Kunstmessen auf der Berlin Art Week : Seife und Diamantstaub

Die Erwartungen werden erfüllt. Dank Galerien wie Bärbel Grässlin oder Sprüth Magers schmückt sich die Messe mit internationaler Gegenwartskunst.

Blick in den Stand der Galerie Sprüth Magers. Die Skulptur stammt von Thomas Scheibitz und heißt „Fenster & Pfeil“.
Blick in den Stand der Galerie Sprüth Magers. Die Skulptur stammt von Thomas Scheibitz und heißt „Fenster & Pfeil“.Foto: Clemens Poriky/ VG Bildkunst, 2019

Das Rheinland zu Gast in Berlin. Den Eindruck vermittelt wenigstens die Vernissage der dritten Ausgabe der Art Berlin, der zweiten in den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Die Kölnmesse, Muttergesellschaft der Art Cologne, sorgt nicht nur für große Professionalität in Sachen Organisation und Messearchitektur. Es dürfte auch dem Ruf der großen Schwester zu verdanken sein, dass sich ungewöhnlich viele Rheinländer in den beiden Hallen eingefunden haben – bei Sammlern wie Ausstellern.

Von den insgesamt 110 Teilnehmern in den drei Segmenten „Galleries“, „Special Projects“ und „Salon“ stammen 20 aus Köln oder Düsseldorf, 46 aus Berlin, wobei einige an beiden oder mehreren Standorten präsent sind. Lediglich ein Viertel der Galerien stammt aus dem Ausland, der Rest reist ebenfalls aus Deutschland an.

Auf der Angebotsseite fällt diese Schieflage gar nicht einmal so sehr auf. Schließlich leben und arbeiten sehr viele Künstler in Berlin. Das zeigt sich in den Galerieprogrammen wie an den Ständen. Mehr Gewicht bekommt es beim Publikum: Von den üblichen nomadischen Sammlern aus dem Ausland lässt sich kaum jemand blicken. Das ist unverdient und schade, spiegelt jedoch den Zustand des Berliner Marktes ganz gut wider: Die Galerien machen ein starkes Angebot, das aber international lediglich zum Gallery Weekend wahrgenommen wird – und auf Messen in Basel, London, Paris, New York.

[Art Berlin, Flughafen Tempelhof, Hangar 5+6, Tempelhofer Damm 45, bis 15. September, Sa 11–19 Uhr, So 11–18 Uhr]

Mit diesem Aufmerksamkeitsdefizit müssen Messe und Galerien umgehen, und sie nehmen die Herausforderung an. Bärbel Grässlin nutzt die Gelegenheit, um mit ihrer Frankfurter Zweitgalerie namens Filiale ihr ganz junges Programm zu präsentieren. „Man muss den jungen Leuten doch ein Forum bieten“, erklärt sie. Zum Beispiel Martin Kähler, einem ehemaligen Schüler von Tobias Rehberger, dessen skulpturale Objekte aus Fundstücken zusammengesetzt sind und sowohl den Lehrer als auch die Arte Povera nicht verleugnen können.

Bei Preisen durchgängig im mittleren vierstelligen Bereich wird hier Kunst geboten, bei denen etablierte Galerien auf Messen in Basel, London oder Paris kaum ohne Verluste mithalten könnten. In diesem Preisbereich verortet sich ebenfalls die Galerie Fiebach Minniger aus Köln mit ihrem jungen Programm. „Berlin war immer gut für uns“, so Henning Fiebach. Dafür stimmt aber eben auch das Portfolio.

Kommerz gilt in Berlin oft noch als anrüchig

Die etablierten Berliner Galerien schlagen hingegen durchaus groß auf. Ob Sprüth Magers das neue Großformat von Thomas Scheibitz für 90.000 Euro als Statement und Bekenntnis zum Standort verstanden wissen will oder als ernsthaftes Angebot, war am Stand nicht zu erfahren. Überhaupt möchte kaum jemand über Umsätze sprechen. Das ist vielleicht noch ein Überbleibsel aus Zeiten, als die Art Berlin noch abc hieß und keine Messe, sondern ein „alternatives Ausstellungsformat“ sein wollte. Kommerz gilt gerade in Berliner Kreisen oft noch als anrüchig. Christian Nagel, Galerist aus Berlin und Köln: „Die Art Berlin ist ein lokales Highlight, und wir haben hier in den letzten Jahren auch gut verkauft. Hier versucht man, mit kleinen feinen Präsentationen richtige Ausstellungen zu veranstalten.“

Jan-Philipp Sexauer fühlt sich mit seiner 2015 gegründeten Berliner Galerie auf der Art Berlin sehr gut aufgehoben. Aus seinen letzten Ausstellungen habe er zu 70 Prozent an Berliner verkauft. Es gebe sie durchaus, die einheimischen Sammler. Man müsse halt ihrem Bedarf und ihren Möglichkeiten entgegenkommen. Auf der Messe sind das kleine unikale Objekte aus Seife mit Einschlüssen von Überresten eines Waldbrandes in der Toskana, die Jeewi Lee von ihrem Aufenthalt an der Villa Romana mitgebracht hat. Man kann eine Wandarbeit aus bis zu 400 Arbeiten kaufen – oder ein einzelnes für gerade einmal 60 Euro.

Glitzernde martialische Skulpturen

Jochen Hempel (Leipzig) und Christine König (Wien) teilen sich einen Stand für die Arbeiten der in Berlin lebenden Israelin Alonah Rodeh. Vor dem schwarzen Hintergrund der Koje ergeben die glitzernden, martialischen Skulpturen und Bilder ein technoides Ensemble zum Thema Sicherheit und öffentlicher Raum. Den beiden Galerien bietet die Zusammenarbeit an diesem Ort die ideale Bühne, um auf die jüngsten institutionellen Ausstellungen der Künstlerin in Erlangen und Salzburg sowie auf künftige in den eigenen Galerien aufmerksam zu machen.

Der Bereich „Special Projects“ bietet nicht nur künstlerische Einzelpräsentationen, sondern auch neue Vermittlungsmodelle. Zu ihnen gehört die Zak | Branicka Foundation. Die ehemalige Berliner Galerie befindet sich in der Transformation. Als kleiner Player könne sie sich nicht parallel um die Pflege der ihr anvertrauten Nachlässe und junge Künstler kümmern. Für ein erfolgreiches Galeriegeschäft müsste sie expandieren, erklärt Asia Zak. Und sich damit auf ein Terrain begeben, das zunehmend vom kapitaldarwinistischen Prinzip des „grow or die“ geprägt sei.

Das alles heißt nicht, dass Berlin kein guter Ort für den Kunsthandel ist. Klaus Benden aus Köln verkaufte gleich anfangs einen Siebdruck von Andy Warhol mit einem Porträt aus Diamantstaub für 180.000 Euro an einen südwestdeutschen Sammler. Ruttkowski aus Köln und Berlin meldet sogar einen ausverkauften Stand. Und die Zusammenarbeit mit der Baseler Kunstmesse Liste beim Videoprogramm „Joinery“ oder der experimentelle Salon mit nomadischen Vermittlungsmodellen wie Office Impart aus Berlin und The Performance Agency zeugen am Rand der Art Berlin von einer Innovationsbereitschaft, die hoffen lässt.

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