In Malagrotta, Europas größter Müllhalde, wird der Abfall wieder vermischt

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Müll und Mafia : Die Möwen von Rom
Benjamin Korn
Angriff der Allesfresser. Möwen beim Kreisen über Rom.
Angriff der Allesfresser. Möwen beim Kreisen über Rom.Foto: Tiziana Fabi/AFP

Einer seiner Zuarbeiter, der frühere Generaldirektor der Müllabfuhr Giovanni Fiscon, steht wegen passiver Bestechung und Begünstigung einer mafiösen Clique vor Gericht. Man sollte ihn wegen Begünstigung der Möwenplage anklagen – denn dank seiner Gewinnsucht und Untätigkeit lagen überall in Rom die unabgeholten Müllsäcke, am Straßenrand, um Müllkörbe gruppiert, an offene Container gelehnt, Säcke, die Möwen mit einem Schnabelhieb öffnen. Rom ist weiterhin übersät von schlecht verpackten Abfällen, obschon in Rom die Regeln für die Mülltrennung inzwischen zu den strengsten Europas gehören. Jüngst bedrohte die Müllabfuhr unser Haus mit 150 Euro Strafe, weil sie bei einer Stichprobe im ungetrennten Müll einen Joghurtbecher fand, der in den Plastik-Müll gehörte. Nur wird der von den Haushalten sorgfältig getrennte Abfall in Malagrotta, der mit 240 Hektar größten Müllhalde Europas, wieder zusammengewürfelt und gesetzeswidrig abgeladen. 2007 wurde die italienische Regierung wegen wiederholter Nichterfüllung der sanitären Normen vom Europäischen Gerichtshof zu 50 Millionen Euro Strafe verurteilt. Dabei zahlt die Hauptstadt dem Betreiber 40 Millionen Euro Jahresmiete für die Müllentsorgung.

Wer sich Malagrotta nähert, weiß nicht, was unerträglicher ist, der infernalische Gestank der Abfälle oder das höllische Geschrei der Möwen. Das Gelände, das zwischen den Flughäfen Ciampino und Fiumicino liegt, wo die Vögel sich zuweilen in den Triebwerken der startenden Flugzeuge verfangen und für Notlandungen sorgen, gehört dem Milliardär Manlio Cerroni, der letztes Jahr, zusammen mit fünf Komplizen, wegen Nichterfüllung der hygienischen Auflagen (nur 20 Prozent Mülltrennung), Vergiftung des Grundwassers mit Chemikalien und Bildung einer kriminellen Vereinigung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde – was den achtundachtzigjährigen Mann, in dessen Müll-Imperium von Rom bis Sidney, von Norwegen bis Brasilien, die Sonne nie untergeht, nicht davon abhielt, dieses Jahr in Moskau einen Megavertrag über die Installierung von Müllkippen in Russland zu unterschreiben.

Der Himmel über dem seit 2013 offiziell geschlossenen Malagrotta, das mit einer Sondergenehmigung des Rathauses bis in dieses Jahr hinein weiterarbeitet, ist auch am helllichten Tage schwarz von Vögeln. Die römischen Journalisten vergleichen das Bild, das sich ihnen hier zwischen fressenden, nistenden und auffliegenden Möwen darbietet, mit den apokalyptischen Szenen aus Hitchcocks „Vögeln“. Aber selbst die kritischen Kommentatoren fragen sich, ob es nicht besser sei, das „Ristorante Malagrotta“ noch eine Zeit lang offenzulassen, damit nicht noch mehr Möwen in Rom einfallen.

Ihnen fehlt jede Scheu vor dem Menschen

Die einen bezeichnen sie als Raubtiere, die andern als Haustiere. Die Möwen haben keine Angst mehr vor den Menschen. Einst scheu und unnahbar, sind sie aufdringlich und aggressiv geworden. Die Hausbewohner am Tiber fühlen sich auf ihren Balkonen nicht mehr sicher. Die Vögel fallen sogar ihre Hunde an. In Venedig picken sie den Touristen am Markus-Platz in gezieltem Sturzflug die Club-Sandwiches (Putenfleisch, reich garniert) aus den Händen oder stürzen sich auf das Speiseeis der Kinder. „Killer-Möwen“ nennt sie der „Corriere della Sera“. Auf dem Friedhof von Venedig attackierten sie einen Mann, der das Grab seines Vaters besuchen wollte; die beiden Friedhofswächter, die ihm zu Hilfe kamen, mussten Verstärkung rufen, um die Möwen, die ihn umzingelten und mit Schnabelhieben bearbeiteten, zurückzuschlagen. Die Vögel selbst aber stehen unter Naturschutz. Sie müssen um Leib und Leben nicht fürchten und nisten sich überall ein, wo die Gesellschaft zurückweicht. Wie die Mafia. Sie haben eine glänzende Zukunft vor sich.

Auch jetzt sehen sie glücklichen Zeiten entgegen. Am 8. Dezember wird auf dem Petersplatz das Heilige Jahr eröffnet, das Papst Franziskus vor einem Jahr angeordnet hat. Die eleganten Segler, die an diesem Tag wie immer über Rom und seinen bezaubernden Hügeln kreisen, werden am Petersplatz zwar vergeblich nach Friedenstauben spähen, da Franziskus statt der Vögel nun bunte Luftballons in den Himmel steigen lässt. Aber die über dreißig Millionen barmherzigen Pilger, die man in Rom erwartet, werden sie gewiss mit leckeren Panini und anderen Köstlichkeiten füttern – und aus dem Fastfood Roms wird für sie, ein heiliges Jahr lang, das große Fressen.

Der Autor, 1946 in Lublin geboren, lebt als Theaterregisseur und Essayist in Paris und Rom.

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