Neil Young in der Berliner Waldbühne : Grüße vom Grantler aus der Provinz

Von Müdigkeit keine Spur: Beim Konzert in der Waldbühne konzentriert sich Neil Young voll auf die Musik. Sein Krückstock ist die Gitarre.

Neil Young live in der Waldbühne Berlin.
Neil Young live in der Waldbühne Berlin.Foto: DAVIDS/Christina Kratsch

Wie macht er das nur immer wieder? Schon bei seinem letzten Konzert vor drei Jahren in Berlin rissen nach einem trüben Tag die Wolken auf. Und so ist es auch an diesem Mittwoch. Neil Young betritt in der gleißenden Abendsonne die Waldbühne am Olympiapark. Vielleicht ist das der Grund, dass er sichtlich gut gelaunt und im unvermeidbaren Outfit - weites kariertes Flanellhemd und Hut - das Publikum begrüßt. Doch als würde er seinen Ruf als alter Grantler aus der Provinz gegenüber den Großstädtern wiederherstellen wollen, stimmt er die ersten Akkorde von “Country home” an.

53 Jahre ist er im Musikgeschäft. Seit letztes Soloalbum “The Visitor” ist bereits sein 37. Werk. Ruhiger wird sein Leben nicht. Erst im November heiratete er die Schauspielerin Daryl Hannah. Kurz darauf vernichtete ein Waldbrand sein Anwesen in Kalifornien. Vor wenigen Tagen starb sein Manager Elliot Roberts, der ihn als enger Freund und Manager seit über 50 Jahren begleitet hatte. Doch weder Trauer, noch Wut sind an diesem Abend bei ihm zu spüren. Auch sind, anders als noch vor drei Jahren, keinerlei politische Ansagen in Richtung Donald Trump und die von Young verhasste Umweltzerstörung zu vernehmen.

Wahnwitziger Zeremonienmeister

Alles konzentriert sich auf die Musik. In einer spielerischen Entrücktheit, als würde sie im Proberaum jammen, findet sich die Band immer wieder in einem Zirkel zusammen. Und Young, der wahnwitzige Zeremonienmeister, springt wie ein Rumpelstilzchen darin herum. Mit kreischender Gitarre und wehender Mähne. Statt seiner legendären Backing Band Crazy Horse hat er erneut die deutliche jüngeren Musiker von Promise Of The Real an seiner Seite. Darunter auch Lukas Nelson, Sohn der US-amerikanischen Folk-Legende Willie Nelson.

Fast scheint es, als hätte der 73-jährige Young sein Umfeld im Sinne einer Verjüngungskur verändert. Als er einmal doch kurz den Hut abnimmt, damit sein Assistent ihm die Mundharmonika umhängen kann, ist deutlich erkennbar, dass auch die Größten alt werden: Ein ausgedünnter, ergrauter Haarkranz kommt zum Vorschein, sein immer schmaleres Gesicht erinnert an Youngs frühe Jahre.

Und als wolle er diesen Eindruck unterstreichen, spielt er seine Hits aus den 1970ern hintereinander weg. “Helpless”, “Old man” und “Heart of gold”. Erstaunlich sicher ist er in den Höhen seiner unverkennbaren Stimme, die noch immer eine tiefe Sehnsucht transportiert. Großartig wie vor einem halben Jahrhundert. Und erstaunlich bruchlos funktioniert auch der Übergang zum rockigen Finale, eingeleitet mit “Hey hey. My my (Into the Black)”, das selbst die letzten Skeptiker in den fast ausverkauften Rängen von ihren Bänken aufspringen lässt.

Macht euch nur lustig!

Kinder und Hochbetagte, Altrocker und Anzugträger. Vereint im Chor der Zwanzigtausend. Die oberen Ränge leeren sich, alles drängt in Richtung Bühne. Zum Leid der Ordner. Die Euphorie trägt bis zum letzten Song vor der Zugabe “Rockin in the free world”, der sich in schier endlosen Kaskaden von rauem Gitarrenlärm und immer wiederkehrenden Refrains ins Rund ergießt. Bis Young die Saiten seiner Gitarre abreißt, den Hals des Instrument demonstrativ als Krückstock benutzt.

Als wolle er sagen: Macht euch nur lustig. Doch so schnell werdet ihr mich nicht los. Schluss ist erst, wenn Neil Schluss macht. Lange nachdem der letzte Akkord verklungen ist, stimmen dutzende Fans a capella seine Hymnen an. Behutsam schieben die Ordner sie gen Ausgang.

Noch hunderte Meter weiter sind die Stimmen in der Nacht zu vernehmen. “Keep on rockin in the free world! Keep on rockin in the free world!”. Und keiner zweifelt an diesem Mittwochabend daran: Neil Young wird weitermachen. Wird wiederkommen. Schon allein, um gutes Wetter mitzubringen.

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