Letzter Text von Michael Rutschky : Das Zeitalter der Nervosität

Dokument medizinischer Hilflosigkeit: Michael Rutschky widmete eine seiner letzten Rezensionen dem Briefwechsel des Dichters Hermann Sudermann mit dem Arzt Wilhelm Fliess.

Michael Rutschky
Der Schriftsteller Michael Rutschky 1997 in seiner Wohnung in Berlin-Kreuzberg.
Der Schriftsteller Michael Rutschky 1997 in seiner Wohnung in Berlin-Kreuzberg.Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Michael Rutschky hat aus der soziologischen Methode der teilnehmenden Beobachtung eine literarische Kunstform gemacht. Mit seinen Texten, die im „Merkur“, der von ihm herausgegeben Zeitschrift „Der Alltag“, in vielen Zeitungen und fast zwei Dutzend Büchern erschienen, prägte er eine neue Art des essayistischen Schreibens. Am Samstag ist er im Alter von 74 Jahren in Berlin gestorben. Michael Rutschky interessierte sich für Geschichte und Praxis der Psychotherapie, seine literaturwissenschaftliche Dissertation handelte von der „Lektüre der Seele“ bei Sigmund Freud und anderen Autoren. Wir veröffentlichen einen von Rutschkys letzten Texten, die Rezension eines Buches mit Briefen des Arztes Wilhelm Fliess, der eng mit Freud befreundet war.

Am 18. Juli 1884 schreibt Hermann Sudermann aus Heydekrug in Ostpreußen an Wilhelm Fliess in Berlin: „Morgens wasche ich mir den Oberleib in stubenkaltem Wasser, was den Nerven wohlthut, die Gelenke aber zu reizen scheint. – Augenscheinlich günstig wirkt ein regelmäßiger Coitus, den ich mir – bei einem gesunden Bauernmädchen litauischen Schlages – leisten darf."

Hermann Sudermann ist 26 Jahre alt; die Startschwierigkeiten seiner Schriftstellerkarriere machen ihm schwer zu schaffen, Schwierigkeiten, die sich auch in einem Bouquet „nervöser“ Beschwerden ausgeben. Wilhelm Fliess, 25 Jahre alt, ist sein Arzt. Während Sudermann seine Karriere in der Literaturwelt zu großen Erfolgen führt – die freilich nicht bis heute andauern – führte Fliess schließlich eine (gut gehende) Praxis für Hals- Nasen-Ohren-Krankheiten, doch seine eigentliche Arbeit galt dem Aufbau einer Lehre von den Perioden, denen das menschliche Leben unterliege, Zahlenreihen für Frauen und Männer, für den Körper und den Geist. Gar nichts davon hat sich gehalten; der Naturwissenschaftler geriet in die finster-verführerische Tradition der Zahlenmystik und kam darin um.

Das Meer steigert die Nervosität

Was Wilhelm Fliess ein spezielles öffentliches Interesse bis heute sichert: seine Freundschaft mit Sigmund Freud, die ein 1887 einsetzender, heute berühmter Briefwechsel dokumentiert. Fliess diente Freud als wissenschaftlicher Gesprächspartner bei der Entwicklung seiner Theorien, aus denen die Psychoanalyse entstand; aufgrund ihrer heftigen Freundschaft haben Freud-Biografen Fliess zu einer Art Proto-Analytiker erklärt, dessen Freud während seiner Selbstanalyse bedurfte.

Stefan Goldmann, Literaturprofessor in Potsdam, spezialisiert auf philologisch-historische Tiefenbohrungen in diesem Feld, arbeitet an einer gründlichen Biografie von Wilhelm Fliess. In diesem Zusammenhang ist der knappe Briefwechsel zwischen Fliess und Hermann Sudermann aufgetaucht. Stefan Goldmann kommentiert ihn auf das sorgfältigste.

Die Beschwerden, die Sudermann regelmäßig Fliess als seinem Arzt vorträgt, bilden eine zähe Problemmasse, die beide zuverlässig verklebt. Für Sudermann erklären diese Beschwerden seine Hemmungen und Stockungen beim Schreiben; Fliess’ Ratschläge heben sie nicht auf, erwecken aber verlässlich den Anschein, es werde an der Beseitigung gearbeitet – auf Reisen nicht in der Nähe des Meeres Quartier nehmen, beispielsweise, denn das Meer steigert die Nervosität. Sie bildet eine Art symbolisches Medium für vielfältige Kontakte und Beziehungen.

Im nächsten Augenblick betritt Freud die Bühne

Zu dem Dichter und seinem Arzt kommen Theaterleute hinzu, Journalisten, Maler, Salondamen. Man unterstützt die Hoffnungsträger auch finanziell, das private Mäzenatentum; Stefan Goldmann gibt eine üppige Skizze der bourgeois bohemians vom Ende des 19. Jahrhunderts. Der Modearzt Fliess bringt fruchtbar den „nervösen“ Körper ins Spiel dieser bohemians. Es sieht so aus, als wäre die Freundschaft zwischen Fliess und Sudermann, Patient und Arzt durch eine Dame zerstört worden, eine Salondame, Hedwig Hilgers, Ehefrau des Bildhauers Carl Hilgers, eine dieser Göttinnen der Hysterie, die die Männer in ihrem Umkreis nach Kräften in Glut versetzen und sie auf Dauer zu stellen versuchen, eine Dramaturgie, die Hedwig Hilgers’ plötzlicher Tod ebenso abbricht wie perpetuiert: Man kann sich vorstellen, wie ihre Imago fest in das Phantasieleben der trauernden Herren eingeht.

Wie sich die Dinge darbieten – wie Stefan Goldmann sie kommentiert – kann man den Eindruck gewinnen, mit gleichsam geschichtsphilosophischer Notwendigkeit werde im nächsten Augenblick Sigmund Freud die Bühne betreten. Die Beschreibungen der Körpervorgänge, der Krankheitssymptome, der allgemeinen „Nervosität“ lesen sich, als fänden rätselhafte Wettererscheinungen auf einem unbekannten Planeten statt. Mit Freud wird der Coitus zu einer persönlichen Angelegenheit; der Sudermannsche mit dem litauischen Dienstmädchen tritt aus der Säftelehre heraus und exemplifiziert die „allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens“, die Freud wenig später am bürgerlichen Jungmann erkennt. Dass die talking cure der Psychoanalyse ihr gegen die moderne Nervosität helfen werde, musste die talking classes ebenso irritieren wie begeistern.

Stefan Goldmann (Hg.): Ein Therapeut von Gottes Gnaden. Wilhelm Fliess im Briefwechsel mit Hermann Sudermann (1884 – 1887). Psychosozial-Verlag, Gießen 2017. 155 Seiten, 19,90 €.

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