Magazin "Diaphanes" : Blicke mit Durchblick

Der Zürcher Diaphanes Verlag mit Dependance in Berlin gibt seit 2017 auch ein Magazin mit "Kunst, Literatur, Diskurs" heraus. Die Zeitschriftenkolumne.

Hausheiliger von Diaphanes. Der französische Schriftsteller Georges Perec.
Hausheiliger von Diaphanes. Der französische Schriftsteller Georges Perec.Foto: AFP

Kurz zurück zu Aristoteles und seiner Schrift „Über die Seele“. Im siebten Kapitel des zweiten Buches findet sich eine der wenigen Stellen, an denen er mit dem Durchsichtigen (to diaphanês) einen Begriff einführt, der erst 1927, mehr als zwei Jahrtausende später, in einem Vortrag des Kunsthistorikers Hans Jantzen über die Glasfenster des gotischen Kirchenraums, wieder zu folgenreichen Ehren kommt. „Durchsichtig“, schreibt Aristoteles, „nenne ich, was zwar sichtbar ist, nicht aber an und für sich sichtbar, sondern durch eine fremde Farbe.“ Sinnliche Wahrnehmung, darauf will er hinaus, braucht ein Medium, das über den wahrgenommenen Gegenstand selbst hinausgeht: Ohne Tageslicht bleibt das blaue Schimmern der Kathedralenfenster von Chartres buchstäblich im Dunkeln, und ohne Luft würde man vom Duft eines Lavendelfelds nichts ahnen.

Von hier aus direkt ins wintertrübe Kreuzberg, wo der 2001 von Michael Heitz in Zürich gegründete Diaphanes Verlag seit Anfang 2017 eine Exklave unterhält – den Espace Diaphanes in der Dresdener Straße 118. Hinter großen Schaufenstern finden Lesungen, Diskussionen und Ausstellungen statt, darunter eine Hommage an den jetzt vollständig auf Deutsch vorliegenden Georges Perec und seine Freunde von der Oulipo-Gruppierung. Man kann die rund ein halbes Tausend Titel umfassende Produktion durchstöbern oder in der jüngsten Ausgabe des vierteljährlich erscheinenden Magazins „Diaphanes“ (Issue 5, Fall/Winter 2018/2019, 160 S., 14,80 €, diaphanes.net) blättern: Das Renommierstück ist ein zwölfseitiges Gespräch zwischen Regisseur Lars von Trier, Essayist Mehdi Belhaj Kacem und Raphaëlle Milone.

Wild davongaloppierende Theorie

Der Untertitel des großformatigen, 33,5 Zentimeter hohen und 22 Zentimeter breiten Magazins lautet „Art, Fiction, Discourse“ beziehungsweise „Kunst, Literatur, Diskurs“. Es schlägt damit genau jenen Bogen, den auch das Verlagsprofil mehr oder weniger sanft beschreibt. Dort steht die akademische Untersuchung Seite an Seite mit wild davongaloppierender Theorie. Ausläufer des Popromans (Angelika Meier) gesellen sich zu unversöhnlicher Avantgarde (Pierre Guyotat). Mit „Das durchscheinende Bild“, einer Studie des St. Gallener Bildtheoretikers Emmanuel Alloa, liegt Anfang des Jahres überdies eine Art Programmschrift zum Verlagsnamen vor. In einer „Archäologie der Medienvergessenheit“ untersucht Alloa das Paradigma eines westlichen Denkens, in dem sich „Transparenz und Opazität“ treffen. Als Unentscheidbarkeitsphänomen zwischen Klarheit und Eintrübung lässt sich das auch auf den Gestus mancher Magazintexte beziehen. Ein Hausautor wie der Phänomenologe Jean-Luc Nancy kann sich hier mit poetisch-rhapsodischen Texten austoben, die wie in der letzten Nummer den Spannungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden weniger diskursiv nachgehen als in seinem gerade separat erschienenen Essay „Der ausgeschlossene Jude in uns“.

In den Fußstapfen des Merve Verlags

Das intellektuelle Einzugsgebiet ist wie beim Merve Verlag, den Diaphanes in vieler Hinsicht beerbt, französisch geprägt. Die Übersetzung aller Beiträge ins Englische zielt dabei auf den internationalen Kunstmarkt. Im aktuellen Heft fragt der an der Berliner UdK philosophische Ästhetik lehrende Alexander García Düttmann nach dem „emanzipatorischen Potenzial“ von Kunst im „ästhetischen Kapitalismus“, während sich die Zürcher Slawistin Sylvia Sasse, an Michail Ryklin ausgerichtet, mit den Problemen einer „operativen Zensur“ in der russischen Kunstszene und der DDR beschäftigt.

In ihrer Sehnsucht nach Widerständigkeit werden diese Perspektiven von der abgebildeten Kunst aber nur zum Teil flankiert. Vor allem die über das Heft verstreuten Fotografien des Schweizers Robert Estermann mit Pferden und leicht bekleideten jungen Männern (www.riding.vision) wirken in ihrem werblichen Charakter wie schwuler Kitsch. Aber das Heftmotto heißt schließlich „Taming the Gaze“. Darum geht es auch in den Fotos von Elena Dorfman über den „Origin of the New World“ auf den Spuren von Gustave Courbet oder im Essay über die stilisiert obszönen Animationsvideos des gebürtigen Hongkongers Wong Ping.

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