Memoiren von Gabriele Tergit : Als der Potsdamer Platz ein Schutthaufen war

In „Etwas Seltenes überhaupt“ erinnert sich die Berliner Journalistin Gabriele Tergit an ihr Leben. Die Memoiren erscheinen erstmals ungekürzt.

Gabriele Tergit, hier ein Foto von 1928, berichtete Anfang der dreißiger Jahre über einen Prozess gegen Adolf Hitler am Gericht von Moabit.
Gabriele Tergit, hier ein Foto von 1928, berichtete Anfang der dreißiger Jahre über einen Prozess gegen Adolf Hitler am Gericht...Foto: Jens Brüning

Im Januar 1932 findet in Berlin-Moabit ein Beleidigungsprozess gegen Adolf Hitler statt. Weil das Gericht vorab gesperrt worden ist, müssen alle Beteiligten draußen warten und unfreiwillig Spalier für den Angeklagten stehen. Drinnen geht die Show weiter. Hitler antwortet dem Richter mit einem schreiend vorgetragenen Redeschwall. Die Gerichtsreporterin Gabriele Tergit erlebt es so: „Er hielt eine Rede an eine Riesenversammlung, die nicht da war, er rief ein Volk auf, das nicht vorhanden war. Er keuchte, warf den Kopf zurück und redete ohne Unterlass. Es wurde nicht klar, spielte Hitler den Hysteriker oder war er es“.

Die damals 37-jährige Journalistin arbeitet seit Mitte der zwanziger Jahre für das von Theodor Wolff geleitete „Berliner Tageblatt“. Als erste Frau in Deutschland schreibt sie feuilletonistische Gerichtsreportagen, ein Genre das ihr Kollege Paul Schlesinger unter dem Kürzel „Sling“ in der „Vossischen Zeitung“ geprägt hatte. Das Landgericht Moabit ist für Tergit die Bühne, auf der sich die Gesellschaft der Weimarer Republik spiegelt. All die kleinen Dramen um Betrug, Diebstahl und Beleidigungen schildert sie in lakonischem Ton und mit hintergründigem Witz. Aber auch mit der nötigen Schärfe wie im Fall des Hitlerprozesses, für den sie die Überschrift „Wilhelm der Dritte erscheint in Moabit“ wählt. In ihren jetzt neu aufgelegten Erinnerungen widmet sie der Episode drei Seiten, aus denen genau wie aus ihrem damaligen Bericht die Abscheu für den Angeklagten spricht. Sie habe 40 Jahre über den Prozess nachgedacht, schreibt sie. „Wenn ich einen Revolver besessen hätte und ich hätte ihn erschossen, hätte ich fünfzig Millionen vor einem frühen Tod gerettet und ich wäre Judith II. geworden. Aber wer hätte das gewusst?“

Antisemitismus zeigte sich immer unverhohlener

Die besonnene, aus einer wohlhabenden jüdischen Bürgerfamilie stammende Journalistin neigt ohnehin nicht zur Impulsivität. Also geht sie weiter ihrer Arbeit nach und muss mitansehen, wie der Schreihals aus dem Gericht immer mehr Gefolgsleute gewinnt und die Stimmung im Land aggressiver wird. In ihren Erinnerungen, die nach einer auf sie gemünzten Charakterisierung eines Zeitungskollegen den Titel „Etwas Seltenes überhaupt“ tragen, zeichnet sie diese Entwicklung skizzenhaft nach. Sie beschreibt, wie es zu absurd tendenziösen Gerichtsurteilen kommt, wie wilde Falschmeldungen verbreitet werden und sich der Antisemitismus immer unverhohlener zeigt. Auf diesen war Gabriele Tergit schon eingestellt, durch Erlebnisse wie den Morgen nach den Reichstagswahlen von 1930, bei denen die NSDAP zur zweitstärksten Kraft aufstieg. In der Redaktion herrschte eine muntere Stimmung und ein Kollege sagte geradeheraus: „Die Juden haben doch auch alles Geld“.

Eine ähnliche Bemerkung motiviert Tergit, ihren ersten Roman zu schreiben, der 1931 erscheint. „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ ist die Geschichte des Hypes um einen Sänger, aber viel mehr noch ein dichtes Gesellschaftspanorama Berlins in der Weimarer Republik, das in einer Reihe steht mit Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ und Kästners „Fabian“.

In ihren Erinnerungen bezeichnet Gabriele Tergit das Schreiben des Romans als „vielleicht die schönste Zeit meines Lebens“. Mit ihrem zweijährigen Sohn und dem Kindermädchen hat sie sich in einen Ferienort zurückgezogen. Später kommt ihr Mann, der Architekt Heinz Reifenberg, dazu. Das Buch ist ein Erfolg, gerät aber in der Nachkriegszeit immer wieder in Vergessenheit, denn es ist lange nicht lieferbar. Nach Wiederauflagen und Tergit-Renaissancen in den 70er und nuller Jahren hat der Schöffling Verlag es 2016 neu herausgebracht. Hier erscheint nun auch „Etwas Seltenes Überhaupt“.

Nach dem Krieg steht Tergit vor den Ruinen ihres Elternhauses

Erstmals waren die Erinnerungen 1983 – ein Jahr nach Tergits Tod – bei Ullstein herausgekommen. Allerdings beträchtlich gekürzt und mit starken Eingriffen in den Text. Dies wurde in der von Nicole Henneberg herausgegebenen Fassung korrigiert. So ist etwa die Korrespondenz mit ihrem Freund Karl enthalten, der der über Palästina nach London emigrierten und dort heimisch gewordenen Autorin von seinem harten Leben in Berlin berichtet. Er hatte sie wiedergefunden, weil er ihre Artikel im Tagesspiegel gelesen hatte.

Tergit tritt als Autorin meist weit zurück, ist mehr Reporterin und Zeitbeobachterin als Autobiografin. Sie schreibt lieber über ihre Freunde und Kollegen als über sich selbst. Wobei ihr eindrückliche Impressionen gelingen. Vor dem Krieg etwa vom Journalistenstammtisch im Café Capri. Oder 1948, als sie den ersten Nachkriegsbesuch in Berlin beschreibt, wo sie vor den Ruinen ihres Elternhauses steht, das alte Zeitungsviertel nicht mehr finden kann. Der Potsdamer Platz ist nur noch ein Schutthaufen. Im Gericht kennt der Botenmeister sie noch, doch Tergit fühlt sich fremd, als sie den Prozess um einen gestohlenen Ring beobachtet. Welch abstruser Aufwand angesichts des hunderttausendfachen Raubs, der wenige Jahre zuvor geschehen war. Nein, hierhin gab es keine Rückkehr!


Gabriele Tergit: Etwas Seltenes überhaupt. Erinnerungen. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Nicole Henneberg. Schöffling & Co, Frankfurt/Main 2018. 424 Seiten, 26,80 €.

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