Musiktheater im Radialsystem : Kloschüsseln, Duschkabinen und Bach-Fugen

Konzert oder Performance? Der österreichische Konzeptkünstler Georg Nussbaumer mit dem Solistenensemble Kaleidoskop im Radialsystem.

Jakob Wittmann
Das Solistenensemble Kaleidoskop.
Das Solistenensemble Kaleidoskop.Foto: Helge Krueckeberg

Aus der Geige rieselt Sand. Ihre Trägerin zieht eine Spur über die Bühne, umläuft mit langsamen Schritten ein Meer aus Keramik und Porzellan: Kloschüsseln, Wannen, Geschirr, zwei Duschkabinen, Objets Trouvés. Doch die Fährte durch den weißen Archipel erlischt, eingeatmet von einem Staubsauger. Musikerinnen und Musiker laufen währenddessen im Rechteck um die sich vertikal erstreckende Bühne. Sie nehmen ihre Instrumente auf, legen sie wieder hin, bleiben stehen, starren sich an, tuscheln kaum vernehmbar, wie verwirrte Götter im Olymp.

Jemand schiebt einen Scheinwerfer von rechts nach links und wieder zurück. Der angedeutete Sonnenzyklus soll beweisen, dass die Zeit nicht stehen bleibt, auch wenn das Geschehen auf der Bühne einem repetitiven Rhythmus folgt. Wie Wellenrauschen wiederholen sich die Themen und Figuren, bevor die Streicher nach über einer halben Stunde die ersten Töne von Bachs „Kunst der Fuge“ spielen.

Unter dem sperrigen Titel „Nobodaddy is perfect: Odysseus, Bach und die Kunst des Verschwindens“ hat der österreichische Konzeptkünstler Georg Nussbaumer mit dem Solistenensemble Kaleidoskop im Radialsystem die Reise des mythischen Helden, die Eroberung Trojas und die Irrfahrt nach Ithaka inszeniert – und dabei bis ins Groteske abstrahiert.

Bögen werden zu Säbeln

Ist dieser Abend ein Konzert? Ein Theaterstück? Oder eine Performance? Die Antwort lautet: ja. Ganz bewusst bewegt sich diese Zusammenführung von Bühnenbild, Videoinstallation, Klangkunst und Musiktheater an der Schnittstelle der verschiedenen Darstellungsformen. Daraus entsteht ein Konzeptkonzert, das dem Publikum ebenso viel abverlangt wie den Mitwirkenden.

Während ihrer Choreografie verwandeln die Kaleidoskop-Solisten ihre Instrumente in Schilde und Bögen, mit denen sie unsichtbare Pfeile schießen. Dann werden ihre Bögen zu Säbeln, die im Rhythmus durch die Luft pfeifen. Später spielen sie Elemente der Bach-Fugen und lassen ihre Bögen dabei wie Ruder im Einklang kreisen. Eine surreale Odyssee in die wenig erforschten Gewässer der darstellenden Kunst.

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