Neuerscheinungen von Dave Eggers : Charakterliche Auffahrunfälle

Eine bissige Parabel über Donald Trump, eine Dystopie über zwei Arbeiter, und dabei immer unterhaltsam: „Der größte Kapitän aller Zeiten“ und „Die Parade“ von Dave Eggers.

Hilft nur noch der gröbste Pinsel: Der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers, 50.
Hilft nur noch der gröbste Pinsel: Der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers, 50.Foto: Brecht van Maele/Verlag

Nachdem Abraham Lincoln am Karfreitag 1865 durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet wurde, schrieb ihm Walt Whitman ein Gedicht. „O Captain! My Captain!“ ist eine lyrische Verbeugung des Dichters vor einem der bis heute meistverehrten Präsidenten der USA. 

Vor Abraham, Vater einer endlich geeinten Nation, der wie Moses im Buche Exodus das bedrängte Volk Israel sicher ins gelobte Land führte. Was schmückt so einen guten, ja, großen Kapitän? Weitblick, möchte man sagen. Willensstärke. Vielleicht auch Geduld. Ganz sicher Geschick. 

Den Respekt seiner Mannschaft, muss er sich verdienen – und behalten. So wie Robin Williams in der Rolle des unkonventionellen Lehrers John Keating, für den seine Schüler am Ende des Filmdramas „Der Club der toten Dichter“ entschlossen auf die Pulte steigen, um ihm ein letztes ehrerbietendes „O Captain! My Captain!“ nachzurufen.

Ein grobschlächtiges Ungetüm, das seinen Penis preist 

Der Kapitän in Dave Eggers Büchlein „Der größte Kapitän aller Zeiten“, das im Original „The Captain and the Glory“ heißt, ist so weit von Größe, Ruhm und Ehre entfernt, wie es die bloße Vorstellungskraft zulässt. 

Es braucht nur wenige Seiten, bis man das grobschlächtige Ungetüm „mit der gelben Feder im Haar“, das zum neuen Führer des Schiffes Glory gewählt wird, als clowneske Karikatur Donald Trumps dechiffriert: ein „ungeeigneter Tölpel“ und „Schwachkopf“, ein „notorischer Lügner“, gemein und egoistisch, bekannt für sein „unflätiges Mundwerk“, der Frauen begrapscht und seinen Penis preist. 

Er bekritzelt die Bilder seiner Vorgänger mit Hörnern, Warzen und Zahnlücken wie ein eifersüchtiges Kind – während sich Trump in der Realität weigert, Barack Obamas Präsidentenporträt zu enthüllen. 

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Feige versteckt er sich vor einer Spinne unterm Bett, weil sie „Unbehagen“ in ihm auslöst, so wie „gewisse Leute“, die „dunkelhäutig genannt werden könnten“ – so wie sich Trump im Bunker verkriecht, während vor dem Weißen Haus die „Black Lives Matter“-Proteste toben

Und Eggers’ Kapitän weist seine „Schneemänner“ an, „gewisse Leute“ über Bord zu werfen und elendig ertrinken zu lassen – während die Welt um George Floyd weint.

Der Romancier Richard Ford wurde jüngst in einem Interview mit der „Zeit“ gefragt, wie man literarisch über Trump schreiben müsse. Er antwortete: „Man darf seine Gestalt nicht mit dem groben Pinsel malen. Man muss ihn mit feinem Strich zeichnen.“ Eggers aber nimmt den gröbsten Pinsel. Und die grellsten Farben für seine bissige Parabel, die er zur satirischen Farce überformt.

Verstörend prophetisch

Mit Absicht. Weil die Absurdität dieser Figur und ihr immanenter Horror nicht mehr anders auszuhalten sei, wie Eggers sagt. Er unterschreibt die Novelle, die präpandemisch erschien und dieser Tage verstörend prophetisch wirkt, nicht umsonst mit dem Zusatz „An Entertainment“. 

Es wirkt, als träfe Kafka auf Graham Greene, der 1940 das Buch „The Power and the Glory“ veröffentlichte, über den blutigen Kampf eines revolutionären Offiziers in Lateinamerika. Nur gibt es bei Eggers mehr zu lachen. Und nein, das ist weder plump noch pietätlos, sondern bitter nötig, wie immer, wenn das Grauen zu groß wird. 

Weshalb man sich die kurzen Kapitel am besten gegenseitig laut vorlesen sollte, am See, im gleißenden Sonnenlicht, sodass Eggers’ treffsichere Wortwitzbomben ihre kathartische Wirkung tun können. Zum Heulen ist es später ja immer noch.

Parallel zu dem Kapitänsgleichnis erscheint noch ein Buch des 1970 in Boston geborenen Schriftstellers, der Roman „Die Parade“. 

Zwei ungleiche Arbeiter 

Und hier sind die Nuancen schon etwas feiner, auch wenn der erzählerische Schwarz-Weiß-Duktus bleibt: Zwei Männer sollen in zwölf Tagen eine Straße bauen, die den ländlichen Süden (eines Entwicklungslandes nach dem Bürgerkrieg, viel mehr erfährt man nicht, bis auf ein paar Konkubinen- und Regenzeitverweise) mit der Hauptstadt im urbanen Norden verbindet. 

Auf dieser will der Präsident, „für große politische Inszenierungen bekannt“, den titelgebenden Festzug für Frieden und Wohlstand starten lassen, als symbolische Geste der Versöhnung, wie eine ausgestreckte Hand, aus Asphalt. 

Schablonenhaft entwirft Eggers anhand der beiden Arbeiter seine dialektische Struktur: Auf der einen Seite Vier, der Mann mit der geraden Nummer, diensttreu, strebsam, regelkonform, der sich in der hohlen Monotonie seiner Tätigkeit spiegelt und ganz und gar in ihr aufgeht, im eigenschaftslosen Schwarz der Straße, dieser Nicht-Farbe. 

Ihm gegenüber steht Neun, der Mann mit der ungeraden Nummer, unbedarft, nachlässig, lockerzungig – das blanke Chaos. Und während Vier pflichtschuldig seine Arbeit erledigen, „ignoriert und vergessen werden“ möchte, erkennt er im schwer kontrollierbaren, daueramüsierten Neun das, was er ist: ein Risiko.

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Was Eggers hier ausbreitet, ist ein dystopisch anmutendes namenloses Niemandsland mit Figuren wie Abziehbildern, an denen eine Art systemisches Exempel statuiert wird. 

Wobei der Erzähler dem pedantischen Vier immer ein Stückchen näher steht, weniger aus Sympathie, sondern einfach, weil es die spannendere Perspektive ist. Viers Zorn wächst mit jedem Regelverstoß seines Kollegen, was sich in den primitiven Impuls der Mordlust steigert.

In der vermeintlichen Vorhersehbarkeit des Geschehens bleibt Eggers nun aber begnadetet unterhaltsam, weil er es versteht, dieses mikroabenteuerliche Setting vom rechten Weg mit einer wohltuend kontrastierenden Zärtlichkeit zu beschreiben - und dem nötigen Humor dazu. 

In einem allegorischen Kammerspiel auf 230 Kilometern makellosem, zweispurigem Teer lässt er Viers Maschinenhaftigkeit immer wieder auf Neuns Fehlbarkeiten prallen, charakterliche Auffahrunfälle sind das, letztlich auf so perverse Art befriedigend wie die holprigen Gummirückstöße beim Autoscooter. 

Menschlichkeit als innerer Kompass

Weil sie stetig auf das hindeuten, was sich selbst in Vier immer wieder meldet, wenn auch ungewollt: ein Funke Menschlichkeit. Menschlichkeit als innerer Kompass. Darum geht es Eggers in beiden Büchern. 

Und wo der Kapitänsidiot alles über Bord wirft, was ihn leiten könnte (vom Navigationspersonal bis zur Moral), hält Vier immerhin an einem Ritual fest, bis die Straße fertig ist: Jeden Abend steckt er sich Kopfhörer in die Ohren, drückt auf Play und sinkt in den Schlaf. 

Was dann zu hören ist, wird nicht verraten. Doch man hofft, gerade in diesen Tagen, dass Donald Trump seine Playlist aktualisieren möge.

[Dave Eggers: Der größte Kapitän aller Zeiten. 128 Seiten, 14 €.
Dave Eggers: Die Parade. Roman. 192 Seiten, 20 €. (Beide übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020)]

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