Außerhalb des westlichen Blickfelds : Das Trauma bleibt

W. Borodziej und M. Górny erinnern an die vergessenen Kriege in Europas Osten 1912–1923.

Warum gibt es keine Lösung im Konflikt zwischen Moskau und Kiew nach inzwischen mehr als vier Jahren Krieg in der Ostukraine? Eine blutige Auseinandersetzung, die allmählich länger anhält als der derzeit so stark erinnerte Erste Weltkrieg.

Gründe hierfür finden sich in eben jener Zeit, die sich nicht erst 1914 in eine kriegerische und 1918 wieder in eine friedvolle wandelte. Im Westen Europas ist bis heute kaum geläufig, dass Europas Osten und Südosten ab 1912 eine gut zehnjährige Periode voller Gewalt, Umbrüche und Neuordnungen erlebte, die elementare Auswirkungen bis in die Gegenwart hat und auch das jetzige Geschehen prägt. Allein Timothy Snyder hat mit seinem Buch „Bloodlands“ (dt. 2011) auf die Gewaltgeschichte der Region aufmerksam gemacht.

Der "Frieden" von Brest-Litowsk

Umso wertvoller ist das nun auf Deutsch vorliegende zweibändige Werk von Wlodzimierz Borodziej und Maciej Górny über den „vergessenen Weltkrieg“ in Europas Osten von 1912 bis 1923. Der Professor am Historischen Institut der Universität Warschau und der Außerordentliche Professor am Historischen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften und am Deutschen Historischen Institut Warschau rufen nicht nur das heute im Westen weitgehend unbekannte Kriegsgeschehen in Osteuropa in Erinnerung. Die beiden polnischen Historiker schildern darüber hinaus den Zusammenbruch der alten Reiche und das Aufkommen einer neuen Staatenwelt, die sich durch den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg wiederum stark verändern sollte, um dann nach dem Zerfall der Sowjetunion in ähnlicher Form erneut zu entstehen – mit Konfliktlinien, die bis in den „vergessenen Weltkrieg“ von 1912 bis 1923 zurückreichen.

Auch im Fall der Ukraine bildete der Frieden von Brest-Litowsk eine Wegscheide. Faktisch endete mit ihm der Erste Weltkrieg an der Ostfront im Herbst 1917. Sein formelles Ende besiegelten der Separatfrieden der Mittelmächte Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Bulgarien und Osmanisches Reich mit der Ukraine am 9. Februar und der Friedensschluss mit Russland am 3. März 1918. Doch bereits die vorangegangenen Verhandlungen zählen Borodziej und Górny zu den eigentümlichsten des 20. Jahrhunderts: Die ukrainische Regierung musste im Moment der Unterzeichnung des Friedensvertrages aus ihrer Hauptstadt Kiew fliehen, die von den russischen Bolschewiki eingenommen wurde.

Angriff auf die Ukraine

Was an das Vorgehen Moskaus seit 2014 auf der Krim und in der Ostukraine erinnert, spielte sich in einem neuen Krieg ab, der in Osteuropa begann, als an der Westfront des Ersten Weltkrieges noch gekämpft wurde. Bereits während der Verhandlungen in Brest-Litowsk war die Rote Armee gegen die ukrainische Unabhängigkeitsbewegung vorgegangen. Die Ukraine befand sich seit Ende Dezember 1917 offiziell im Kriegszustand mit Sowjetrussland. Sie hatte zuvor mit Unterstützung der Mittelmächte als Ukrainische Volksrepublik ihre Unabhängigkeit von Russland erklärt, gegründet nach der Oktoberrevolution 1917 auf den ukrainischen Gebieten, die bis dahin zum Russischen Reich gehörten. Entsprechend hatte die inzwischen in Kiew gebildete bürgerliche Regierung der Ukrainischen Volksrepublik zum Verdruss der Bolschewiki ebenfalls eine Delegation nach Brest-Litowsk entsandt, um einen separaten Friedensvertrag mit den Mittelmächten auszuhandeln.

Getreide für die Heimatfront

Dieser Vertrag sollte Berlin und Wien die an der hungernden Heimatfront dringend benötigte Versorgung mit Getreide aus der Ukraine sichern. Zugleich wurde der Druck auf Russland erhöht: Die Mittelmächte teilten der russischen Seite mit, der inzwischen vereinbarte Waffenstillstand sei abgelaufen. Einheiten der Ostfront wurden in Züge gesetzt und rückten im von Borodziej und Górny beschriebenen „Eisenbahnfeldzug“ nach Osten vor. Militärisch vor vollendete Tatsachen gestellt, gaben die Bolschewiki nach und unterzeichneten ihrerseits den Vertrag von Brest-Litowsk.

In der Folge schrumpfte Russland, wie Borodziej und Górny es sehr anschaulich darstellen, auf die Größe vor der Regierungszeit Peters des Großen. Im Westen verlor es ein Viertel seines Territoriums – die baltischen, weichselländischen, weißrussischen und ukrainischen Gouvernements sowie Finnland. Dies entsprach einer Gesamtfläche von fast eineinhalb Millionen Quadratkilometern mit 60 Millionen Menschen, einem Drittel der bisherigen Gesamtbevölkerung.

In der Sowjetunion wurde dieses Ergebnis als „Raubfrieden von Brest-Litowsk“ bezeichnet – ein vorweggenommenes Trauma des Zusammenbruchs der UdSSR gut sieben Jahrzehnte später, den Wladimir Putin als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Derzeit unternimmt er den blutigen Versuch, diese zumindest in der Ukraine weitgehend rückgängig zu machen.

Besetzen und eingliedern

Temporär erfolgreich waren damit die bolschewistischen Vorgänger des heutigen Kremlchefs: Nach dem Einmarsch der Roten Armee Anfang 1920 wurde die Ukrainische Volksrepublik sofort wieder aufgelöst und als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik an Sowjetrussland angegliedert (die UdSSR als Union entstand erst im Dezember 1922). Wer all dies noch einmal – oder zum ersten Mal – nachvollziehen möchte, der greife zum großen Wurf von Borodziej und Górny über den „vergessenen Weltkrieg“ in Europas Osten.

Wlodzimierz Borodziej, Maciej Górny: Der vergessene Weltkrieg. Europas Osten 1912–1923. Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann. wbg Theiss, Darmstadt 2018. 2 Bde., zus. 960 S. m. 124 Abb., 79,95 €.