Neues Album von Arca : Geburt eines Cyberwesens

Arca zelebriert auf dem Avantgarde-Pop-Album „KiCk i“ eine unaufhörliche Metamorphose von Sounds und Körperbildern. Als Gast ist Björk dabei.

Arca wuchs in Venezuela auf und lebt jetzt in Barcelona.
Arca wuchs in Venezuela auf und lebt jetzt in Barcelona.Foto: Hart Lëshkina

„Nonbinary“ ist der programmatische Titel des Eröffnungsstücks von Arcas neuem Album „KiCk i“. Als vor drei Jahren ihre letzte Platte erschien, benutzte sie noch den Männernamen, den ihre Eltern einst für sie ausgesucht hatten. Jetzt ist sie die nichtbinäre trans Person Alejandra, die mit dem Pronomen „sie“ angesprochen werden möchte. Aber nicht nur dieses Stück, sondern das gesamte Album ist eine einzige Feier des Fluiden.

Die Musikerin entwirft sich auf „KiCk i“ (XL Recordings) nicht nur als trans Person, sondern als Cyborg, auch die Grenzen zwischen Mensch und Maschine lässt sie zerfließen. Auf dem Cover der Platte ist sie halb nackt abgebildet, auf absurd anmutenden Metall-High-Heels, die Hände bewehrt mit Freddy-Krüger-Krallen.

Bewegung, Transformation, die Dinge ständig neu denken

Sie sieht aus, als wolle sie gleichzeitig Donna Haraways feministischen Essay „Ein Manifest für Cyborgs“ und den sexualisierten Technik-Fetischismus des Science-Fiction-Autors JG Ballard bebildern.

Die Musik auf „KiCk i“ ist ebenfalls ein durchgängiges Ineinandermorphen der unterschiedlichsten Stilmittel, von Glitch-Techno, Post-Dubstep, Industrial und Reggaeton. Arca sagte in einem Interview, ihr Ziel bei der neuen Platte sei gewesen, Avantgarde und Pop untrennbar miteinander zu amalgamisieren.

Bewegung, Transformation, die Dinge ständig neu denken, das alles ist elementar für Arca. Schon als Teenagerin produzierte die heute 30-Jährige Musik. Vor acht Jahren veröffentlichte sie ihre ersten EPs, vor sechs Jahren ihr erstes von nun vier Alben. Sie steuerte Sounds zu Kanye Wests Platte „Yeezus“ bei. Sie schickte dem Rapper, der mal wieder angekündigt hat nächster Präsident der USA werden zu wollen, die krassesten Sounds, die sie auf der Festplatte hatte – und sie bekam den Job.

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Dann wurde sie zu Björks Muse und co-produzierte deren letzte beiden Alben. Mit einem Bein war Arca schnell im Mainstream, zugegebenermaßen in den schillerndsten Ausformungen des Mainstreams, während ihre eigenen Platten radikal sperrige Soundcollagen blieben, Experimente zwischen Hip-Hop, Bassmusik und Krach. Arca, die auch als Model arbeitet, wurde zum Star in Fashionmagazinen, während sie in der Musikfachpresse für ihre Soundexperimente gehyped wurde.

Aufgewachsen ist Arca in Venezuelas Hauptstadt Caracas, in ihrer Jugend habe sie es nicht immer leicht gehabt, erzählte sie in Interviews. Sie studierte Musik in New York, tauchte ein in die queere Szene der Stadt, zog weiter nach London und lebt inzwischen in Barcelona.

Sie singt mal Englisch, mal Spanisch

Sowohl in der musikalischen wie biografischen Entwicklung gibt es nie Stillstand, es geht atemlos weiter und weiter. Dass sie sich zwischen der spanischsprachigen wie der anglophonen Welt bewegt, führt zu weiteren Verschmelzungseffekten. So singt sie auf „KiCk i“ mal Englisch, mal Spanisch, auch in Interviews wechselt sie ständig zwischen den beiden Sprachen hin und her.

Als eine Art Vorbote zum neuen Album veröffentlichte Arca im Februar die Single „@@@@@“. Die Nummer dauert 62 Minuten, auch das Format der Single, die normalerweise die Länge von zehn Minuten nicht überschreitet, musste gesprengt werden. Im dazugehörigen Videoclip liegt die nackte Arca auf einem Autowrack, ihre sechs Brüste sind an eine Art Melkmaschine angeschlossen. Im Hintergrund flackern Bilder von Arca in immer neuen aufreizenden Posen. Die Metamorphose, die „KiCk i“ nur weiter verhandelt, hat begonnen.

Die ersten drei Clips aus dem Album zu chronologisch veröffentlichten Tracks wirken wie ein flirrender die Sinne überfordernder Rausch der Körperpolitik und genderfluider Metaphern. In „Nonbinary“ liegt Arca erst da, nackt und verletzlich, das Bildmotiv aus „@@@@@“ fortschreibend. Im Körper steckt eine Schere, sie hat eine Beinprothese.

Im nächsten Teil des Clips ist sie schwanger, wird von Robotern umsorgt, hat zwei Brüste. Man fühlt sich an die Maschinenerotik von Björks berühmtem Video zu „All Is Full Of Love“ erinnert. Arca gebiert sich dann sozusagen selbst als gottgleiches Wesen und räkelt sich, anfangs noch etwas unbeholfen, Botticellis „Die Geburt der Venus“ nachstellend, in einer riesigen Muschel.

Sexspielchen mit einem Dämonen

Am Ende des Clips ist Arca schließlich als androgyne Diva zu sehen, die man sich gut in einem Film von Pedro Almodóvar vorstellen könnte. Sie befindet sich im eifrigen Disput mit einer Person, die offensichtlich sie selbst ist – Sigmund Freud lässt also auch noch grüßen. Im Video zu „Time“ erlebt man Arca dann bei Sexspielchen mit einem Dämonen oder Teufel.

Und im „Mequetrefe“-Clip zeigt sie sich, inzwischen endgültig selbstbewusst und verführerisch als transhumanes Wesen, in immer neuen aufreizenden, teils verzerrten Posen. Immer wieder tauchen dabei den Körper erweiternde Applikationen wie etwa die Metalkralle auf.

Die Musik dieser drei Stücke führt bereits mit aller Vehemenz in das maßlose Soundspektrum Arcas ein. „Nonbinary“ ist kantig und sperrig, mit klirrend, metallenen Beats und Arcas Sprechgesang. „Time“ wird durchzogen von orgiastischen Synthieklängen und einem himmlisch halligen Gesang, während in „Mequetrefe“ atemloser Reggaeton geboten wird, zu dem ein wahres Feuerwerk an Breakbeats abgebrannt wird.

Akustische Splittergranaten und neue Zugänglichkeit

„KicK i“ ist ein herausforderndes Album. Denn jedes Stück bietet andere Soundclashs, dazu kommen Gastauftritte von Björk, dem spanischen Superstar Rosalía, der Londoner Sängerin Shygirl und Sophie, die sich wie Arca als nonbinär versteht.

Bei aller Ambitioniertheit und Avanciertheit ist Arcas neue Platte geradezu poppig geraten. Hatte man früher das Gefühl, der Musikerin genüge es, Klangbruchstücke aneinanderzureihen, formt sie dieses Mal all ihre Ideen tatsächlich in so etwas wie Songs.

Die wirken zwar immer noch wie akustische Splittergranaten, aber man hat doch das Gefühl, dass hier Popmusik produziert wurde. Dazu kommt immer wieder der Reggaeton, ein vor allem in Lateinamerika äußerst populäres Genre, das auf einem hüpfenden Dancehall-Rhythmus basiert, der inzwischen auch in zahlreichen westlichen Popproduktionen auftaucht.

Der ursprüngliche Reggaeton zeichnet sich dadurch aus, dass es eigentlich immer um Sex geht und um die Verehrung der Frau in allen Facetten, oft garniert mit Homophobie. Bei Arca wird Reggaton nun eine Spielart des Pop, die sie nach ihren eigenen Regeln definiert.

„KicK i“ soll der erste Teil von insgesamt vier Platten sein, die man sich als Konzept zusammenzudenken habe, so Arca. Man kann wahrlich gespannt sein, was da noch kommen wird.

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