Kunsthandel Dr. Karger : Showroom mit Skulpturenwald

Die figürliche Plastik ist seine Passion: Der Kunsthandel Karger schließt nach zehn Jahren im Berliner Stilwerk – mit einer Hommage an den Bildhauer Werner Stötzer.

Angelika Leitzke
Schönheit und Schmerz. „Guernica für Paul Eluard“ von Werner Stötzer, o. J.
Schönheit und Schmerz. „Guernica für Paul Eluard“ von Werner Stötzer, o. J.Foto: Kunsthandel Karger, VG Bild-Kunst, Bonn 2020.

Es ist ein doppeltes Jubiläum und zugleich eine last picture show. Nach zehn Jahren im Charlottenburger Stilwerk an der Kantstraße schließt der Kunsthandel Dr. Karger seine Pforten, mit einer Ausstellung zum zehnten Todestag des Bildhauers Werner Stötzer.

Der aus Schlesien stammende Wilfried Karger, promovierter Kunsthistoriker, kann auf eine über 25-jährige Galerietätigkeit zurückblicken. 1984 kam er nach Ost-Berlin, 1994 begründete er seine Galerie beim Wasserturm am Prenzlauer Berg.

Nach einem Intermezzo am Gendarmenmarkt eröffnete er 2010 im Stilwerk seinen Kunsthandel: 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche vom Charme einer Lagerhalle. Doch Karger baute darin seinen Skulpturenwald auf, er nannte sein Unternehmen schlicht „showroom“. Weitere Präsentationen fanden zeitweise auch im Helios-Klinikum in Berlin-Buch statt.

Vor allem die figürliche Plastik des 20. Jahrhunderts als Erbe der Berliner Schule kam bei Karger zu Ehren. Fritz Cremer, Joachim Dunkel, Waldemar und Sabina Grzimek, Ingeborg Hunzinger, Jo Jastram, Ludwig Kaspar, Siegfried Krepp, Gertraud Möhwald, Gustav Seitz, Rolf Szymanski oder Berndt Wilde waren zu sehen. Und ebenso die Jüngeren mit Sarah Esser, Sabine Heller und Thomas Jastram.

Das Spektrum reicht von Jo Jastrams schattenrisshafter „Afrikanischer Reise“ über Waldemar Grzimeks drall-lebensechten „Bademeister“ bis zu den schmalen melancholischen Porträtköpfen von Susanne Rast. Viele der Künstlerinnen und Künstler sind durch Leben und Wirken eng mit Berlin verbunden, beeinflussten die jeweils nachfolgende Generation in Ost und West. Ihre Werke befinden sich teilweise in Museumsbesitz.

Stein, Bronze: Die Ausstellung zeigt figürliche Werke aus dem Nachlass Werne Stötzers

Werner Stötzer wurde als Lehrender an der Kunsthochschule Weißensee, dann an der Akademie der Künste zum Mentor von Horst Engelhardt, Berndt Wilde oder Mark Lammert. Sein „Lesender Arbeiter“, von Brecht inspiriert, steht seit 1961 im Ehrenhof der Staatsbibliothek Unter den Linden. In Kargers viel beachteter Ausstellung „Der Torso“ im Jahr 2000, die mit Georg Kolbe, Wilhelm Lehmbruck, Gerhard Marcks, Karl Hartung oder Bernhard Heiliger die Crème de la Crème deutscher Bildhauerei des 20. Jahrhunderts versammelte, war auch Stötzer präsent.

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Im Stilwerk sind nun Exponate aus dem Nachlass des gebürtigen Thüringers vereint, betreut von der Bildhauerin Sylvia Hagen, seiner Lebensgefährtin. Überwiegend figürliche Werke: Stötzer, der Anfang der 90er auch als Vizepräsident der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin firmierte, gab den Bezug zur menschlichen Gestalt zeitlebens nicht auf. In jungen Jahren regten ihn sein Berliner Akademie-Meister Gustav Seitz und der Ateliernachbar Waldemar Grzimek zu figürlichen Werken an. Dann entdeckte er den Stein für sich. Aus dem Material, das ihm Gestaltungsfreiheit erlaubte, schlug er gleichnishafte Werke, Formen zwischen Katastrophe und Idylle, Erregtheit und Ruhe.

Auch der Torso wurde für Stötzer zum wichtigen Motiv

Würdevoll trägt die „Mutter mit Kind“ ihren Sohn auf den Schultern, Ausdruck menschlicher Fürsorge. 1980 hält sich der „Zigeuner von Marzahn“ mit Klumpfüßen und aufgequollener Haut mühsam auf den Beinen, das Gesicht gegen Schläge mit dem Arm geschützt. In Bronze gegossenes Leid der Sinti und Roma, Opfer des NS-Terrors in Berlin, ein fast blasphemisch tituliertes Mahnmal gegen Rassismus und Gewalt.

Daneben wurde Stötzer der Torso zum wichtigen Motiv. Aus der intuitiven Bearbeitung des Steins mit Hammer und Meißel erwuchsen ihm jedoch keine Verstümmelungen, sondern ganzheitliche Gebilde von zeichenhafter Schönheit.

1980 verlegte Werner Stötzer seinen Wohnsitz und sein Atelier von der Spree nach Altlangsow am Rande des Oderbruchs. Hier starb er 2010, im Alter von 79 Jahren.

Bei Karger im Stilwerk gastierten auch figurative Maler und Zeichner wie Manfred Butzmann, Charles Crodel, Heinrich Ehmsen, Otto Möhwald, Barbara Müller-Kageler, Otto Nagel, Ronald Paris, Daniel Sambo-Richter oder Hans Vent. Ihre Werke korrespondierten oft mit den Skulpturen der Bildhauerkollegen.

"Das Schiff", eine Stein-Arbeit von Werner Stötzer, 2006 - 2008.
"Das Schiff", eine Stein-Arbeit von Werner Stötzer, 2006 - 2008.Foto: Kunsthandel Karger/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Erst in der letzten Saison holte Karger, bald Mitte 70, ein Traditionsbewahrer in einer schnelllebigen multikulturellen Stadt, mit Dirk Wunderlich und Walter Libuda zwei Berliner Bildhauer ins Boot, die sich von jeglicher Naturnähe verabschiedet hatten. „Man muss auch mal über seinen eigenen Schatten springen“, sagte Karger dazu.

Und er weiß viele Geschichten zu erzählen. Von dem 2017 verstorbenen Bildhauer Richard Heß, der immer wieder seine Nichtverwandtschaft mit dem NS-Funktionär Rudolf Heß betonen musste und gerne mit Rotwein und Schokolade bewirtet wurde. Oder von einer Vernissage im Stilwerk, als draußen gerade eine Sintflut über Berlin herniederging und der Verkehr praktisch zum Erliegen kam. Trotzdem versammelten sich tapfer die komplett durchnässten Kunstfreunde, einschließlich des Redners. The show must go on.

Den Ausschlag dafür, dass er die Galerie im Stilwerk jetzt doch schließt, gab eine Mieterhöhung. Sie wurde für Karger zum Anlass für ein Nachdenken über die Frage, wann ein guter Zeipunkt zum Aufhören gekommen ist.

Auch die Kanzlerin hat ein Bild bei Karger gekauft

Eine besondere Ehre war es für Wilfried Karger, als 2019 Kanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich ein Werk des Hamburgers Thomas Jastram aus der laufenden Ausstellung heraus erwarb. Dass aufgrund der Coronakrise die letzte Schau mit dem ehemaligen Berliner Museumskustos Fritz Jacobi als Laudator ihren Start ohne Publikum nur virtuell erleben konnte, hat den Galeristen sehr irritiert. „Kunst muss direkt angeschaut werden“, ist Karger überzeugt. „Sie lebt von ihrer Aura, die der Betrachter unmittelbar erleben soll.“

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Werner Stötzer – Skulpturen, Plastiken, Zeichnungen“. Kunsthandel Dr. Karger im Stilwerk, Kantstr. 17, 3. OG, Berlin-Charlottenburg. Di–Fr 14–19 Uhr, Samstag 10–19 Uhr. Finissage am 8. 8. für geladene Gäste.

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