• „Marias Testament“ am Renaissance Theater: Diese Muttergottes will keine Statistin mehr sein

„Marias Testament“ am Renaissance Theater : Diese Muttergottes will keine Statistin mehr sein

Nicole Heesters brilliert in „Marias Testament“ als Mutter des christlichen Erlösers. Dabei gibt sie eine nüchterne Perspektive auf Bibelgeschichten.

Maria (Nicole Heesters) staunt über die Taten ihres Sohnes.
Maria (Nicole Heesters) staunt über die Taten ihres Sohnes.Foto: Bo Lahola

Kein Wunder, dass die Mutter aus diesem Sohn nicht mehr schlau wird. Er schart eine Gruppe von Nichtsnutzen um sich („Wann immer ich mehr als zwei Männer zusammen gesehen habe, habe ich Dummheit gesehen“). Er zieht nach Jerusalem, wo es von Spitzeln und Spionen wimmelt, und veranstaltet trotzdem „einen Riesenwirbel“ – lässt Lahme wieder gehen und Blinde wieder sehen. Er verwandelt auf einer Hochzeit Wasser in Wein, obwohl die Gäste offensichtlich genug intus haben. Und zu allem Überfluss erweckt er auch noch Tote zum Leben, was doch nichts anderes bedeutet, als „den Weg der Natur zu verhöhnen“. Das musste ja ein böses Ende nehmen.

Im Roman „Marias Testament“ des irischen Schriftstellers Colm Tóibín spricht die Muttergottes. Aber eben: nur als Mutter. Die Frau, der in der Bibel keine viel größere Rolle zugedacht ist als die einer Statistin, die mit ihrer unbefleckten Empfängnis den erstaunlichsten Plot der Welt möglich macht, steht hier im Rampenlicht. Als Hadernde, Zornige, Ungläubige.

Sie erzählt von zwei Männern, die regelmäßig zu ihr kommen und sie bedrängen, eine Geschichte abzusegnen, die nicht ihre ist. Tóibíns Maria hat ihren ganz eigenen Blick auf die Geschehnisse und verspricht: „Ich werde nichts sagen, was nicht wahr ist.“

„Marias Testament“ – als Bühnenfassung von Elmar Goerden jetzt am Renaissance-Theater zu sehen – ist kein blasphemischer oder ketzerischer Text. Nur ein radikal zweifelnder, der die Zumutungen des Glaubens auf ein menschliches Maß zurückführt.

Was Maria bei Tóibín erlebt, kennen Eltern zu allen Zeiten: Das eigene Kind wird fremd, entwächst und entgleitet einem. „Frau, was habe ich mit dir zu schaffen?“, diesen Satz schleudert der Sohn seiner Mutter entgegen. Er wird nie Jesus genannt, „etwas in mir würde brechen, wenn ich seinen Namen sagen würde“.

Mythos gegen Augenzeugin

Regisseur Goerden hat als Maria Nicole Heesters gewonnen, die diesen Monolog einer Frau auf der Via Dolorosa ihrer Erinnerungen wirklich phänomenal trägt: Anfangs noch hölzern, tastend, bald aber mit bebender Kraft und schonungsloser Entschlossenheit zur Tabula- rasa-Rechenschaft. Zwischen Tisch, Stühlen und ein paar Requisiten auf der ansonsten leeren Bühne mit weißem Hintergrund setzt sie den Mythen ihre Augenzeugenschaft entgegen.

Eine Empfängnis vom heiligen Geist? Nein, Maria weiß sehr genau, wer der Vater dieses Jungen ist. Wasser in Wein verwandeln? Ein Jahrmarktzauber, ihr nicht geheuer. Den toten Lazarus zum Leben erwecken – weshalb? „Was war der Zweck seiner Auferstehung? Dass er zwei Tode sterben musste?“ Denn genau das geschieht: Der Zombie Lazarus muss nach wenigen Tagen zurückkehren ins Grab. Ewiges Leben? Nein, Maria weiß, dass nach dem Ende nichts mehr kommt.
[nächste Vorstellungen 25. bis 27. 10.]

Die Welt ist die Erlösung nicht wert

Elmar Goerden, vor Zeiten ja glücklos als Bochumer Intendant geschieden und seitdem als freier Regisseur unterwegs, unter anderem am Wiener Theater in der Josefstadt, beweist mit dieser Inszenierung einmal mehr seine großen Qualitäten als textgenauer Schauspiel-Ermöglicher.

Die Produktion, die im vergangenen Jahr ihre Premiere an den Hamburger Kammerspielen gefeiert hat, wirkt am Renaissance-Theater ein wenig fremd. Es ist aber umso erfreulicher, dass sie ihren Weg nach Berlin gefunden hat. Die Ernsthaftigkeit, mit der „Marias Testament“ den Sinn unseres Daseins und die Suche nach Erlösung befragt, ist absolut sehenswert.

In anderthalb verdichteten Stunden ringt sich Nicole Heesters als Maria zu der finalen Beichte durch, sich bei der Kreuzigung ihres Sohnes davongestohlen zu haben, weil sie es nicht ertragen konnte. Auch das gehört zu ihrer Wahrheit. Ebenso wie die große Provokation, mit der sie den Bericht über ihren Sohn beschließt: „Wenn ihr Zeugen braucht, dann bin ich ein Zeuge. Aber wenn ihr sagt, dass er die Welt erlöst hat, dann sage ich, dass sie das nicht wert ist. Das ist sie nicht wert.“

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