Eine Analyse des 19. Jahrhunderts : Von hier aus in die ganze Welt

Der englische Historiker Richard J. Evans beschreibt das „lange“ Jahrhundert der Dominanz Europas.

Jürgen Kocka
Auf dem Höhepunkt. 1851 fand in London „The Great Exhibition“ statt, die erste Weltausstellung. Europas Staaten zeigten, was sie produzieren und wie sie den Weltmarkt beherrschen. Jospeh Paxton war der Ingenieur des Kristallpalasts. Foto: Colport / Alamy Stock Photo
Auf dem Höhepunkt. 1851 fand in London „The Great Exhibition“ statt, die erste Weltausstellung. Europas Staaten zeigten, was sie...Foto: Alamy Stock Photo

Wer begreifen will, warum die Einigung Europas in der Gegenwart möglich, schwierig und dringlich ist, sollte Europas Geschichte zwischen 1815 und 1914 kennen. Denn das war „das europäische Jahrhundert“, wie es im Titel der ausgezeichneten Synthese des renommierten englischen Historikers Richard J. Evans heißt, die nun auch auf Deutsch vorliegt.

Weder vorher noch später hat Europa die Welt politisch, ökonomisch und kulturell so dominiert wie im 19. Jahrhundert, als sich seine historische Größe wie sein destruktives Potenzial auf das Deutlichste manifestierten. Das schildert der Autor gelehrt und unterhaltsam zugleich, ausführlich und zuverlässig, gut lesbar auch für ein Publikum ohne viel historische Bildung. Es ist kein Buch der Thesen und Theorien, vielmehr eine teils systematisch, teils chronologisch gegliederte Argumentation, deren Linien der Autor aus der Rekonstruktion der Leben und Erfahrungen der Zeitgenossen, aus der anschaulichen Schilderung der Umstände und Veränderungen kunstvoll entwickelt, wobei er, ohne alle Fuß- oder Endnoten, auf die weitverzweigte Forschungsliteratur, aber auch auf zeitgenössische Romane, statistische Erhebungen und anekdotische Beobachtungen zurückgreift.

Unbekannte Episoden

Das Buch entwirft ein reichhaltiges Panorama europäischer Geschichte vom teils fortschrittlichen, teils blutigen Erbe Napoleons 1815 über die Revolution von 1848, deren Langzeitwirkung es stark herausarbeitet, bis in die Krisen des Hochimperialismus, die in den Ersten Weltkrieg mündeten und damit das Ende der globalen Hegemonie Europas einläuteten. Es verbindet Politik-, Sozial-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte. Einzelne Kapitel handeln von den „Widersprüchen der Freiheit“, der „sozialen Revolution“, der „Eroberung der Natur“ und dem „Zeitalter der Gefühle“. Das Standardwissen aus den einzelnen Nationalgeschichten wird verständlich dargeboten und auf neue Weise verknüpft, ergänzt durch zahlreiche unkonventionelle Blicke auf wenig Bekanntes, beispielsweise auf die Geschichte der öffentlichen Hinrichtungen, die in Deutschland noch in den 1850er Jahren als Spektakel inszeniert werden konnten, auf die Verbreitung des Duells als adlig-bürgerliche Praxis, die nur in England schon seit der Jahrhundertmitte durch sportliche Wettkämpfe abgelöst wurde, oder auf das Muster europäischen Plünderns und Beutemachens in anderen Teilen der Welt, das sich durch das ganze Jahrhundert zog.

Keine Einzelgeschichten - eine Gesamtdarstellung

Evans legt keine Aneinanderreihung einzelner Nationalgeschichten vor, wie es andere Geschichten Europas oftmals tun. Vielmehr argumentiert er grenzüberschreitend und zeigt überzeugend, dass es trotz aller Differenzen zwischen Ländern, Regionen und Sprachen so etwas wie eine europäische Geschichte gab, die durch grundlegende Gemeinsamkeiten wie durch wechselseitige Wahrnehmungen und Beeinflussungen über die Grenzen hinweg, durch Kooperation, Konkurrenz und Konflikt zusammengehalten wurde. Diese Gemeinsamkeiten und Verflechtungen definieren Europa bis heute. Europäische Integrationspolitik baut darauf auf.

Zwar differierten die sich erst zögernd, dann machtvoll durchsetzenden, die übernationalen Reiche aushöhlenden und schließlich überwindenden Nationalstaaten erheblich voneinander, vor allem in ihrer Politik nach innen und außen. Evans weiß das und gibt dem viel Raum. Aber in seiner Darstellung überwiegt das Gemeinsame: die Entwicklung hin zum immer stärkeren Staat, der Aufstieg von Öffentlichkeit, wirtschaftliches Wachstum im Zeichen von Kapitalismus und Industrialisierung, die Kommunikationsrevolution, die Überwindung von Hunger und Seuchen, die Muster sozialer Ungleichheit und sozialer Konflikte. Dazu kommen christliche Religion und aufklärerische Tradition, die großen politischen Strömungen mit dem Liberalismus als lange dominierender Kraft, der Aufstieg der Wissenschaften und der Umbruch der Weltbilder, schließlich das immer wieder auch gewaltsame Ausgreifen in die Welt.

Kein deutscher "Sonderweg"

Die deutsche Geschichte ist ganz und gar Teil dieses gesamteuropäischen Musters, einen „Sonderweg“ Deutschlands gab es aus dieser Sicht nicht. Ein solcher bestand schon eher für Britannien, das aufgrund seiner überragenden Seemacht, seiner lange dominierenden Rolle als „Werkstatt der Welt“ und dank beeindruckender Pionierleistungen auf vielen Lebensgebieten zur Zentralmacht des „europäischen Jahrhunderts“ wurde, auch wenn seine Vorherrschaft in den Jahrzehnten vor dem Weltkrieg besonders von den Deutschen zunehmend infrage gestellt wurde. Die Briten blickten oft mit Geringschätzung auf den Kontinent. Man versteht, warum es diesem Land noch heute so schwerfällt, sich in Europa politisch und gesellschaftlich einzuordnen.

Vordenker des Sozialismus: Karl Marx.
Vordenker des Sozialismus: Karl Marx.Foto: ADN/dpa

Evans zeichnet das europäische Jahrhundert als Epoche vielfältiger Fortschritte und mühsam erkämpfter Emanzipation. Die Leibeigenschaft wurde ebenso zu Ende gebracht wie die Sklaverei in den europäisch beeinflussten Teilen der Welt. Der Adel verlor gravierend an Macht, überlebte aber als Teil einer neu entstehenden, zunehmend bürgerlich geprägten hybriden Oberschicht.

So ungleich der wachsende Wohlstand verteilt war, auch der Lebensstandard der Massen stieg. Gewerkschaften und Arbeiterparteien trieben die Emanzipation der sich formierenden Arbeiterklassen voran. Der Sozialismus entstand. Gegen starke Widerstände schritt die Demokratisierung der Politik voran, wenn auch ganz ungleichmäßig und durch Rückschläge unterbrochen. Der Sozialstaat wurde geschaffen. Bildung hörte auf, ein Privileg kleiner Eliten zu sein. Die Freiheit gewann an Boden, begünstigte Innovation und ermöglichte eine bis dahin undenkbare Vielfalt und Dynamik des kulturellen Lebens, nicht nur an den Spitzen der Gesellschaft.

Fortschritt mit Schattenseiten

Aber die Grenzen und Kosten des Fortschritts werden ebenso deutlich: die Langsamkeit und Unentschiedenheit der Emanzipation in der Realität, fortdauernde Armut, ausgeprägte und zunehmende Ungleichheit besonders auch zwischen den Geschlechtern, neue Belastungen der Umwelt, sich ausbreitender Antisemitismus, auch als Antwort auf die überraschend erfolgreiche Judenemanzipation. Nüchtern und genau arbeitet Evans heraus, wie sehr die Beherrschung und Ausbeutung anderer Weltteile durch Kolonialisierung und Imperialismus, oft mit militärischer Gewalt, rücksichtsloser Unterdrückung und rassistischer Arroganz, zum Grundmuster des europäischen Jahrhunderts gehörten, so relativ friedlich es, im Vergleich zum 18. und dann wieder zum 20. Jahrhundert, auch innerhalb Europas verlief. Vor allem aber wird die grundsätzliche Janusköpfigkeit von Nation und Nationalstaat klar, die sich beide im 19. Jahrhundert durchsetzten.

Trotz Globalisierung nahm der Hass zu

Einerseits wirkten nationale Vielfalt und Konkurrenz als wichtige Triebkräfte des Aufstiegs Europas in der Moderne, die nicht nur Kolonisierung und Imperialismus, sondern auch den Fortschritt der Wissenschaft und politische Reformen vorantrieben. Andererseits entwickelte der anschwellende, die Massen ergreifende und als Herrschaftsmittel dienende Nationalismus seit den 1870er Jahren eine überwältigende, destruktive Kraft, hoch emotional und absolut, zunehmend mit Demokratisierung und Populismus verbunden.

Es gehört zu den bittersten Lehren jenes europäischen Jahrhunderts, dass die rasch fortschreitende Globalisierung nicht zu zunehmender Verständigung führte, sondern mit der Erneuerung alter Stereotype, dem Hass auf andere wie mit aggressiver nationalistischer Politik Hand in Hand ging. Es war ein gesamteuropäisches Phänomen, dass der konservative Multilateralismus mit seinen zwischenstaatlichen Verständigungsmechanismen, der 1815 etabliert worden war und noch in der Bismarck-Zeit funktionierte, dem nationalistischen Strudel der Vor-Weltkriegsjahrzehnte nicht mehr standhielt.

Warum Europa zusammenfinden muss

Die Vielfalt und die zugespitzte Konkurrenz der Nationalstaaten führten ohne zwischenstaatliche Regeln und Regulierung in die Katastrophe des Weltkriegs. Wie das geschah, zeigt dieses Buch. Nichts spricht für die Annahme, dass diese destruktiven Kräfte Europas ein für alle Mal gebändigt sind. Dies bleibt der wichtigste Grund für eine Politik der Integration von Politik und Gesellschaft Europas.

Richard J. Evans: Das europäische Jahrhundert. Ein Kontinent im Umbruch 1815–1914. Aus dem Englischen von Richard Barth. DVA, München 2018. 1024 S. m. farbigen Bildteilen, 48 €.

Jürgen Kocka, Mitbegründer der „Bielefelder Schule“ der Historischen Sozialwissenschaft, war u. a. Professor an der Freien Universität und Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) sowie Vizepräsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er ist Träger u. a. des Leibniz-Preises und mehrfacher Ehrendoktor.