"Moonglow" von Michael Chabon : Mond über Manhattan

Verspielt, sprachgewaltig, turbulent: Der amerikanische Schriftsteller Michael Chabon schreibt eine Art Memoir - und erzählt in „Moonglow“ eine jüdische Familiengeschichte.

Der amerikanische Schriftsteller Michael Chabon. Er wurde 1963 in Washington D.C. geboren.
Der amerikanische Schriftsteller Michael Chabon. Er wurde 1963 in Washington D.C. geboren.Foto: Benjamin Tice Smith/Verlag

Als vor knapp zwanzig Jahren Michael Chabons Roman über die Blütezeit der Comic-Kultur in den vierziger- und fünfziger Jahren veröffentlicht wurde, „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay“, versahen ihn die Verlage im Klappentext stets mit dem Hinweis, Chabons Großvater sei Drucker und Setzer gewesen, irgendwann auch für einen New Yorker Laden, in dem Comichefte gedruckt wurden. Für das Verständnis von Chabons mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman spielte dieser biografische Verweis keine Rolle, und doch sollte er wohl für ein größeres Maß an Glaubwürdigkeit stehen (tatsächlich verdankte der junge Chabon die Comic-Leidenschaft seinem Vater, der wiederum taschenweise von seinem Vater die Hefte aus der Druckerei mitgebracht bekam).

Für seinen neuen Roman „Moonglow“ hat Michael Chabon nun abermals die eigene Familiengeschichte bemüht, und wie es scheint, viel offensichtlicher als ehedem. So wie er es in einer Anmerkung vorwegschickt: „Beim Schreiben dieser Memoiren habe ich mich an die Fakten gehalten, es sei denn, sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gerne verstehe, beugen.“ Und wenn dem so war, sei er „hemmungslos“ erfinderisch vorgegangen, weshalb man Michael Chabons wirkliche Familiengeschichte wohl nicht ganz so leicht mit diesem Roman abgleichen kann.

Dieses Mal ist nun der andere Großvater dran, der mütterlicherseits. Tatsächlich heißt der Ich-Erzähler auch Michael, gibt es Parallelen zu dem von Chabon (Schriftsteller, erste Ehe ging in die Brüche, Mutter Anwältin etc.) und sogar eine Passage über den Setzer-Großvater. („In den Dreißigerjahren arbeitete er für eine Firma, die Filmposter produzierte“). Doch allein mit Namensnennungen hält Chabon sich zurück. Sein Held und dessen Ehefrau heißen nur „mein Großvater“ und „meine Großmutter“, und der Roman beginnt schon mit einer Szene, in der sich Chabon als gewohnt fantasiereicher, wortgewaltiger und sprachverliebter Fabulierer zeigt. „Ich kenne die Geschichte so“, hebt er an, um dann zu schildern, wie sein Großvater 1957 den Chef der Firma, in der dieser arbeitet – sie produziert und vertreibt Haarspangen aus Klaviersaiten (!) –, mit einer Telefonschnur zu erdrosseln versucht – und seinerseits von der Chefsekretärin einen Brieföffner in die linke Schulter gerammt bekommt.

Chabons Großvater trifft Wernher von Braun

Es ist hier also viel los schon auf den ersten Seiten, und turbulent geht es bis zum Schluss zu. Wenngleich der äußere Erzählrahmen ein ruhiger ist, liegt doch der Großvater, es ist das Jahr 1989 oder 1990, „zu der damaligen Zeit waren viele Deutsche damit beschäftigt, Löcher in die Berliner Mauer zu schlagen“, unheilbar an Knochenkrebs erkrankt und eingedeckt mit Morphium auf dem Totenbett, um von hier aus dem Enkel Fragen zu seinem bewegten Leben zu beantworten.

Solcherart stabilisiert, hält sich Chabon in seinem Roman an keine Chronologie, sondern springt wie ein kleines Feuerteufelchen und auch mit Fußnoten arbeitend hin und her in der Geschichte des Großvaters. Er erzählt, wie der als Sohn deutsch-jüdischer Einwanderer 1917 in Philadelphia geborene Großvater die Großmutter kennenlernt, die wie er einer jüdischen Familie entstammt, in Europa geboren wurde und dem Holocaust nur knapp in einem Kloster entkam. Oder wie er bei der US-Army landet und im Zweiten Weltkrieg als Angehöriger einer Spionageeinheit deutsche Wissenschaftler aufspüren soll, vor allem den Raketeningenieur Wernher von Braun; oder wie er, der ein glühender Fan der Raumfahrt und der Astronomie ist, von Braun viel später auf einem Space-Kongress in Cocoa Beach, Florida begegnet (wo von Braun in einen Ficus pinkelt – und dem Großvater einen Job als Modellbauer bei der NASA einbringt).

Die Weltkriegspassagen gehören zu den eindrücklichsten, schönsten dieses Romans. In den Szenen in Vellinghausen in Nordrhein-Westfalen und Nordhausen im Harz demonstriert Chabon, wie virtuos er das Spiel beherrscht, Fiktives und Nicht-Fiktives zu vermengen, wie klug er historisch Verbürgtes im Fiktiven aufgehen lässt, so weitgehend, dass er selbst noch Thomas Pynchons V-2-Raketenroman „Die Enden der Parabel“ seine Referenz erweist (wie auch Salingers „Neun Erzählungen“ und James Salters Roman „Ein Spiel und ein Zeitvertreib).

„Moonglow“ glänzt mit immer wieder neuen Einfällen

Michael Chabon ist ein Fan und ausgewiesener Kenner populärer Kulturen wie Film, Comics, Detektivromane, Musik oder Mode. Nicht nur mit „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay“ hat er das bewiesen, sondern auch mit „Telegraph Avenue“, einem Roman über zwei Plattenladenbesitzer und deren Retro-Blaxploitation-Umfeld. Auch in „Moonglow“ findet sich dieser popkulturelle Zugang, zeigt Chabon seine Liebe fürs Detail, etwa wenn er C.B. Colbys Buch „Strangeley Enough erwähnt, „eine nicht fiktive Sammlung von Geschichten über unerklärliche Vorfälle und paranormale Phänome, sie war in den Sechzigern und Siebzigern ein Verkaufsschlager des Scholastic Book Club und gehörte zu den wichtigsten Büchern meiner Kindheit.“

Oder er beschreibt, wie es in eben jenem Kongressgebäude aussieht, in dem sich der Großvater und von Braun treffen, und was dort „in der Abteilung Weltraumkunst und Raumfahrzeuge“ an den Wänden hängt: Aufnahmen von „Rocketdyne-Motoren, die einen hellen Streifen in das blaue Banner eines Morgenhimmels über Canaveral rissen. (...) Eine langzeitbelichtete Teleaufnahme des Vollmonds, der über dem Mons Erebus aufgeht, laut Bildunterschrift von von Braun persönlich während seiner Antarktisreise 1966 gemacht.“

Bisweilen wirkt das überbordend, too much, den Geschichten und Lebensläufen der Figuren etwas im Wege stehend. Doch dann glänzt „Moonglow“ mit immer wieder neuen Einfällen, kommt Chabon zurück in die Spur seiner amerikanisch-jüdischen Familiengeschichte, seines Zeitpanoramas insbesondere von den dreißiger Jahren über den Zweiten Weltkrieg bis in die fünfziger und siebziger Jahre. Nach und nach wachsen einem diese Großeltern mit ihren Macken und vielfältigen Deformationen ans Herz, auf dass dieser Roman doch bitte schön noch länger als bloß knapp 500 Seiten dauern dürfe!

„Manchmal sind selbst die Fans von Fiktion nur durch die Wahrheit zufriedenzustellen.", erklärt der Ich-Erzähler einmal seine Arbeit an dieser Geschichte. Doch die Wahrheit hat bekanntlich Facetten, und daran hält sich Michael Chabon bis zum Ende seines Romans, als ihm die letzte Freundin seines Großvaters bei „der Vorstellung meines zweiten Buches in Coral Gables“ über den Weg läuft. Ob es wirklich so war? Egal, spielt keine Rolle, muss man nicht wirklich wissen, wie bei jedem guten Memoir. Was man weiß: Nach Jonathan Safran Foers „Hier bin ich“ und Paul Austers „4 3 2 1“ gerade einen der großen amerikanischen Romane der jüngeren Zeit gelesen zu haben.

Michael Chabon: Moonglow. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer. Verlag Kiepenheuer &Witsch, Köln 2018. 495 Seiten, 24 €. Die deutsche Buchpremiere ist am 15.3.,20 Uhr im Pfefferberg Theater Berlin

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