Mythos und Alltag in Berlin : Streifzug einer Rückkehrerin

Die frühe Dämmerung und die Forsythie am Arkonaplatz: Berlin verändert sich ständig und bleibt doch eine Stadt voller Gespenster.

Amanda Michalopoulou
Foto: Paul Zinken/dpa

Ich schreibe diesen Artikel am Holztisch im Ocelot, einer hellen Buchhandlung mit Café und W-Lan in der Brunnenstraße. Meine Tochter hat letztes Jahr hier ein Praktikum gemacht. Sie geht in die zehnte Klasse der Deutschen Schule Athen, für ihr Praktikum wollte sie unbedingt wieder nach Berlin. Sie sucht gerne nach Anlässen für eine Reise in die Stadt, in der sie die ersten sieben Lebensjahre verbrachte, bis wir zurück nach Athen gingen.

Damals gab es das Ocelot noch nicht. Aber gleich nebenan las meine Tochter in der Philipp-Schaeffer-Bibliothek, wo wir auch Bücher ausliehen. Es war das mühevolle, passionierte Lesen kleiner Kinder, der künftigen Bibliophilen, mit Augen und Nase, bei den ersten Bilderbüchern auch mit dem Mund. Später hatte sie Malunterricht im Freiraum, das fortschrittlichste Angebot für Kinder mit künstlerischen Ambitionen in der Ackerstraße.

In der Ackerhalle ist inzwischen ein anderer Supermarkt eingezogen, und die Evangelische Kita St. Elisabeth war zu unserer Zeit noch nicht in dem neuen Gebäude untergebracht, das aussieht wie aus einem Architekturmagazin. Jivamukti Yoga war in Berlin noch unbekannt, unser Lieblingscafé hieß Solvey – auch das existiert heute nicht mehr. Nur das Restaurant Papà Pane ist noch da, das vietnamesische Deli, das Antiquariat, dem wir die ausgelesenen „New Yorker“ verkauften, und der Modellbauladen von Ralf Pawlizky.

Während ich in unserer ehemaligen Nachbarschaft umherstreife, frage ich mich, warum wir so viel von den Städten erwarten, die wir verlassen haben. Wir sind weggezogen, haben sie deshalb nicht das Recht, sich ich in die Zukunft zu katapultieren? Rückkehrer sind wie Tanten, die das Kind in die Wange kneifen und rufen: „Mein Gott, bist du groß geworden!“

Von hier ging die Tragödie des Krieges aus

So sehr Berlin sich verändert, es wird nie ganz erwachsen. Es ist eine alte, mysteriöse Stadt voller Gebeine, von der die europäische Tragödie des Kriegs und des Massenmords ausging und deren Straßenbild heute vom letzten Schrei skandinavischer Architektur nicht verschont bleibt. Trotz all der Baukräne, die seit 1989 über den Dächern kreisen, um die geteilte Stadt zu vereinen (oder die Vereinigung zu ästhetisieren?), trifft man hier weiter auf Gespenster.

Der Mythos „liegt wie ein dichter Nebel über Berlin. Ein Tourist sieht bei der Besichtigung von Berlin nicht, was sich in dieser Stadt abspielt, sondern er versucht zu lokalisieren, wo sich das befindet, was er aus den Zeitungen weiß“, schreibt Elias Petropoulos in seinem Buch „Die Mythologie von Berlin“.

Bei den griechischen Berlin-Besuchern, die ich persönlich kenne, gibt es zwei Kategorien: die Touristen und diejenigen, die Einheimische werden wollen. Die ersten kommen, um Currywurst zu essen, das Mauermuseum zu besichtigen, das Brandenburger Tor, das KaDeWe, die Museumsinsel. Die zweiten kommen, um hier zu leben, die griechische Krise hinter sich zu lassen. Künstler, Anwälte, Architekten, Lehrer, Friseure: Ich versuche zu begreifen, ob hinter der Massenflucht Verzweiflung steckt oder Drückebergerei. Bin ich zu streng oder beneide ich sie? Warum zögere ich mit einer Antwort, wenn sie um Berlin-Ratschläge bitten?

Berlin ist ein Zustand, der dunkle Bezirk in uns

Weil Berlin wie jede Großstadt mit historischen Ablagerungen und versteckten Wunden eine zutiefst subjektive Angelegenheit ist. Was ich auch erzähle über die Nachmittage mit ihrer frühen Dämmerung, an denen man unter verhangenem Himmel ein Kind hinter sich her zerrt, oder über den Frühling, der sich am Arkonaplatz in Gestalt einer blühenden Forsythie zeigt, es ist unmöglich, ihnen mein Berlin nahezubringen. Berlin ist ein Zustand. Es ist dieser dunkle Bezirk in uns, das Schweigen, die Schwere, die Innerlichkeit. Arbeiter mit Bierflaschen in der U-Bahn, die U-Bahn selbst, die alten Waggons, gelb und dunkelrot, mit den Fernsehturmbezügen. Es ist der Staub um die Baugerüste, der immer noch riecht wie damals, als der Potsdamer Platz eine Ödnis war, mit einer roten Box in der Mitte.

Bei den heutigen Großstädten kann man nicht sagen: Zeig mir den Friedhof und das Wirtshaus, und ich sage dir, was für Leute hier leben. Dennoch kann die Gentrifizierung der Seele der Stadt so schnell nichts anhaben, der Lust und der Verzweiflung, auf denen einst ihr Wiederaufbau gründete. Das gilt auch für Athen, ebenfalls ein Palimpsest, in dem jeder findet, was er finden will.

Bei symbolträchtigen Städten kann der Mythos überwältigend sein. „Soll ich hingehen oder nicht?“, fragt Fabian in Erich Kästners gleichnamigem Roman den Kellner, ohne das Wohin zu benennen. „Das Beste wird sein, Sie gehen nicht hin. Sicher ist sicher, mein Herr“, erwidert der Kellner. Und Fabian: „Gut. Ich werde hingehen. Zahlen.“ Er ist der Mensch in der Schwebe, hin- und hergerissen zwischen Bleiben und Gehen, Beharren und Aufgeben. Kann man unsere Ausweglosigkeit damit vergleichen? Kann man Schmerz, Unsicherheit, Widerspruch objektivieren? Kästners Berlin, ist es nicht auch hier, am Tisch im Ocelot?

In meinem neuen, jetzt in Griechenland erscheinenden Roman „Barock“ behauptet die Erzählerin, wir lebten wieder im 17. Jahrhundert. Nordeuropa entwickelt sich wieder zu Lasten des Mittelmeerraums, die starken Staaten hätten wie damals schwache Egos. Städte, Plätze und Parolen waren schon immer das Werk von Politik und Architektur.

Sobald ich das Notebook schließe und das Ocelot verlasse, wird Berlin erneut zu einer Zufallsbegegnung auf der Straße, zu einer weiteren Person und wieder zu einer, die biegsam wie Eisendraht Deutsch spricht. Oder Schweizer Deutsch wie Christine und Armin, oder amerikanisches Deutsch wie Sheila, spanisches Deutsch wie Samantha oder das Kleinkinderdeutsch von Assaf. Wenn ich nach Athen zurückkomme, wird Berlin immer noch da sein in mir, nun unaussprechlich: ein geheimer Fleck, eine schöne Wunde, eine Walsersche Daseinslust, ohne die ich nicht imstande wäre zu leben.

Amanda Michalopoulou lebt als Schriftstellerin in Athen. Am Mittwoch, den 18. 4., spricht sie an der FU mit anderen griechischen Kulturschaffenden - der Schriftstellerin Angie Saltambasi, dem Filmemacher Nicos Ligouris und der Künstlerin Evanthia Tsantila - über „Berliner Mythologien“: Habelschwerdter Allee 45, L 115, 18 bis 21 Uhr. Der Eintritt ist frei. – Aus dem Griechischen von Birgit Hildebrand.

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