Kunstmesse Arcolisboa : Flammende Koffer

Von Uganda bis Südafrika: Die portugiesische Kunstmesse Arcolisboa setzt auf Kunst vom afrikanischen Kontinent.

Uta Reindl
Fleisch und Zeit. Am Stand der Galerie Horrach Moya: „Untitled (An action can never...)“ von Muntean Rosenblum.
Fleisch und Zeit. Am Stand der Galerie Horrach Moya: „Untitled (An action can never...)“ von Muntean Rosenblum.Foto: Arcolisboa

Der weiße Stoffbanner mit der Beschriftung „only colored people“ oder „only colored ideas“ von Rene Taveres am Stand der Galerie Movart ergänzt das Gemälde „Air Migration Privé“ von 2019: Beide Arbeiten des Afrikaners erzählen unmissverständlich von Migration und Kolonisation. Ähnlich anspielungsreich sind die Fotoarbeiten von Keyezua und Mario Macilau an den Kojenwänden der angolanischen Galerie – mit Mensch, Tier und Natur in skurrilen Inszenierungen.

Movart gehört zu den sechs afrikanischen Ausstellern auf der portugiesischen Messe Arcolisboa, die sich zur vierten Ausgabe erstmalig einen Schwerpunkt gibt. Wie der Name der Lissaboner Kunstmesse nahelegt, steht hinter ihr die Arco Madrid. Spaniens große Kunstmesse mit rund 200 Ausstellern gründete den kleineren Ableger im iberischen Nachbarland, weil sich dort der Kunstmarkt deutlich stabilisiert hat, und stellt ihre Logistik den aktuell 72 Teilnehmern in der portugiesischen Kapitale zur Verfügung. „Boutiquemesse“ nannte sie der damalige Arco-Direktor Carlos Urroz und bezog sich auf das kleine, eher regionale Format.

Das Unperfekte und Raue als Markenzeichen

Urroz gab im Februar die Leitung der Arco an seine langjährige Assistentin Maribel López ab. Die erste Amtshandlung der neuen Chefin: Sie verzichtete dieses Jahr bei der Madrider Messe auf den traditionellen Gastlandschwerpunkt und legte stattdessen den Akzent in Lissabon auf den gesamten afrikanischen Kontinent. Galerien aus Uganda, Mosambik, Angola und Südafrika haben in diesem Jahr in Lissabon ihren Auftritt.

Dass Afrika mit einer überschaubaren Anzahl an Kunstmessen etwa in Marrakesch, Kapstadt oder Johannesburg an einer Messeteilnahme in Europa interessiert ist, liegt auf der Hand. Auch hält Maribel López die Bezeichnung „Boutiquemesse“ für überholt, weil sie sich diesmal international präsentiere – und gerade das Unperfekte und Raue ein Markenzeichen der portugiesischen Messe sei.

Wohl wahr, denn die Location der Arcolisboa, die Real Fábrica da Cordoaria da Junqueira im Hafenviertel am Tejo, ist mehr romantisch als schick. In dem langen Gebäude aus dem späten 18. Jahrhundert sind die Galerien doppelreihig und in fast gleicher Standgröße hierarchielos nebeneinander arrangiert. Bei milden Temperaturen bleiben die Fenster geöffnet. So flatterte am Stand der Turiner Galerie Giorgio Persano die nur am oberen Ende befestigte Leinwand von Mario Merz (OT, 1980) im Wert von 400 000 Euro in einer stets durch die Halle wehenden Brise. Der Galerist nahm es mit einem Schulterzucken zur Kenntnis.

Ungewollt witzige Abfolge von Kunstwerken

Unter den Ausstellern dominieren iberische Galeristen: Juana de Aizpur und Helga de Alvear, die beiden Grandes Dames der spanischen Kunstwelt aus Madrid. Die einzige deutsche Teilnehmerin Vera Munro aus Hamburg schätzt die intime Atmosphäre der portugiesischen Messe und präsentiert Arbeiten von John M. Armleder, Imi Knoebel oder Gerwald Rockenschaub ähnlich entspannt wie ihre Kollegen. Von Rockenschaub verkaufte Munro gleich zwei Wandarbeiten für 8000 beziehungsweise 18 000 Euro an internationale Sammler.

Bei der Dichte der Standkonstellationen kam es zu ungewollt witzigen Abfolgen von Kunstwerken: Während Filomena Soares in der Fotoinszenierung „A Point (aus der Serie Fleisch und Zeit)“ von 2018 die spanische Künstlerin Pilar Albarracin in bunt bestickten Schultertüchern und den Füßen nach oben wie ein großer Serrano-Schinken an einem Haken von der Decke baumelt, zeigt sich einige Schritte weiter bei der mallorquinischen Galerie Pelaires der deutsche Aktions- und Konzeptkünstler Christian Jankowski in ähnlicher Pose, weil er sich als „The Travelling Artist“ (2018) samt Koffer zusammenschnüren und in den Raum hängen ließ, was Fotos und ein Video dokumentieren sowie die am Stand baumelnden, von ihm verwendeten Objekte.

Etliche hochkarätige Ausstellungen in der Stadt

Schnell war von guten Verkäufen auch bei den meisten der afrikanischen Ausstellern zu hören. Im Stand der Momo-Gallery aus Kapstadt variiert der Angolaner Pedro Pires menschliche Silhouetten und nennt die mit Flammen und Werkzeugen braun gefärbten, perforierten Blätter „Interventionen auf Papier“ (2019). Zwei der Arbeiten für je 4000 Euro wechselten rasch den Besitzer. Arte de Gema zeigt assoziative Arrangements aus Archivmaterialien und Zeichnungen von der in Mosambik geborenen Ângela Ferreira, mit denen die Künstlerin Kolonialgeschichte reflektiert. Auch hier wurden am ersten Tag mehrere Blätter zum ungenannten Preis verkauft – wohl auch weil die Bildhauerin im Zentrum der Lissabons während der Messezeit einen Soloauftritt hat.

Überhaupt gibt es etliche, teilweise hochkarätige Ausstellungen mit afrikanische beziehungsweise internationaler Kunst in der Stadt zu sehen. Dazu wird die Handschrift der Arco in Madrid sichtbar, wenn junge Galerien in einem der alten Industriebauten nahe der ehemaligen Seilerei ausstellen – meist abstrakte, konzeptuelle Arbeiten. Überzeugend direkt daneben das von Galeristen geförderte Segment „Projects“, wo Arbeiten von neun Künstlern als Solo- oder Kooperationsauftritt vorgestellt werden.

Sehr zufrieden mit der Premiere des Gastauftritts afrikanischer Künstler auf der Arcolisboa erklärt sich Suzette Bell-Roberts, die in Kapstadt lebende Herausgeberin des Kunstmagazins Artafrica: Die Messe biete einen gelungenen Einblick in das aktuelle Kunstschaffen mit qualitativ guten Künstlern aus Afrika – und locke, wie auf der Messe immer wieder zu hören sei, etliche Sammler an.

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Arco Lisboa, Cordoaria Nacional, 16.–19.5., www.ifema.es

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