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Der kanadische Sänger und Rapper Drake, 29.

© Universal

Neues Album von Drake: Liebesgrüße aus Toronto

Drake feiert auf dem Album „Views“ seine Heimatstadt, wobei er viel Pop, Dancehall und R'n'B in seinen Sound mischt. Gerappt wird aber auch.

Die Woche fing gut an für Drake. Am Dienstag gewann das Basketball-Team seiner Heimatstadt Toronto das fünfte Playoff-Spiel gegen die Indiana Pacers. Lange hatten die Kanadier in eigener Halle teilweise zweistellig zurückgelegen, doch im letzten Viertel starteten sie eine formidable Aufholjagd und entschieden die Partie schließlich mit 102:99 für sich. Drake war live dabei, in den entscheidenden Minuten hielt es ihn nicht mehr auf seinem Premiumsitz in der ersten Reihe. Klatschend und brüllend feuerte er die Toronto Raptors an, die er regelmäßig in seinen Songs erwähnt und als deren „Global Ambassador“ er fungiert.

Am Freitagabend hatte das Team die Chance, mit einem weiteren Sieg ins Halbfinale der Eastern Conference einzuziehen – zum ersten Mal seit 15 Jahren. Für Drake wäre das doppelt schön, veröffentlichte er am Morgen desselben Tages doch sein viertes Studioalbum „Views“, das eine Hommage an Toronto ist. Auf dem Cover sieht man Drake in einer dicken Jacke auf der Oberkante des CN Tower sitzen, dem Wahrzeichen der Stadt. Allerdings hat der Rapper sich per Grafikprogramm etwas vergrößern lassen, sonst wäre seine Gestalt unscheinbar winzig geworden, so riesig ist der Fernsehturm.

Der Wind, der dem 29-Jährigen dort oben um die Ohren weht, ist im Eröffnungsstück „Keep The Family Close“ zu hören. Eine Frauenstimme beschwert sich über die Kälte, doch Drake hat andere Probleme. Er fühlt sich von seinen Freunden verlassen und bereut es, in der Vergangenheit nicht näher bei seiner Familie gewesen zu sein: „All of my, let’s just be friends’ are friends I don’t have anymore / How do you not check on me when things go wrong? / Guess I should’ve tried to keep my family closer / Much closer“, singt er in diesem von Streichern, Bass und Schlagzeug im Stile einer dramatischen Croonerballade begleiteten Lied. Zurück nach Hause, zurück in den inneren Kreis: Das ist die Devise dieses souligen, melancholischen Stücks, das lediglich für die Länge eines Drumbreaks mal etwas lauter wird und ganz ohne Sprechgesang auskommt.

Ursprünglich sollte das Album "Views From The Six" heißen

Dafür ist dann direkt das nächste Stück „9“ ein Rap-Track, produziert von Drakes auch bei diesem Album wieder federführenden Produzenten Noah „40“ Shebib. Die breiten Synthieflächen und der ruhige Beat werden durch nervös-hochgepitchte Cymbals kontrastiert, die die im Text beschriebene Rastlosigkeit repräsentieren. Drake ist schlaflos, unruhig und verkündet, dass er für seine Stadt sterben würde. Er nennt sie „Six“, ein von ihm selbst populär gemachter Spitzname, der sich wohl auf Verschmelzung von sechs Gemeinden zum heutigen Toronto bezieht. Ursprünglich wollte Drake die Platte sogar „Views From The Six“ nennen.

Als Teenager spielte Drake in einer TV-Serie mit

Die eigene Stadt, das eigene Viertel zu feiern, ist ein Standard-Topos im Hip- Hop. Allerdings liegen diese Städte üblicherweise in den USA und heißen Los Angeles, New York oder Chicago. Gegenden wie Compton oder die South Bronx sind geradezu mythische Orte des Genres. Aber Toronto? Nicht gerade ein Hip-Hop-Mekka. Kanada war aus amerikanischer Sicht ohnehin nicht ernst zu nehmen. Bis Drake kam. Dass er seine Heimat auf die Rap-Weltkarte gehievt hat, erscheint immer noch ziemlich erstaunlich. Auch weil der 1986 als Aubrey Drake Graham geborene Sohn einer weißen jüdischen Lehrerin und eines schwarzen amerikanischen Schlagzeugers, die sich scheiden ließen, als er fünf war, keine Ghetto-Jugend oder sonstige Street Credibility vorweisen kann. Er wuchs behütet auf und spielte als Teenager in einer Highschool-Serie mit. Mit knapp 20 begann er, Rap-Mixtapes herauszubringen.

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Anfangs protegiert von Lil Wayne, später auch von Kanye West und Jay Z, hat Drake sich zu einem der derzeit wichtigsten Rapper hochgearbeitet. Jedes seiner bisherigen drei Studio-Alben hat es an die Spitze der US-Charts geschafft. Auch „Views“, das für eine Woche nur bei iTunes und ab 6. Mai zudem als CD, Download und Stream erhältlich ist, wird das sicherlich gelingen. Eigentlich war die Veröffentlichung schon im letzten Jahr erwartet worden, doch dann verzögerte sie sich immer weiter.

Drakes Präsenz und Popularität tat das allerdings keinen Abbruch, weil er stattdessen das ebenfalls enorm erfolgreiche Mixtape „If You’re Reading This It’s Too Late“ herausbrachte, ein weiteres mit dem Kollegen Future aufnahm und zudem vier Singles veröffentlichte. Vor allem „Hotline Bling“ schlug unerwartet heftig ein: Das minimalistische, auf einem Sample aus Timmy Thomas’ „Why Can’t We Live Together“ (1973) basierende Stück wurde vor allem aufgrund des Videos zu einem weltweiten Pop-Phänomen. Drake tanzt darin auf so eigentümliche Weise herum, dass bald darauf im Netz zahlreiche Parodien kursierten. Zudem inspirierte der Hit die große Soul-Diva Erykah Badu zu einer Coverversion und einer tollen Hommage-EP mit dem Titel „But You Caint Use My Phone“.

Schon zum vierten mal singt Drake ein Duett mit Rihanna

Der kanadische Sänger und Rapper Drake, 29.

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Auf Drakes neuem Album ist „Hotline Bling“ als Bonustrack enthalten. Von den anderen vorab ausgekoppelten Liedern haben es nur „One Dance“ und „Pop Style“ auf die Platte geschafft, wobei letzteres hier ohne die einstigen Gastbeiträge von Kanye West und Jay Z zu hören ist. Die alten Mentoren rauszuschneiden und dafür eigene Protegés wie Partynextdoor oder Future auf dem Album mitmachen zu lassen, könnte man als endgültige Emanzipation Drakes sehen. Allerdings erscheint der Wunsch nach Distanz zu den beiden derzeit als Ehebrecher (Jay Z) und Irrer (Kanye West) dastehenden Legenden nur allzu verständlich.

Die Treue hält Drake dafür Rihanna. Mit ihr hat er immer wieder Duette gesungen, zuletzt „Work“ von ihrem im Januar veröffentlichten Album „Anti“. Drake scheint in seinem neuen Song „Faithful“ mit der ähnlich monoton gesungenen Zeile „Working, working, working, working“ auf diese Kollaboration anzuspielen.

Ein bisschen Autotune ist auch dabei

In eine ganz andere Richtung geht aber das aktuelle Duett „Too Good“. Es ist eine Uptempo-Nummer mit Soca-Beat, in der die beiden ein streitendes, vielleicht schon scheidendes Paar spielen. In den Strophen stellen beide fest, dass sie nicht miteinander reden können, zu hohe Erwartungen und zu wenig Geduld haben. Gemeinsam kommen sie im Refrain zu dem Schluss: „I’m too good to you/ I’m way too good to you/ You take my love for granted/ I just don’t understand it“. Trotz der Moll-Melancholie des Lieds hat es ein gewisses Sommerhit-Potenzial.

„Too Good“ zeigt Drakes poppige Seite, die eine große Stärke von ihm ist. So war der überragende Song des 2013 veröffentlichten Vorgängeralbums „Nothing Was The Same“ kein Hip-Hop- Track, sondern das phänomenal eingängige „Hold On We’re Going Home“, auf dem Drake singt. Mag er raptechnisch von Kendrick Lamar, dem amtierenden König des Genres, weit übertroffen werden, hat er mit seinem sanft-schläfrigen Gesangsstil doch einen hohen Trumpf in der Hand. Und er spielt ihn auf den 20 Liedern des Albums immer wieder aus. Den beliebten Autotune-Effekt setzt er dabei dankenswerterweise nur sparsam ein, etwa bei „Feel No Ways“, das zudem einen schönen Achtziger-Jahre-Touch hat.

Flirts mit karibischen Sounds

Auffällig oft flirtet Drake auf dem Album mit karibischen Sounds. So ist auf „Too Good“ neben Rihanna auch noch der jamaikanische Dancehall-Star Popcaan zu hören und auf dem dancehalligen „Controlla“ der noch bekanntere (und umstrittenere) Beenie Man. Einen reizvollen Dancehall-House-Crossover veranstaltet Drake in „One Dance“, auf dem er die britische Sängerin Kyla und den nigerianischen Sänger Wizkid sampelt und selber singend um einen einzigen Tanz fleht.

Die kanadische Kälte hat Drake hier schon längst vertrieben. Auch die Erinnerungen an die Straßen seiner Jugend, die Telefonate mit der Mutter spielen nach dem ersten Drittel des Albums keine Rolle mehr. Stattdessen geht es um Frauen, die teure Sachen mögen, Konkurrenten, die nerven – das Übliche eben. Trotzdem hört man Drake gern zu, weil er sich offenbar wohlfühlt in diesen Songs und nicht verbissen Respekt einfordert. Es ist wie mit seinem Tanzstil: Drake ruckelt weiter, egal, was die anderen denken. Und weniger Schimpfwörter als früher verbraucht er auch. Reifer geworden, der Mann.

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