Kunstmesse in Düsseldorf : Pop und Pigmente

Auf der Messe Art Düsseldorf dominieren Leinwände – auch weil parallel das Bonner Kunstmuseum eine Schau über junge Malerei zeigt.

Jurriaan Benschop
Blick in den Stand der Galerie Sies + Höke auf der Art Düsseldorf mit neuen Arbeiten von Jonathan Meese.
Blick in den Stand der Galerie Sies + Höke auf der Art Düsseldorf mit neuen Arbeiten von Jonathan Meese.Foto: Sebastian Drüen / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die Zeit der Kinderkrankheiten sei vorbei, meint Direktor Walter Gehlen. Als Geschäftsführer der Art Düsseldorf verantwortet er die dritte Ausgabe der jungen rheinischen Messe, die auf turbulente Zeiten zurückblickt: Im Oktober 2018 und damit gleich nach dem zweiten Auftritt hatte die Schweizer Messegesellschaft MCH Group ihren Rückzug angekündigt. Ein Problem, so dachten viele, denn MCH ist auch für die wichtige Art Basel verantwortlich – eine Messe, deren Glanz nahezu automatisch auf die Art Düsseldorf abgefärbt hatte.

Hier aber geht es ohne größere Einschnitte weiter. Eine Großgalerie wie David Zwirner aus New York nimmt zwar nicht mehr teil, doch präsentieren sich im Areal Böhler diesmal rund 100 Galerien. Die Hälfte davon kommt aus dem Ausland, und die meisten reisen aus Europa an. So etabliert sich die Art Düsseldorf als internationale Messe mit regionaler Verankerung, was sowohl die Teilnehmer als auch eine neue Kooperation mit Düsseldorfer Sammlern und Institutionen belegen. Auf die Frage, ob neben der traditionsreichen Art Cologne noch Platz für eine zweite Messe im Rheinland sei, antwortet Gehlen selbstbewusst, die ersten beiden Auftritte hätten gezeigt, dass es funktioniert.

Diesmal sind auch Galerien aus Japan angereist

Tatsächlich äußern sich zahlreiche Galeristen positiv. Das hängt zum einen mit dem Ort zusammen, zum anderen mit der Organisation der Messe selbst und drittens mit der Unterstützung durch Kuratoren und Sammler aus der Region. Die von der Messe angestrebte internationale Verbindung beruht dabei nicht allein auf der Kunst. So gibt es in Düsseldorf eine starke japanische Gemeinschaft, die nun dazu führt, dass auch Galerien aus Japan auf die Messe kommen. Und es gibt eine Städtepartnerschaft mit Warschau, die für den Fokus der aktuellen Art Düsseldorf auf polnischer Kunst gesorgt hat.

Die Galerie Erika Deák aus Budapest ist bereits zum zweiten Mal dabei und zeigt die etwa melancholische Arbeiten von Attila Szucs. Sein Bild „Piano on Fire“ von 2019 lässt sich für 12 000 Euro erwerben. Für die Galerie, sagt Deák, sei es wichtig, sich in Deutschland zu zeigen, um einen Kontrapunkt zu Orbáns Ungarn zu setzen. „Das sind nicht wir.“ Attila Szucs war 2003 Stipendiat in Berliner Künstlerhaus Bethanien und verkauft mittlerweile viel an deutsche Sammler.

Viele der Künstler sind auch im Bonner Museum vertreten

Die Galerie Petra Rinck aus Düsseldorf zeigt unter anderem Werke von Jörn Stoya. Dessen abstrakte Arbeiten kosten zwischen 7700 und 13 000 Euro und bestehen aus rhythmisch geordneten Farbelementen, die Stein- oder Gebäudeformationen ähneln. Die besondere Farbintensität verdankt sich Pigmenten, die direkt mit der Hand auf die Leinwand gerieben werden. Daneben wirken Toulu Hassanis kleine und reduzierte Arbeiten erst einmal unauffällig, sind jedoch in ihrer Konzentration und obsessive Präzision beeindruckend. Die in Hannover arbeitende Künstlerin mit iranischen Wurzeln verwendet abstrakte Muster und präsentiert ihre Arbeit als Mischung aus Relief und Tafelbild.

Hassanis Arbeit ist zurzeit auch in der Ausstellung „Jetzt! Junge Malerei in Deutschland“ in Kunstmuseum Bonn zu sehen. Überhaupt trifft man mehrere der 53 ausgewählten „jungen Maler“, die in der Überblicksschau vorgestellt werden, auf der Art Düsseldorf wieder. Etwa Pius Fox am Stand der New Yorker Galerie Pablo’s Birthday. Gregor Gleiwitz ist bei Setareh (Düsseldorf), Vivian Greven bei der Galerie Kadel Willborn (Düsseldorf) vertreten. Schon diese Auswahl der Galerien verschiebt den Akzent der Art Düsseldorf stark auf Malerei – ein Fakt, der von Kollegen wie Galerist Michael Werner noch verstärkt wird, der auch junge Positionen für neue Sammler zeigt.

Zehn Prozent aller Kunstverkäufe werden online getätigt

Die fehlende Navigation durch die zeitgenössische Kunst, die im Bonner Museum etwas enttäuscht, spielt auf der Messe keine Rolle, weil hier das Durcheinander ohnehin der Normalzustand ist. Umso mehr freut man sich über jede Präsentation, in der Kunstwerke eine sinnvolle oder vielleicht sogar geheimnisvolle Beziehung miteinander eingehen. Das gelingt zum Beispiel am Stand von Linn Lühn. Die Galerie setzt einen Schwerpunkt beim historischen Surrealismus (unter anderem mit Man Ray) und zieht von dort Linien ins Zeitgenössische. Hier finden sich Gemälde der Berliner Malerin Anne Neukamp (9000–15 000 Euro) und Fotografien von Margarete Jakschik. In Neukamps Bildern mischt sich die rohe Ausstrahlung ihrer Motive mit Pop. Jakschiks Fotoarbeiten wirken wegen ihrer Farben eher malerisch oder sogar artifiziell, sind aber nicht manipuliert.

Auch die Präsentation der Galerie Sperling aus München wirkt ausgewogen. Malerei von Veronika Hilger wird hier mit Wandarbeiten von Anna Navas kombiniert. In Hilgers Bildern finden sich Elemente von Landschaft, Porträt und Stillleben, ohne dass sie auf eines der Genres reduziert werden könnten. Dieser offenbare Widerspruch zwischen Erkennen und Uneindeutigkeit setzt die Arbeiten unter Spannung. Sperling gehört zu den Galerien der „RSVP“-Sektion, die nicht älter als zehn Jahre sind.

Während der Messe finden Talks statt, in denen über Kunst in digitalen Zeiten nachgedacht wird. Laut Gehlen werden inzwischen zehn Prozent aller Kunstverkäufe online abgewickelt – nachdem der erste Kontakt oft jedoch im echten Raum der Messen oder Galerien stattgefunden hat. Auch das eine Tatsache, die für die Zukunft von Messen wie der Art Düsseldorf spricht.

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Art Düsseldorf, Areal Böhler; bis 17. 11., www.art-dus.de

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