Erschütternde Zeugnisse : All das wird nie mehr sein

Briefe aus dem Gulag

Der deutschstämmige Nikolai Scharfenberg, der mit seiner Familie in Charkow lebte, wurde Ende 1936 von der Geheimpolizei des NKWD verhaftet. Es war die Zeit der Tschistka, der „großen Säuberung“ Stalins. Anfangs konnte seine Frau ihn im Gefängnis besuchen, später immerhin noch Briefe schreiben. In der Haft erlitt Scharfenberg schwere Folterungen, wovon sogar die Akten zeugen („Auf der linken Schläfe eine Narbe, unter dem rechten Auge eine Narbe …“). 1937 wurde er in den äußersten Osten Sibiriens transportiert, zur Arbeit in einer Goldmine der Kolyma. Die übermenschliche Arbeitsnorm erreichte er nie. Die karge Essensration wurde ihm weiter gekürzt. Anfang 1939 verstarb er, erst im September konnte ein Mithäftling seiner Frau brieflich vom Tod ihres Mannes berichten.

Der Sohn, der seinen Vater nie mehr sah

Unlängst war Walter Scharfenberg, inzwischen 87 Jahre alt, bei der Vorstellung des Buches zugegen, in dem die Leidensgeschichte seines Vaters wiedergegeben ist: „Briefe aus dem Gulag“. Der Historiker Meinhard Stark hat rund 900 Briefe von 100 Gulag-Häftlingen bei den verschiedensten russischen Archiven ausfindig gemacht und schließlich 18 Opfer des Terrors ausgewählt, Angehörige von sechs Nationalitäten, sieben Frauen und elf Männer. Es sind Dokumente eines schier unvorstellbaren Leidens. Rund 18 Millionen Sowjetbürger, darunter vier Millionen Frauen, wurden zwischen Ende der zwanziger und Mitte der fünfziger Jahre durch das Lagersystem geschleust, dessen Territorien schließlich mehrere Millionen Quadratkilometer der Sowjetunion umfassten. Was ursprünglich als „Arbeitsbesserungslager“ ersonnen worden war, mündete in die vollständige Ausbeutung der Arbeitskraft der wahllos verhafteten Opfer einschließlich ihrer „Vernichtung durch Arbeit“. An der Kolyma betrug die durchschnittliche Lebenserwartung der Neuankömmlinge gerade einmal zwei Monate. Die wenigsten Verurteilten hinterließen briefliche Zeugnisse wie diejenigen, die der Herausgeber auffinden konnte. Die Lektüre der klug erläuterten Briefe, so bedrückend sie ist, kann dennoch den ganzen Abgrund des Gulag kaum ausleuchten.

Verhungert in Leningrad

Jewgenia Ginsburg, deren spätere Lebenserinnerungen im Samisdat kursierten, wurde als Mitglied der KPdSU 1937 verhaftet und zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. 1945 schrieb sie an ihren gleichfalls verurteilten Mann: „Dir zu schreiben, heißt immer wieder von Neuem, sich mit wundem, schmerzerfülltem Herzen daran zu erinnern, sich bewusst zu werden, dass all das niemals mehr sein wird, dass es unwiederbringlich und nicht wiedergutzumachen ist“. Ihr Sohn Aljoscha, hatte Ginsburg da erst erfahren, war 1942 im von der Wehrmacht eingeschlossenen Leningrad verhungert. Auch das gehört zur Geschichte der nie wiedergutzumachenden Verbrechen des 20. Jahrhunderts.


Manfred Stark (Hrsg.): Diese Zeilen sind mein ganzes Leben ... Briefe aus dem Gulag. Mit unveröffentlichten Lagerbriefen von Jewgenia Ginsburg. Metropol Verlag, Berlin 2019. 391 S., Abb., 24 €.

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