zum Hauptinhalt

Literatur & Alltag: Meine Sicht der laufenden Ereignisse

Der Künstler Tobias Premper notiert seit Jahren seine Alltagsbeobachtungen in Notizhefte. Jetzt ist daraus ein Buch entstanden – im renommierten Steidl Verlag.

Der erste Satz ist ein Abschied. Bei Tobias Premper geht er so: „Ich schreibe diese Verse wie meine letzten. Und wenn ich ein Mädchen küsse, dann nur, weil ich sie für immer küssen möchte.“ Es ging noch viel weiter, aber so hat es angefangen, auf der ersten Seite eines grünen Notizbuchs im Oktober 2004, in einem Café in Wiesbaden, alles war irgendwie fertig, die Frau fast weg. Da hat Tobias Premper beschlossen, das festzuhalten, was zählt.

Acht Jahre und 17 grüne Notizbücher später steht der Künstler barfuß und bärtig in seinem Kreuzberger Arbeitszimmer und schaut ernst. Dabei hat er allen Grund zur Freude: Aus seinen gesammelten Notizen ist ein wunderschönes Buch geworden, und dieses Buch ist bei Steidl erschienen, dem Günter-Grass-Verlag, dem Kunstverlag, den der Verleger noch selbst führt, den Druckerkittel am Leib. Premper hat Gerhard Steidl Postkarten nach Göttingen geschrieben, immer wieder, mit Notizen darauf und mit Grüßen. Man telefonierte, und am 30. Juni 2010, dem Tag, an dem Wulff zum Bundespräsidenten gewählt wurde und der Verleger als Mitglied der Bundesversammlung in Berlin war, hat Premper ihm das Manuskript überreicht. So hat das angefangen.

Es ist deshalb bedeutsam, wo Prempers Buch erschienen ist, weil es zunächst unerhört scheint, dass ein großes Verlagshaus fast 300 Seiten mit Notizen im Hardcover herausbringt. Andererseits haben diese geschliffenen, stolzen, lebens-, liebes- und literaturgesättigten Miniaturen keinen anderen Rahmen verdient. „Das ist eigentlich alles“, so heißt das Werk, es ist ein Kunstbuch geworden, eines zum Immer-wieder-Aufschlagen, zum Darin-Herumwandern, so wie der Autor durch die Stadt zieht, mit offenen Augen und gezücktem Stift: „Zwei Jungs standen vor einer Haustür und aus der Gegensprechanlage drang eine Frauenstimme: ,Na, ist euch kalt?’ Und einer der Jungs antwortete: ,Nein, wir haben Angst.’“

Tobias Premper wurde 1974 im niedersächsischen Celle geboren, er ist ein ruhiger Mensch, hat Sinn für Humor, aber er nimmt die Dinge nicht leicht. Mit Anfang 20 begann er zu schreiben, neben dem Studium, bisschen Jura, bisschen Literatur und Philosophie, bisschen Arbeit in einer Werbeagentur. Premper malte, fotografierte, machte Musik, die Druckkosten seines ersten Gedichtbandes bezahlte er mit einem Bild.

Und irgendwann fragte er sich: Wie kann ich mit all diesen verschiedenen Ideen umgehen? Premper wusste: „Viele Dinge, wenn ich sie nicht dokumentiere, vergesse ich sie.“ So begannen die Notizen, und so entstand die Idee zu den „Boxenbüchern“. Seit 2006 gibt Premper diese Blattsammlungen heraus, elf sind bisher erschienen. Jeweils zwischen 50 und 100 Seiten, Zeichnungen, Collagen, Stempelungen, Kopien, verpackt in einem Stülpkarton. „Jede Box ist ein Original mit dem gleichen, variierenden, ähnlichen Inhalt“, schreibt der Künstler auf seiner Homepage.

Die Boxen stapeln sich in Prempers Arbeitszimmer, einer aufgeräumten Stube voll mit Büchern und Bildern und CDs, auf dem Tischchen neben dem Sofa steht ein Aschenbecher. Abgelegt in einem Schrankfach sind die Notizhefte zu sehen, aktuell führt Premper das 23. Er ist eben Sammler, das hört ja nicht auf: „,Na’, begrüßte mich D., als ich gerade noch etwas ins Notizbuch schrieb, ,sprichst du wieder mit deinem Notizbuch?’“

Für Premper sind seine Miniaturen „die Quelle, aus der sich alles speist“, „meine Sicht der laufenden Ereignisse“, Stimmungen, Ansätze für Geschichten. Die Sudelbücher von Lichtenberg und Tucholsky nennt er als Vorbilder, man kann auch an Rolf Dieter Brinkmanns Alltagsnotizen denken und an Max Frischs Tagebücher. Im Moment arbeitet Premper an einem Erzählband, auch für Steidl, kurze Stücke, Halbseiter, die Grundlage für einen Roman, der auch kommen soll, später.

„Letzten Endes zählt nur das Buch“

Aber jetzt sind erst mal die Notizen dran. Premper sitzt jetzt an seinem Küchentisch, raucht, trinkt Weinschorle, es ist ein sonniger Tag draußen. Wo das Buch entstanden ist? „Wiesbaden, Hannover, Paris, Italien, andere Reisen, dann Berlin.“ Eine Menge Berlin. „Jeanne Moreau in der Stadt“, geht die Notiz, „und ich bin 50 Jahre zu spät dran, um mit ihr Hand in Hand durch ein Museum oder über eine Brücke zu laufen.“ Schade. Und schön.

Die Reihenfolge seiner Notizbucheinträge hat Premper nicht verändert, die ist „chronologisch, wie es sich abgespielt hat“. Er hat nur ausgewählt, ein Viertel ist rausgeflogen. Die Notizen sind für den Autor reines Material, sobald sie abgetippt und – teils stark – überarbeitet sind, sagt er, verliert er die Beziehung zu ihnen. „Letzten Endes zählt nur das Buch.“

Tobias Premper ist niemand, der Statusmeldungen in die Welt schickt, er verweigert sich Facebook und Twitter. Schon seine Handschrift in den Notizbüchern ist säuberlich, gut lesbar, selten sind Worte oder Sätze ausgestrichen. Premper will das Werk, er will Dauer. Vielleicht will er einfach nicht: verschwinden.

Es ist viel Verzweiflung in diesem Buch, Erleuchtungen und Verdunkelungen, Gott und Tod, Träume und Traumfrauen, Lesefrüchte und Künstlerpein, Humor und Hymnen: „Er hätte sich aus dem Fenster stürzen können. Stattdessen nahm er ein ausgiebiges Bad, rasierte und parfümierte sich und zog seinen Sonntagsanzug an. Jetzt konnte es doch weitergehen.“

Der Erzähler wechselt seine Rollen in den Notizen, viel Ich, viel Er und Sie, Geschichten von Freunden. Oder einfach: Geschichten, vom „kleinen Hutzelmännchen“, von einer Postangestellten. Ein Sammelsurium wie in den Boxenbüchern. Die Vielfalt macht die Lektüre abwechslungsreich, überraschend, unterhaltsam auch, bei aller Tiefe, die Prempers Blick zuweilen hat.

Es ist auch viel schöne Wut dabei, viel „Arschlöcher!“ Was ja kein sinnloses Gefluche ist, sondern zeigt, dass da einer Haltung hat, dass da einer etwas sieht in der Welt, sie ernst nimmt, sie wirklich spürt. Premper beschreibt es so: „Hassen, gar nicht mal, weil da ein Grund ist, sondern weil es sich gerade so ergibt. Und lieben auch.“ Dafür kann man dieses Buch eigentlich nur zurücklieben.

Tobias Premper: „Das ist eigentlich alles.“ Steidl Verlag, Göttingen 2012. 256 Seiten, 18 €. Lesung: 23. August, 20 Uhr, Buchhandlung Gralla (Hindenburgdamm 42, Lichterfelde), 27. August, 20 Uhr, Café im Bauhaus Archiv (Klingelhöferstr. 14, Tiergarten), 29. August, Celo Privat Bar (Glogauer Str. 19 a, Kreuzberg).

Zur Startseite