Die deutsche Einheit 1989/90 : Widerwillen gegen die Einheit

Vier Bücher, die den freiheitlichen Impuls von 1989/90 verkennen und sich in teils kruden Behauptungen ergehen.

René Schlott
Charlottenstraße, vom Westen aus gesehen: Bernard Larsson: Berlin Berlin. Die ganze Stadt zur Zeit des Mauerbaus 1961–1964. Mit Texten von Marline Otte, Bernard Larsson, Wolf Biermann und Cees Nooteboom. Schirmer/Mosel Verlag, München 2019. 286 S. m. 165 Duotone-Tafeln u. 3 Farbabb., 49,80 €.
Charlottenstraße, vom Westen aus gesehen: Bernard Larsson: Berlin Berlin. Die ganze Stadt zur Zeit des Mauerbaus 1961–1964. Mit...Foto: © 2019 bpk / Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin / Bernard Larsson

Die Zeitgeschichte versteht sich selbst als Problemgeschichte der Gegenwart. Von daher ist jeder der vier hier zu besprechenden Rückblicke auf die drei Jahrzehnte seit der friedlichen Revolution in der DDR von der Frage geprägt, wie es möglich ist, dass sich heute gut ein Viertel der Wählerinnen und Wähler in den fünf östlichen Bundesländern für eine in Teilen rechtsextreme Partei entscheidet, an deren Verfassungstreue Zweifel angebracht sind.

Der Fokus der Publikationen auf eine Problemgeschichte der ostdeutschen Transformation ist gut gewählt, weil er auf oft gestellte Fragen und eine weit verbreitete Ratlosigkeit reagiert. Zugleich aber schränkt er die Perspektive der Bücher doch erheblich ein, weil sie sich kaum für den deutlich größeren Teil der Ostdeutschen von 70 bis 80 Prozent interessieren, der eben nicht die „Alternative für Deutschland“ wählt. Die Neuerscheinungen von vier ostdeutschen Intellektuellen (deren Herkunft der Rezensent im Übrigen teilt) machen dabei keine Ausnahme und so scheint sich mit Blick auf die Schlagworte Treuhand, Einigungsvertrag, Währungsunion usw. ein Narrativ zu etablieren, das den Prozess der Wiedervereinigung und der Transformation als letztlich gescheitert bewertet.

Keine neuen Akzente

Mit der Verwendung aktueller Schlagworte wie „Populismus“ (Kowalczuk) oder „Fake News“ (Dahn) für dreißig Jahre zurückliegende Vorgänge und der Nutzung der seinerzeit völlig ungebräuchlichen Abkürzung „AfD“ für das 1990 entstandene demokratische Wahlbündnis „Allianz für Deutschland“ bei Yana Milev wird einem bestehenden Zeitgeist hinterhergeschrieben, ohne wirklich neue Akzente zu setzen.

Letzteres gelingt allenfalls dem Buch von Steffen Mau, Soziologe an der Berliner Humboldt-Universität, der virtuos und anregend anhand der Geschichte seines Rostocker Heimatstadtteils Lütten Klein – wendisch für „Kleiner Ahorn“ – von der DDR und der Transformationszeit der 1990er Jahre erzählt. Sein Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten stellt er das Leben in der DDR vor. Hier kommen Alltagsaspekte wie Familie, Wohnen und Einkaufen auf gut einhundert Seiten verdichtet und gezielt mit wenigen Bildern und Tabellen illustriert zur Sprache. Der Autor differenziert die DDR unter Heranziehung verschiedener soziologischer Überlegungen, als Stände-, Normierungs- oder Frühaufstehergesellschaft.

Alltag im Plattenbau

Der zweite Teil widmet sich im Plural den „Transformationen“ der ostdeutschen Gesellschaft. Hier kommt Mau zu teils problematischen Schlussfolgerungen. Ebenso wie die AutorInnen der anderen Neuerscheinungen wertet er die ersten freien Wahlen in der DDR vom 18. März 1990 als nur formal frei. Die Einmischung der Westparteien in den Wahlkampf „habe die gerade aufkeimende DDR-Demokratie schon wieder zertrampelt“. Von in ihrer Mehrzahl mündigen DDR-Bürgerinnen und Bürgern, die zu über 90 Prozent an die Urnen strömten, ist keine Rede. An anderer Stelle vergreift sich der Autor in den historischen Schubladen, wenn er schreibt, der Einigungsvertrag sei einer „bedingungslosen Kapitulation“ gleichgekommen.

Die Begriffe stimmen nicht

Militaristisches Vokabular findet sich auch in den anderen Büchern, etwa „Privatisierungsfeldzug“ bei Dahn. Spannender zu lesen sind die eigenen biografischen Einwürfe Maus, der die friedliche Revolution als junger Wehrpflichtiger erlebte und mit seinem Kameraden einen „Soldatenrat“ bildete. Später wurde er Augenzeuge der Hatz in dem Lütten Klein benachbarten Stadtteil Lichtenhagen. Maus Analysen der vielfältigen „Brüche des gesellschaftlichen Zusammenhangs“ in Ostdeutschland vor und nach 1989 münden am Ende in den innovativen Begriff der „Fraktur“.

Ebenfalls auf einen Begriff, den der „Übernahme“, bringt der Berliner Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk die Entwicklungen in seiner Darstellung, die die Transformation des Ostens in einen größeren Zusammenhang von nachgeholter Modernisierung einordnet. „Ostdeutsch“ definiert der Autor darin als einen „gemeinsamen Erfahrungsraum“, Ostdeutschland als „Laboratorium der Globalisierung“, und das „Wunder“ sieht er weniger in der weitgehend gewaltlosen Revolution, sondern eher in der friedlich verlaufenen Transformationszeit mit all ihren sozialen Verwerfungen und individuellen Entbehrungen.

Die eigene Biografie zählt

Trotz dieser luziden Überlegungen sind an der Verlagswerbung, es handele sich bei „Die Übernahme“ um „das politische Buch der Stunde“, Zweifel angebracht. Oft führt eher Sarkasmus dem Autor die Feder. Neues ist kaum zu erfahren, dafür bekommt man eine Flut unkritisch zitierter demoskopischer Zahlen, zuweilen sogar Plattitüden („Wir stehen vor dem Aufbruch in eine ungewisse Zukunft“), Sottisen („Pippi Langstrumpf wäre die Erste, die heute eine nichtrassistische, nichtdiskriminierende Sprache sprechen würde“) sowie mit Bibel- und Dahrendorf-Zitaten angereicherte analytische Banalitäten („Wenn man erst mal alles hat, was man glaubt zu benötigen, ist man auch nicht glücklicher“) und zudem noch etliche Details aus dem Leben des Autors zu lesen.

Das Kokettieren mit der eigenen Biografie hat Kowalczuk mit Daniela Dahn gemeinsam, die in ihrer „Abrechnung“ mit der Einheit allzu oft auf ihre früheren Werke verweist und auf die darin geäußerten Befunde, mit denen sie letztlich recht behalten habe. Dahn charakterisiert ihr neues Buch in der Einleitung als „Gedankenstrom“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Hier hat alles mit allem zu tun, und manchmal wird dem Leser schwindlig ob der Dichte des verschwörungstheoretischen Geraunes bei Dahn. Woher etwa kamen die schwarz-rot-goldenen Fahnen, die plötzlich bei den Demonstrationen im Herbst 1989 aufgetaucht sind, warum wohl fehlen alle DDR-Produktionen auf der Liste der Holocaust-Filme bei Wikipedia? Und was die „Wahrheit“ über den 11. September 2001 angehe, so gebe es wohl ein „Forschungsverbot für Historiker“. Im Kampf gegen ein „verzerrtes Geschichtsbild“ und „verordnete Einseitigkeit“ attackiert die Autorin gerne den von ihr als „führenden Historiker“ ironisierten Helmut Kohl und dazu die Medien als „Lücken- und Linienpresse“. Für das Erstarken des Rechtsextremismus im Osten macht Dahn die politische Klasse im Westen und „die nazifreundlichen Signale aus der Mitte des Staates“ verantwortlich. Irgendwann kulminiert Dahns Suada in der Frage, „Hallo? Ist da noch jemand? Wer hat das Licht ausgemacht?“ Ja, das fragt sich der Rezensent denn auch.

Einheit nur "Anschluss"?

Noch schärfer und undifferenzierter wertet die in Leipzig geborene Soziologin Yana Milev den Beitrittsprozess als „Anschluss“. Die friedliche Revolution und die Wiedervereinigung bezeichnet sie als Mythen, die Ostdeutschen als „Bettler“ (bei Mau „Habenichtse“) und Bürger zweiter Klasse. Bei ihr sind die Liberalisierung („eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“) und deren neoliberale Variante wie eine gewaltsame „Landnahme“ über den Osten gekommen und haben Menschen und Gesellschaft auf Dauer verheert. Der Einigungsvertrag firmiert als „Unterwerfungsvertrag“.

Fragwürdige Quellen

Bei der Lektüre des auf zahlreiche Wikipedia-Quellen und „Russia Today“-Artikel verweisenden Buches hat man Schwierigkeiten, der Autorin zu folgen. Zu heftig sind die Gedankensprünge, zu krude die Thesen, zu ausufernd die Redundanzen, zu häufig die Verweise auf eigene, künftige Veröffentlichungen. Einmal dient die Wiedervereinigung der alten Bundesrepublik, um von der Schuld am Holocaust abzulenken, ein andermal ist der Diktaturvergleich nur ein Mittel der bundesdeutschen Öffentlichkeit, um „Totalvergeltung“ für die Niederlage von Stalingrad zu üben. Die Liste teils atemberaubender Volten ließe sich mühelos fortsetzen. Man ertappt sich bei dem Gedanken, einem akademischen Schwindel aufgesessen zu sein. Bemerkenswerterweise wurde die Publikation von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, also aus dem sächsischen Landeshaushalt unterstützt.

Eine neue Generation ist gefragt

Kowalczuk fordert in seinem Buch einen Generationswechsel in der Aufarbeitungsszene. Dafür wird es höchste Zeit, auch um die sich etablierenden Narrative von der letztlich gescheiterten Wiedervereinigung in Frage zu stellen und wieder stärker den Freiheitsmoment der Jahre 1989/90 in den Blick zu nehmen, der in Umfragen, Statistiken. Kennziffern und Polemiken nicht aufgeht.

Steffen Mau: Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 283 S., 22 €.

Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde. Verlag C.H. Beck, München 2019. 320 S., 16,95 €.

Daniela Dahn: Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute. Die Einheit – eine Abrechnung. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 288 S., 14 €.

Yana Milev: Anschluss. Entkoppelte Gesellschaft – Ostdeutschland seit 1989/90, Bd. 1. Verlag Peter Lang, Berlin 2019. 343 S., 49,95 €.