Schmiersuff, Druckbetankung, Vernichtungstrinken

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Neuer Roman von Heinz Strunk : Honka und der Handschuh
Rund um die Uhr geöffnet. Heinz Strunk bei seiner Buchpremiere im „Goldenen Handschuh“. Neben ihm Alexander Fest vom Rowohlt Verlag.
Rund um die Uhr geöffnet. Heinz Strunk bei seiner Buchpremiere im „Goldenen Handschuh“. Neben ihm Alexander Fest vom Rowohlt...Foto: Christian Charisius/dpa

Strunks Honka-Roman ist tatsächlich dezent humoristisch, bei aller Düsternis der Szenerie, aller Kaputtheit und Erbärmlichkeit der Figuren. Was am Schauplatz Goldener Handschuh, an Figuren wie Soldaten-Norbert, Tampon-Günter oder Honkas Bruder Siggi liegt, an ihren Sprüchen, an den bizarren Dialogen, die sie führen und die eher Monologe sind. Denn zuhören, auf das Gegenüber eingehen, das geht kaum bei der Menge an Fako, abgekürzt für Fanta-Korn, die sie intus haben.

Strunk kennt das Milieu, er hat es bei seinen Besuchen im Handschuh seit 2009 ausgiebig studiert. Eherne Ausdrücke wie „Säberalma“ (Bezeichnung für alkoholkranke Frauen, die ihren Speichelfluss nicht mehr unter Kontrolle haben) oder „indischer Sand“ (finanziell total abgebrannt) haben es ihm schwer angetan, die „sollte man unbedingt wieder mehr verwenden“, ganz zu schweigen von den zahlreichen Trinkerbeschreibungen von „Schmiersuff“ über „Druckbetankung“ bis zu „Vernichtungstrinken“.

Strunk ist ganz tief drin in Honkas Gedankenstrom, seiner Bosheit, Brutalität und pathologischen Sexgier

Noch beeindruckender als der hohe Authentizitätsgrad seines Romans ist, wie er sich seiner Hauptfigur nähert, von außen wie innen. Nüchtern beschreibt er die Tagesabläufe Honkas, drängender und dichter, ganz tief drin in Honkas Gedankenstrom, dessen Bosheit, Brutalität und pathologischer Sexgier. Aber auch die Versuche des Werftarbeiters und späteren Nachtwächters, gegenzusteuern, ein halbwegs normales, anständiges Leben zu führen, eine Frau zu finden, die nicht genauso hinüber ist wie er selbst. Letzteres hat Strunk dramaturgisch stimmig in die Mitte des Romans platziert, es sorgt bei der Lektüre für ein wenig Licht in dieser stimmigen Siebziger-Jahre-Hölle.

Zudem gibt es in dem Buch einen zweiten Erzählstrang, die Geschichte einer „auf der richtigen Seite der Elbchaussee“ lebenden Reederfamilie, der von Dohrens. Deren Angehörige aus mehreren Generationen haben gleichfalls so ihre Probleme, unter anderem mit dem Alkohol und dem Sex. „250 Seiten nur Honka“, sagt Strunk, „wäre des Schlechten zu viel gewesen, das war mir von vornherein klar.“ Irritierend sind die Von-Dohren-Passagen dennoch, weil man auf die Zusammenführung beider Stränge wartet, der einzige Berührungspunkt mit dem Honka-Leben aber der Goldene Handschuh ist, in dem einige der Von-Dohren-Mitglieder jeweils landen. Strunk sind auch diese Figuren gelungen, das Auspinseln des komplett anderen Milieus.

Gerade am Ende verschafft das szenische Hin- und Herwechseln eine gewisse Erleichterung, Zeit zum Luftholen, da das Unvermeidliche – durchaus detailliert – erzählt werden muss: die drei letzten, kurz aufeinanderfolgenden Morde von Honka, die ihn endgültig als die „kranke Bestie“ zeigen, als die er in die Kriminalgeschichte eingegangen ist. Heinz Strunk aber gibt ihm ein Leben diesseits seiner Taten (genau wie übrigens seinen weiblichen Opfern), „die siebzehn Jahre davor hatte es kein Glück gegeben, und die siebzehn Jahre danach auch nicht. Er hat schon länger das Gefühl, wieder dran zu sein. Ein untrügliches Gefühl.“

Man merkt Heinz Strunk in seiner Wohnung an, dass er zufrieden ist mit dem Geleisteten, „das war echt ein Geschraube!“ – nicht zuletzt, weil der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden ist. Und dass er sich freut, als Schriftsteller weitergekommen zu sein und einmal anderes geschrieben zu haben als einen autobiografischen Roman: „Das hatte sich verbraucht, da gab es nichts mehr, was berichtenswert ist“, sagt er, geht dann aber im Schnelldurchlauf einige seiner vorherigen Romane durch.

„Ich finde das Buch immer noch gut“, womit er „Fleisch ist mein Gemüse“ meint, seinen erfolgreichen, über eine halbe Million Mal verkauften Debütroman über die Erlebnisse einer Tanzkapelle auf dem Land. Ein anderes, „Fleckenteufel“, sei ja „missglückt durch das sehr Fäkallastige“, aber trotzdem „ein sehr guter Coming-of-Age-Roman“. Und „Heinz Strunk in Afrika“, klar, „das waren meine Urlaubserlebnisse mit Christoph Grissemann“. Viele von Strunks Büchern sind Berichte aus einem beschädigten Leben, einem ohne Vater und einer psychisch kranken Mutter, Bücher über „menschliches Leid, menschliche Not“, wie der 1962 in Hamburg-Harburg geborene und aufgewachsene Schriftsteller sein Grundthema bezeichnet. Honka als Romanfigur passt da ins Bild.

Schließlich wird Strunk ungeduldig, höchst knapp in seinen Antworten, er muss weiter an seiner Rede schreiben. „Der Handschuh“, sagt er noch, „der ist was Dolles, mit zwei Wörtern: total unterhaltsam, immer.“ Abends also, bei der Buchpremiere – und am nächsten Tag, zumindest für das Dutzend Männer, das zwischen sieben und acht Uhr morgens hier sitzt, trinkt, grölt und tanzt, zu Sportfreunde Stillers „Applaus, Applaus“.

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2015. 255 Seiten, 19,95 €.

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