Nachruf auf Dieter Schnebel : Vom Sprechen, Singen und anderen Dingen

Dieter Schnebel war Komponist und Professor für experimentelle Musik an der Berliner Hochschule der Künste. Jetzt ist er mit 88 Jahren gestorben.

Der Berliner Komponist Dieter Schnebel (1930-2018).
Der Berliner Komponist Dieter Schnebel (1930-2018).Foto: Britta Pedersen/dpa

Es ist die theatralische Pointe eines erfüllten, 88 Jahre währenden Lebens, dass der Komponist Dieter Schnebel nun ausgerechnet an Pfingsten gestorben ist. Bezieht sich doch sein erfolgreichstes Werk ausdrücklich auf die Ausgießung des Heiligen Geistes: „Glossolalie“ bedeutet im Griechischen „Zungenrede“ und meint das verzückte Sprechen in fremden Sprachen, das nach frühchristlicher Überlieferung zu den Folgen des Pfingstwunders gehört.
Dieter Schnebel, 1930 im südbadischen Lahr geboren, studierte nicht nur Musiktheorie in Freiburg, sondern auch Theologie in Tübingen und arbeitete zunächst als Pfarrer, bevor er sich für den Karriereweg des freischaffenden Komponisten entschied, der ab 1976 mit einer – für ihn neu geschaffenen – Professur für experimentelle Musik an der Berliner Hochschule der Künste abgesichert wurde.

Der Umgang mit dem Wort und seinen philosophischen Tiefendimensionen war für Schnebel stets eine Triebfeder der Kreativität. Nachdem er sich von den strengen Regeln der Darmstädter Nachkriegsavantgarde befreit hatte, konnte er zu einem der unabhängigsten Köpfe der bundesrepublikanischen Musikszene werden. In der „Glossolalie“ hatte er bereits 1961 Fragmente bekannter Melodien mit Fetzen von Alltagssprache verbunden, mit den „Maulwerken für Artikulationsorgane und Reproduktionsgeräte“ von 1974 schafft er dann ein Schlüsselwerk experimenteller Vokalmusik, eine Versuchsanordnung mit dem Anspruch eines wissenschaftlichen Experiments, bei dem die Organbewegungen der Sänger vom Zischen und Röcheln bis zum Kichern und Schreien durch Kontaktmikrofone hörbar werden. Für seine Stimmkompositionen gründet er sogar ein eigenes Musikperformance-Ensemble, „Die Maulwerker“, die sich bald ihren eigenständigen Platz im zeitgenössischen Festivalbetrieb erarbeiten.

Eine Komposition für neun Motorräder und Trompete

Neben dem experimentierfreudigen Vokalalchemisten Dieter Schnebel gibt es aber auch noch den systematischen Denker und Kulturgeschichtsforscher: Ab Mitte der siebziger Jahre beginnt er systematisch, sich die traditionellen Formen der europäischen Musik zu erschließen, liefert Beiträge zu den Gattungen Sakralmusik („Dahlemer Messe“ 1984), Symphonie (1989-91) und Oper („Majakowskis Tod“, Uraufführung in Leipzig 1998). Seinen Werkkatalog ordnet er dabei nicht chronologisch, sondern nach Ideenkomplexen. So gibt es neben Kategorien wie „Zeichen-Sprache“, „Revisionen“ oder „Speromenti“– einem Kunstwort, das die italienischen Begriffe für Experiment und Hoffen verbindet – eben auch die „Versuche“ und die „Abfälle“.
Sich im Elfenbeinturm zu verkriechen, liegt Dieter Schnebel ebenso wenig wie auf hermetischen Theoriekonstrukten zu beharren. In der Kantate „Jowaegerli“, die nach Mundartdichtungen des alemannischen Poeten Johann Peter Hebel das Phänomen der Vergänglichkeit umkreist, ist für die Aufführung auch ein Ochsenkarren mit echten Tieren vorgesehen, die Kammermusik „Flipper“ bringt die akustischen Ausdrucksmöglichkeiten von Spielautomaten, Darstellern und Instrumenten zusammen. 2003 gerät Schnebel sogar in Konflikt mit den Ordnungsbehörden, als die Uraufführung seines Konzertes für neun Harley-Davidson-Motorräder und Trompete vor der Akademie der Künste im Tiergarten stattfinden soll. Weil das Umweltamt des Bezirks Mitte das Projekt wegen Lärmbelästigung der Anwohner verbietet und ein Bußgeld in der Höhe von bis zu 50 000 Euro androht, müssen die Veranstalter auf das Parkdeck der Spandau-Arkaden ausweichen.
„Seine Musik schwitzt nicht“, hat einer seiner Schüler, der im Februar diesen Jahres verstorbene Michael Hirsch, in einem Tagesspiegel-Artikel zum 80. Geburtstag Dieter Schnebels geschrieben. „Die friedliche Koexistenz von Fluxus und Streichquartett im Schaffen des Komponisten dokumentieren seine geistige Freiheit als herausragende Tugend.“

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