Mystery-Drama „Border“ : Im Wald, da sind die Träume

Eine etwas andere Zollbeamtin: Ali Abbasis preisgekröntes schwedisches Mystery-Drama „Border“ ergründet die menschliche Existenz in einer faszinierenden Fabel.

Dunja Bialas
Außenseiterin. Eva Melander ist Tina, ein recht rätselhaftes Wesen. Abstoßend? Nicht, wenn sie im Wald herumtrollt.
Außenseiterin. Eva Melander ist Tina, ein recht rätselhaftes Wesen. Abstoßend? Nicht, wenn sie im Wald herumtrollt.Foto: Wildbunch

Tina hat eine besondere Begabung. Sie wittert, wenn etwas nicht stimmt, buchstäblich. Dann beben ihre Nasenflügel, die Nasenwurzel kräuselt sich wie bei einem Tier. Ihre Instinkte kann sie gut für ihren Job einsetzen: Tina ist Hafen-Zollbeamtin, sie soll Schmuggler und andere Kriminelle aufspüren. Alle Passagiere müssen an ihr vorbei, und wenn sie einen Koffer öffnen lässt, ist es immer ein Volltreffer. Nicht dass sie auf Drogen oder Geldscheine reagiert, vielmehr hat sie einen Riecher für Scham, Schuld und die Wut der Menschen. Das Erspüren von Gemütszuständen ist auch die Fährte, die Regisseur Ali Abbasi in „Border“ legt, einer Parabel über den moralischen Zustand der Gesellschaft.

Zunächst erweist sich der Film als Erzählung über eine Außenseiterin, die in ihrem öden Job mehr dahinvegetiert als eine Existenz führt. Die wortkarge Tina ist ungewöhnlich hässlich, mit Augenwülsten, Neandertaler-Stirn und gedrungenem Körper. Mit ihrer Figur ist sie als instinkthaft gezeichnet, sie erscheint wie das personifizierte Andere, das Unbehagen auslöst und abstößt. Abbasi weckt vielerlei Assoziationen: Vielleicht ist Tina ja auch behindert.

Bis der Zuschauer sie in die Natur begleitet, wo sie wilden Tieren begegnet. Die Faszination ist da. Nach dem Erfolg seines Regiedebüts, des Mysteryfilms „Shelley“, mit dem Ali Abbasi 2016 auf der Berlinale debütierte, sorgt der in Teheran geborene Schwede jetzt erneut für Gesprächsstoff. In Cannes erhielt er für seine faszinierende Mischung aus Fantasy, Horror und Nordic noir den Hauptpreis in der Reihe „Un certain regard“, die Schweden schickten den Film ins Oscar-Rennen. „Border“ lotet Grenzen aus, in jeder Hinsicht. Das macht ihn so aufsehenerregend wie tiefgründig.

Bereits in „Shelley“, der in der wilden skandinavischen Natur angesiedelt ist und an „Rosemary’s Baby“ von Polanski erinnert, befasst sich Abbasi mit den rätselhaften Seiten der menschlichen Existenz. Mit „Border“ ist er in diese abgeschiedenen Regionen zurückgekehrt. Tina (Eva Melander) lebt zurückgezogen in einem dunklen, bemoosten Wald. Immer wieder nähern sich ihrem Haus die Tiere, ein Fuchs, ein Dachs, oder sie begegnen ihr auf einsamen Waldwegen. Wenn sie nackt in einem See badet, aus dem der Nebel aufsteigt, begreifen wir: Hier ist Tina in ihrem Element. Bei den Menschen hingegen wirkt sie wie eine, die nicht dazugehört.

Eine vom Volksglauben beseelte Realität

Für Aufklärung über Tinas Wesen sorgt ein grobschlächtiger Mann namens Vore (gespielt von dem Finnen Eero Milonoff), den sie am Grenzübergang stoppt. Auf unerklärliche Weise fühlt sie sich zu ihm hingezogen und lädt ihn zu sich nach Hause ein. Wie Tina hat Vore ein aufgedunsenes Gesicht, was nahelegt, dass es sich um eine besondere Spezies handelt.

Abbasi hat für seinen Film die skandinavische Mythologie gründlich erkundet. In den alten Sagen und der im Volksglauben verwurzelten Naturmystik fand er Elfen, Feen und Trolle, die die Natur und die Realität beseelen. So viel sei verraten: Tina und Vore sind Trolle. „Border“ erzählt auch davon, wie Tina ihr wahres Wesen entdeckt.

Das Drehbuch verfasste John Ajvide Lindqvistt, der mit Horrorstorys wie „So finster die Nacht“ einem breiteren Publikum bekannt wurde. Auch „Border“ durchzieht ein subtiles, unterschwelliges Gruseln, wenn aus dem Nichts ein Hund anschlägt, die Kamera langsam auf das einsame Haus zufährt oder sämtliche Figuren sich seltsam verhalten. Alles um Tina herum scheint entrückt. Die Küchenuhr besitzt keine Zeiger, der Vater ist dement, gezeichnet von der surrealen Zeitvergessenheit, in die man hineingleiten kann. Und immer wieder die Natur, die dank der suggestiven Kamerafahrten von Nadim Carlsen Sogwirkung entfaltet, wie schon in „Shelley“.

Geschichte über das Verdrängte

Ali Abbasi geht es jedoch nur vordergründig um die Wiederbelebung der alten Sagen. Er verwebt diese mit einem zweiten Erzählstrang, einem Kriminalplot. Bei einer ihrer Kontrollen kommt Tina einem Kinderporno-Ring auf die Spur und darf mit ihrem intuitiven Wissen bei den Ermittlungen helfen. Kindern kam bereits in Abbasis Debütfilm eine zentrale Bedeutung zu, von wegen der großen Ursprungsfragen.

Hier das Monströse im Menschen, da die Trolle: Unweigerlich beginnt man, über das Böse nachzudenken. Fragen nach den gesellschaftlichen Ventilen der unterdrückten Triebe kommen auf, die in den Fabelwesen lebendig sind. So ist „Border“ auch eine Geschichte über das Verdrängte in uns selbst und die Außenseiter, die sich am Rande der Gesellschaft auch unheilvoll entwickeln können. Ali Abbasi weckt jedoch auch Empathie für seine ungewöhnlichen Figuren. Und er zeigt, wie schwierig es bisweilen sein kann, Eindeutigkeit zu verlangen.

In 15 Berliner Kinos. OmU in zehn Kinos

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