Als Preußen über Frankreich siegte : Gegründet auf Blut und Eisen

Klaus-Jürgen Bremm über den Krieg von 1870/71.

Konstantin Sakkas

Der deutsch-französische Krieg, dessen Ausbruch sich in diesem Jahr zum 150. Mal jährt, war die Geburtsstunde des modernen deutschen Nationalstaates. Doch als Erinnerungsort ist er kaum mehr präsent, und so ist es keine Koryphäe, sondern ein schriftstellender Oberstleutnant a.D., der uns hier einen „vergessenen Krieg“ nahebringen will.

Klaus-Jürgen Bremm, der auch zum Deutschen Krieg von 1866 und zur Waffen-SS publiziert hat, hat einen angenehm nüchternen, aber nicht langweiligen Stil. Mit Bismarck, dem es bei der den Krieg auslösenden spanischen Thronkandidatur „nie um Frieden gegangen“ sei und der später zu erbarmungslosem Vorgehen gegen die Franctireurs (Freischärler) riet, geht er durchaus hart ins Gesicht.

Ein Glücksfall für Europa?

Die Reichsgründung selbst aber sieht er als „europäischen Glücksfall“, auch wenn sie aus „Blut und Eisen“ geboren war, und entschlüsselt Bismarcks sprichwörtliches Diktum überraschend als abgewandeltes Zitat des liberalen preußischen Parlamentariers Adolph Friedrich Riedel, der während der 48er Revolution von „Blut und Tränenströmen“ gesprochen habe. „Nicht eine starke Armee“ sei für die preußischen Liberalen – durchaus machtpolitische Realisten – das eigentliche Problem gewesen, sondern eine starke Armee „allein in den Händen des Königs“. „Von 1871 nach 1914“ führt für Bremm „keine direkte Bruchlinie“, auch weil die Dritte Französische Republik ihre Revanchegelüste stets zu zügeln gewusst habe.

Hitzetote auf dem Marsch

Man kann über die altmodische Bismarckverehrung, die hier durchscheint, schmunzeln, aber wo es ums militärische Detail geht, ist Bremm ein unbestechlicher Chronist. Preußische Soldaten in Paderborn „glaubten sich schon wegen der für sie unverständlichen Sprache des dortigen Stationspersonals in Frankreich angekommen“, „von der viel gerühmten Auftragstaktik des deutschen Heeres war im Krieg von 1870/71 nicht viel zu bemerken“ und das Trinken kalten Wassers bei Hitze war den Soldaten verboten, da man glaubte, es führe zu Verkühlungen. Folglich mussten Hitzetote auf dem Marsch wohl „heimlich getrunken“ haben.

Kaum ins Gewicht fallen da vereinzelte Fehlschüsse, etwa der Oberbefehlshaber der – damals einzigen – badischen Division, der natürlich nur ein Kommandeur war, der Kriegsteilnehmer und spätere berüchtigte Antisemit Max Liebermann von Sonnenborn (sic!) oder das württembergische Königin-Olga-Regiment, aus dem er ein Kaiserin-Olga-Regiment macht.

Bremm schreibt nicht nur solide Operations- und Politikgeschichte, sondern gibt Einblicke in die gesellschaftliche und lebensweltliche Realität dieser zweiten Sattelzeit des modernen Europas, die die "Zweitrangigkeit Frankreichs besiegelte". Preußens Sieg über das reichere und auch militärisch erfahrenere Frankreich ist für Bremm ein Sieg der Wehrpflicht – der Kriegsausbruch 1870 aber geht für ihn „ohne Abstriche auf Bismarcks Konto“.

Klaus-Jürgen Bremm: 70/71. Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen. WBG/Theiss, Darmstadt 2019. 336 S. m. 27 s/w-Abb., 25 €.