Nachruf auf Kirk Douglas : Vom Sohn eines Lumpensammlers zum Hollywoodstar

Schurken, Reporter, Cowboys: Kirk Douglas war ein erfolgreicher Schauspieler. Doch hatte er nie das Gefühl dazuzugehören. Jetzt ist er mit 103 Jahren gestorben.

Christian Schröder
Als Produzent und Hauptdarsteller sorgt Douglas mit „Spartacus“ (1960) für Aufruhr in Hollywood.
Als Produzent und Hauptdarsteller sorgt Douglas mit „Spartacus“ (1960) für Aufruhr in Hollywood.Foto: imago images / Cinema Publishers Collection

Er war Odysseus, Spartacus, van Gogh und Einar, der einäugige Wikingerhäuptling. Kirk Douglas gehörte zu den wenigen Schauspielern, die buchstäblich alles spielen konnten: die Sagengestalten des klassischen Altertums genauso wie die modernen Heroen des Hollywoodkinos, Gangster, Cops, Cowboys und Reporter.

Als Held wirkte er ebenso überzeugend wie als Schurke. Vielleicht lag das an seinem spitzen Kinn mit dem berühmten Grübchen oder dem schiefen Lächeln, das er ebenso schalkhaft wie aasig aussehen lassen konnte. Sein Gesicht schien wie aus Stein gehauen zu sein.

Spartacus war seine größte Rolle

Den drahtigen nackten Oberkörper hat Douglas gerne präsentiert, und wahrscheinlich gibt es keinen anderen Darsteller, der so oft den Filmtod starb wie er. Im Noir-Thriller „Out of the Past“ wird er als scheinbar unbesiegbarer Mafiaboss von seiner Geliebten niedergeschossen. „Odin“, eine Gottesanrufung, ist sein letztes Wort im Sandalenfilm „Die Wikinger“, bevor ihm Tony Curtis ein Schwert in den Bauch rammt. In Stanley Kubricks Klassiker „Spartacus“ – Douglas’ größte Rolle – wird der Rebellenführer zusammen mit hunderten anderen aufständischen Sklaven an der Via Appia gekreuzigt.

„Eine Gestalt, vibrierend vor Energie, fäusteschwingend oder den Revolver schussbereit in der Hand“, so hat ihn der 2018 verstorbene Filmkritiker Helmut Merker beschrieben. „Wer so berserkerhaft über die Leinwand stürmt, dem geht es immer um Biegen oder Brechen.“ Zu diesem Ehrgeiz passt eine Anekdote, die Billy Wilder überliefert hat. Als Kirk Douglas gefragt wurde, ob er im Rassismus-Drama „Flucht in Ketten“, wo ein Weißer und ein Schwarzer mit Handschellen aneinander gefesselt sind, mitspielen wolle, habe er geantwortet: „Ja, ich bin dabei. Aber ich möchte beide Rollen spielen.“

Hausmeister und Ringer auf Jahrmärkten

Geboren wurde der Sohn einer russisch-jüdischen Einwandererfamilie am 9. Dezember 1916 mit dem Namen Issur Danielovitch Demsky in der Industriestadt Amsterdam am südlichen Ende des Bundesstaats New York – und als „Nichts“. Weil keine der örtlichen Fabriken Juden beschäftigte, musste sich sein Vater als Lumpensammler durchschlagen. Seine Schauspielausbildung finanzierte der Sohn als Hausmeister und Ringer auf Jahrmärkten. Für die Theaterschule änderte er seinen Namen in Kirk Douglas, „Norman Dems“ hatte auch zur Wahl gestanden.

Kirk Douglas und Bernadette Peters in „Es bleibt in der Familie“ (2003)
Kirk Douglas und Bernadette Peters in „Es bleibt in der Familie“ (2003)Foto: Mary Evans/Archive Buena Vista

Als Kirk Douglas 1945 nach seinem Kriegsdienst bei der Navy und ersten Theatererfolgen in Hollywood ankommt, glaubt er, das Gelobte Land erreicht zu haben. „Das Haus war einfach enorm, palastähnlich“, erinnerte er sich später in seinen Memoiren an eine Filmparty. „Eine Kapelle spielte, und die Tische waren überladen mit Shrimps, Hummer und Kaviar. Wo gab es diese Partys, als ich in New York fast verhungert wäre?“ Gleich seine erste Hauptrolle im Boxerfilm „Zwischen Frauen und Seilen“ verschafft ihm 1949 einen Achtjahresvertrag mit dem Warner-Brothers-Studio und die erste von drei Oscar-Nominierungen.

Anschließend entstehen Meisterwerke wie das Biopic „Der Mann ihrer Träume“ über den Jazztrompeter Bix Beiderbecke, Howard Hawks’ Western „Der weite Himmel“ oder Billy Wilders Mediensatire „Reporter des Satans“. Douglas steigt rasch zum Idol auf, dreht bis zu drei Filme pro Jahr. Trotzdem hat der „Sohn des Lumpensammlers“ – so der Titel seiner Autobiografie – nie das Gefühl, dazuzugehören. Dass er nie den Oscar als bester Schauspieler bekommen hat, führt er auf den latenten Antisemitismus der WASPs zurück, der White Anglo-Saxon Protestants.

Erstaunt über die Verdrängungsleistung der Deutschen

Einen Ehren-Oscar fürs Lebenswerk erhält er erst 1996. Mit den meisten seiner Auftritte war er eher unzufrieden. „Ich habe 90 Filme gemacht – zu viele“, bekennt er, als er 2001 bei der Berlinale mit einer Hommage geehrt wurde.
Als Douglas 1957 nach Deutschland kommt, um in den Münchner Gaselgasteig-Studios das Antikriegsdrama „Wege zum Ruhm“ zu drehen, ist er erstaunt über die Verdrängungsleistung der Deutschen. „Soweit ich feststellen konnte, hat kein einziger Deutscher Hitler je gewählt“, spottet er. „Niemand hatte an die Ideologie der NS-Partei geglaubt. Und dennoch muss es Millionen gegeben haben.“

Die erste Zusammenarbeit mit dem Regiegenie Stanley Kubrick kommt nur zustande, weil der Hauptdarsteller mit seiner Produktionsfirma Bryna die Finanzierung übernimmt. Kirk Douglas hat sich immer als politischer Filmemacher verstanden. „Wege zum Ruhm“ handelt von französischen Schützengrabensoldaten im Ersten Weltkrieg, die sich nicht in einer sinnlosen Offensive abschlachten lassen wollen und deshalb wegen „Feigheit vor dem Feind“ hingerichtet werden sollen. Der Film spielte seine Kosten nicht ein, auch weil er in Frankreich nicht in die Kinos kam, nachdem die Regierung ankündigte, alle Kopien beschlagnahmen zu lassen.

Senta Berger und Kirk Douglas in „Der Schatten des Giganten“ (1966)
Senta Berger und Kirk Douglas in „Der Schatten des Giganten“ (1966)Foto: imago images

Mit seinem Engagement sorgt Douglas spätestens auch als Produzent und Hauptdarsteller von „Spartacus“ (1960) in Hollywood für Aufruhr. Nicht nur, dass er den noch weitgehend unbekannten Stanley Kubrick als Regisseur für das Großprojekt durchsetzt, nachdem er sich am Set mit Anthony Mann überworfen hatte. Er gibt auch das Drehbuch bei Dalton Trumbo in Auftrag, der wegen seiner kommunistischen Vergangenheit vom Komitee für unamerikanische Umtriebe auf eine schwarze Liste gesetzt worden war.

Seinen Kindern hat er vom Showgewerbe abgeraten

Den Namen eines der „Hollywood Ten“ erstmals wieder in einem Vorspann zu nennen, ist kurz vor der Kubakrise auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs noch immer ein Affront. „Die Leute sagten: Kirk, du wirst niemals wieder Arbeit finden“, erzählte er später. „Das war das einzige Mal, dass ich mich wie ein Held fühlte. Ich war stolz auf mich.“ „Ich konnte nur nach oben“, so bilanzierte Douglas seine erstaunliche, über sechs Jahrzehnte reichende Karriere. Seinen Kindern hat er von einem Job im Showgewerbe dringend abgeraten. Schließlich sei es fast genauso schwer, einem Erfolg standzuhalten wie einem Misserfolg. Trotzdem wurde sein Sohn Michael ebenfalls ein Weltstar.

Mit seiner Sportlervergangenheit war Douglas prädestiniert für Actionfilme. Er drehte seine eigenen Stunts, in zahllosen Western zeigte er sich als guter Reiter. „Mensch, Kirk, du kannst so gut mit Pferden. Reitest du viel?, wurde ich gefragt“, sagte er 2016. „Worauf ich antwortete: Nur, wenn ich dafür bezahlt werde.“ Am Mittwoch ist Kirk Douglas in Beverly Hills gestorben. Er wurde 103 Jahre alt.

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