger tabu sein. Eine Zeit geht zuende, eine neue beginnt. Barenboim selbst hat dafür bereits die ideale Dramaturgie gewählt: Noch einmal will er Wagners „Ring“ dirigieren. Dann läuft sein Vertrag aus, und Gottvater dankt ab.

Barenboim hat sich unterdessen doch zu den Vorwürfen gegen ihn geäußert: Er sei zwar als Dirigent ein Diktator, der über Geschwindigkeit und Lautstärke bestimme. „Aber wenn Sie vom menschlichen Umgang sprechen, bin ich alles andere.“ Die Staatskapelle stehe geschlossen hinter ihm. Auch Klaus Lederer wurde aktiv. Der Kultursenator erwarte, dass die Vorwürfe gegen Barenboim in einer Personalversammlung thematisiert werden und ein Angebot für Gespräche geschaffen werde, teilte sein Sprecher mit.

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