Bayern, das einzige Bundesland mit einer Regionalpartei : Symbiose mit dem weiß-blauen Paradies

Roman Deininger betrachtet die CSU mit kritischer Sympathie.

Das Problem des zwecks Beobachtung der CSU entsandten Reporters liegt darin, dass er sie irgendwann anfängt ein bisschen zu mögen. Nicht alle aus der weiß-blauen Bande, weiß Gott nicht, und schon gar nicht alles, was sie so treiben. Vielleicht nicht mal das meiste davon. Nun muss man wissen, dass ein Mindestmaß an Empathie zu jeder Berichterstattung gehört. Selbst über ausgesprochen unsympathische Parteien kann nicht verständig schreiben, wer nicht ihre Reflexe, Denk- und Sichtweisen ein Stück weit nachvollziehen kann.

Aber im Fall der CSU kommt noch etwas dazu: Wer sie kennt, sieht sich öfter veranlasst, sie zu verteidigen. Denn über keine andere Partei haben derart viele Menschen ein derart klares Urteil, insbesondere wenn sie noch nie einen Christsozialen leibhaftig getroffen haben. Oder, um es mit Roman Deininger zu sagen: „Aus der Distanz Hamburgs oder Berlins halten viele die CSU ja für eine reaktionäre Hinterwäldlertruppe.“

Im Zwiespalt zwischen Unbestechlichkeit und Parteitagsverpflegung

Deininger weiß es sehr viel genauer, teils aus Schicksal, teils von Berufs wegen. 1978 in Ingolstadt zur Welt gekommen, der Heimat Horst Seehofers, neben Politik auch Theater studiert, arbeitet er heute als Landesreporter der „Süddeutschen Zeitung“. Alles drei zusammengenommen hat ihn geradezu zum Prototyp jener Spezies intelligenter Menschen in Bayern werden lassen, die unter ihrer Staatspartei leiden, aber ohne sie auch nicht sein mögen.

Das „Bildnis einer speziellen Partei“, wie Deininger sein Buch über „Die CSU“ im Untertitel genannt hat, ist infolgedessen zugleich ein Abbild dieses Konflikts. Der Autor weiß das und widmet ihm ein eigenes Kapitel über Journalismus im Zwiespalt zwischen Unbestechlichkeit und kostenlosen, aber leider schon wieder knochenharten Fleischpflanzlern in der Presselounge des Parteitags. Der kleine Werkstattbericht alleine, so erhellend wie ironisch, wäre das Buch schon wert. Wo sonst erführe man, wieso es, nur mal so als Beispiel, das Wort „Bauchdemoskopie“ aus dem eloquenten Mundwerk des Markus Söder in die Zeitung schafft?

Die vielleicht letzte Volkspartei

Die nächsten gut 300 Seiten lohnen sich aber erst recht. Es ist kein Geschichtsbuch, obwohl viel Historisches und Franz Josef Strauß darin vorkommt. Es ist eher ein politisches Dekameron – eine Sammlung von Geschichten und Porträts, Reportage und Strukturanalyse, kleiner Beobachtung und großer Linie, die alle zusammen das Bild der vielleicht wirklich letzten Volkspartei ergeben.

Deininger erzählt vom Politischen Aschermittwoch, der aus einer niederbayerischen Variante von Speakers’ Corner zum TV-Event wurde, bei dem im Publikum aber immer noch der gleiche Schlag einfache Leut’ sitzt wie damals beim Vilshofener Viehmarkt. Manchen Geschichten liest man die Zuneigung an – der vom Meyer Franze, dem langjährigen Landrat von Passau, oder von Erwin Huber, dem tapfersten Liebhaber der CSU. Man versteht plötzlich, wieso diese Partei über Jahrzehnte die absolute Mehrheit behaupten konnte. Und Deininger hilft mit knappen, blitzenden Sätzen nach: „Auf dem Land ist die bloße Anwesenheit eine bedeutende Kategorie der Politik.“

Um die Macht dreht sich im Zweifelsfall alles

Aber auch der Skandal, das Überhebliche, das Großmäulige, das Kalte und Brutale finden ihren gebührenden Platz. „Wenn es in der CSU um die Macht geht, zerbrechen langjährige Beziehungen in Sekunden“, resümiert der Reporter. Einen wie Söder hat er genauso wie viele andere jahrelang als Egoisten erlebt, „einen kühlen, energischen Machtpolitiker, der die Konkurrenten mit dem Ellenbogen aus dem Weg räumt und auch noch Spaß dabei hat“. Dass dieser Zug des zum ökogrünen Landesvater gewandelten neuen starken Mannes völlig verschwunden sein soll – sein langjähriger Beobachter bewahrt sich da doch lieber einige Skepsis.

Zu Recht, wie sich nach Drucklegung zeigen sollte: Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz oder Armin Laschet könnten, wenn sie denn wollten, einiges erzählen über Söders Ellenbogen. Aber wenn wir schon bei der Gegenwart und Zukunft sind: Deininger ist sich bemerkenswert sicher, dass die Absagen seines Landeshäuptlings an eine Kanzlerkandidatur ernst gemeint waren. Das hat zum einen mit der Beobachtung zu tun, dass es in der CSU immer schon „Bonner“ respektive „Berliner“ einerseits und „Münchner“ andererseits gab, die sich im jeweils anderen Biotop nie so richtig entfalten konnten und das meist auch nicht wollten.

Muskeln zeigen - aber nicht aufs ganz große Amt zielen

Es hat aber auch etwas mit der CSU zu tun, dieser sehr speziellen Partei. Ihre Herrschaft und damit die Grundbedingung ihrer Existenz sind nicht akut gefährdet, auch wenn unsereiner bei jedem neuen Wahlergebnis bösartig daran erinnert, dass das aber ziemlich weit weg vom einstigen Anspruch auf „50 plus x“ sei. Bedroht ist sie schon, diese Herrschaft. Die Grünen wachsen langsam, aber stetig. Die AfD schrumpft – noch – nicht. Am weiß-blauen Paradies zerren weiter die Fliehkräfte der Globalisierung.

Natürlich wären sie stolz, würde ein Bayer das ganze Deutschland regieren, sogar wenn’s nur ein Franke wäre. Aber so ganz recht wär’s ihnen vermutlich nicht, und klug wäre es vielleicht auch nicht. Deiningers Bildnis zeigt in all seinen Facetten bis hin zu den Berliner und Brüsseler Ablegern eine CSU, die in Symbiose mit dem schönen Bayern lebt. Eine Symbiose löst man bekanntlich nicht ungestraft auf.
Roman Deininger: Die CSU. Bildnis einer speziellen Partei. Verlag C.H. Beck, München 2020. 352 S. m. 20 Abb., 24 €.