Murakami-Verfilmung „Burning“ : Die Welt ist ein Rätsel

Eine Frau verschwindet, eine Suche beginnt. Regisseur Lee Chang-dong gelingt mit der Murakami-Verfilmung „Burning“ ein hypnotisches und elegantes Meisterwerk.

Jonas Lages
Suchender. Der junge Koreaner Jong-Su (Yoo Ah-in) will herausfinden, was mit seiner Geliebten passiert ist.
Suchender. Der junge Koreaner Jong-Su (Yoo Ah-in) will herausfinden, was mit seiner Geliebten passiert ist.Foto: capelight pictures

Irgendwann sagt der sonst so wortkarge Jung-su in „Burning“ diesen einen Satz, mit dem er den ganzen Film, ja, eine ganze Weltsicht in einem Atemzug zusammenfasst. Warum er, der er doch Schriftsteller werden will, nicht wisse, worüber er schreiben soll. Er entgegnet: „Weil mir die Welt ein Rätsel ist.“ Man möchte ihm beipflichten. Denn als ein solches Rätsel präsentiert sich die Welt im sechsten Film des südkoreanischen Altmeisters Lee Chang-dong, der sich zunächst als Schriftsteller einen Namen gemacht hat und in seinen poetischen, präzise beobachteten Sozialdramen seine Heimat Südkorea in den Lebensläufen ihrer Außenseiter verdichtet.

Mit „Burning“ ist ihm sein Meisterwerk gelungen. Es ist einer jener seltenen Filme, deren hypnotische Wirkung ihren Höhepunkt erreicht, wenn der Abspann längst vorbei ist. Liest man im Nachhinein in den Bildern und Gesten, den Worten und Bewegungen, beginnt sich in scheinbar unbedeutenden Gesichtsausdrücken und beiläufigen Bemerkungen ein Abgrund aufzutun, der einen anstarrt.

Es beginnt in den Straßen von Seoul. Die Kamera folgt dem jungen Jong-su, der einsam und unbeholfen durch die Welt strauchelt. Vielleicht ist er auch schon gescheitert. Nach seinem Creative-Writing-Studium hält er sich mit Teilzeitjobs über Wasser und muss in sein provinzielles Elternhaus zurückkehren, weil sein verschuldeter Vater vor Gericht steht. Dort trifft er nach Jahren Hae-mi wieder. Die beiden gehen etwas trinken, Hae-mi erzählt, dass sie bald nach Afrika reist, und bittet Jong-su in ihrer Abwesenheit, ihre Katze zu füttern. Vor ihrer Abreise schlafen sie miteinander.

Auch Hae-mi, die als Hostess arbeitet, ist gestrandet. Doch noch viel mehr ist sie eine Suchende. Sie verzehrt sich geradezu danach, einen Sinn, einen Zweck im Leben zu finden. Manchmal, wenn die innere Leere besonders tief sitzt und die Sehnsucht, diese zu füllen, umso stärker brennt, möchte sie einfach verschwinden. Jeon Jong-seos Gesichtsausdruck ist dieses Drängen so eindrücklich eingeschrieben, dass man kaum glauben kann, dass es sich um ihr Schauspieldebüt handelt.

Gesprochene Worte und unausgesprochene Gefühle

Als Jong-su das Mädchen vom Flughafen abholt, hat sich die Dynamik schlagartig verschoben: Sie kehrt nicht allein zurück. In Nairobi hat sie Ben kennengelernt, einen westlich geprägten, neureichen Jüngling – von Steven Yeung („The Walking Dead“) mit kühler Überheblichkeit gespielt. Und irgendetwas kann mit diesem Ben nicht stimmen, ihn umgibt eine Aura der Unergründlichkeit. Auf die Frage, was sein Beruf sei, sagt er lediglich, dass er spiele. Für ihn scheint das ganze Leben ein Spiel zu sein, die Regeln bestimmt er selbst. Von nun an trifft Jong-su Hae-mi nur noch in Begleitung von Ben. Als Hae-mi plötzlich verschwindet, wird auch er zum Suchenden. Und dabei verrätselt sich Jong-su nach und nach die Welt.

Unter der Oberfläche, die Hong Kyung-pyos Kamera mit lichtdurchfluteter Eleganz einfängt, brodelt es. „Burning“ ist eine Studie der Einsamkeit, das Psychogramm einer Obsession: Eifersucht und Männlichkeit, sublimierte Frustrationen und unterdrückte Wut. Die Kehrseite des turbokapitalistischen Booms in Südkorea zeigt die verschuldete, arbeitslose Jugend, sorglose Rich Kids, das Gefälle zwischen Stadt und Land und die patriarchalen Implikationen des Schönheitswahns. All das verdichtet Lee in Blicken und Objekten, in gesprochenen Worten und unausgesprochenen Gefühlen. Er erzeugt dabei eine Atmosphäre, in der dem Unsichtbaren ebenso viel Bedeutung zukommt wie dem Sichtbaren. Am Anfang, in einem so bitterbösen wie tieftraurigen Moment, erkennt Jong-su Hae-mi nicht einmal wieder. Zu Schulzeiten hat er sie nur einmal angesprochen – um ihr zu sagen, dass sie hässlich sei. „Ich habe mich operieren lassen,“ sagt sie bei ihrer Zufallsbegegnung. „Schön, oder?“

Der Film wird Murakamis Werk gerecht

„Burning“ basiert auf der Kurzgeschichte „Scheunenabbrennen“ von Haruki Murakami, die ihrerseits ein Motiv aus William Faulkners Erzählung „Brandstifter“ variiert. Lee Chang-dong übernimmt die Grundkonstellation samt zentraler Dialoge und Dekor-Details, verlegt sie aber in die koreanische Gegenwart und reichert sie um eine Vorgeschichte, Hintergründe und Anspielungen auf Faulkner an. Zugleich arbeitet er – zur großen Freude für Murakami-Fans – wichtige Themen und Motive aus dessen Gesamtwerk ein: von sinnsuchenden Alleingängern über deren Realitätsverlust bis hin zu Brunnen, Katzen und Jazz. Ihm gelingt damit das Kunststück, Murakamis Œuvre gerecht zu werden und zugleich ein eigenständiges Werk zu schaffen, das weit über seine Vorlage hinausgeht. Und das in einem entscheidenden Punkt.

In den Geschichten Murakamis basiert die Doppelbödigkeit der Welt vorwiegend auf der Existenz einer surrealen Parallelwelt. Meist ist das faszinierend, oft unheimlich, doch stets hat es auch etwas Beruhigendes. Weil man eine Erzählwelt erlebt, die der Realität zwar ähnelt, aber doch einer ganz eigenen Logik folgt. Damit wird die rational nicht auflösbare Unverständlichkeit etwas leichter konsumierbar, sie betrifft einen vor allem aber nicht mehr selbst.

Herausragend radikal

Was „Burning“ so viel beunruhigender, bedrohlicher und nervenaufreibender als jeden David-Lynch-Film macht, ist der Umstand, dass das Mysterium auf einem nüchternem Realismus fußt, der meilenweit von ostasiatischem Mystizismus entfernt ist. Was ist mit Hae-mi passiert? Und was hat Ben damit zu tun? Es sind diese beiden scheinbar so einfachen Fragen, die Jong-sus Welt aus den Angeln heben. Je mehr er herausfindet, desto weniger weiß er. Und je mehr man als Zuschauer zu verstehen glaubt, desto verwirrender wird die Handlung. Dieser Zustand der Mehrdeutigkeit lässt sich auf Dauer nur schwer aushalten.

Darin besteht die herausragende Radikalität Lee Chang-dongs. Er erzählt keine Geschichte, die Sinn stiften oder Orientierung bieten soll. Hier wird die Gegenwart auf ihre Unausdeutbarkeit zurückgeworfen. Jong-su verzweifelt an dieser Unlesbarkeit der Welt. Am Ende sieht er keinen anderen Ausweg als einen brachialen Akt, der die Welt ihrer Ambiguität beraubt und ihm die Deutungshoheit zurückgibt. „Burning“ ist nichts weniger als eine Parabel über den Menschen im frühen 21. Jahrhundert.

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