Neues Album von Zara McFarlane : Das Wispern meiner Ahnen

Die Londoner Jazzsängerin Zara McFarlane erforscht auf ihrem vierten Album „Songs Of An Unknown Tongue“ ihr jamaikanisches Erbe. Hypnotisch, tastendend, kraftvoll.

Die Londoner Sängerin Zara McFarlane, 37.
Die Londoner Sängerin Zara McFarlane, 37.Foto: Casey Moore

Rotes Barrett, olivgrüner Overall, entschlossener Blick – so zeigte sich Zara McFarlane vor drei Jahren auf der Coverfotografie ihres dritten Albums. Sie sah aus als wolle sie gleich in einen Kampf ziehen, offenbar in einem tropischen Land, denn im Hintergrund war ein Palmengewächs zu sehen. Das Motiv war ebenso eine Überraschung wie die musikalische Richtung, die die 1983 in London geborene Sängerin auf dem Werk einschlug.

Anders als auf den beiden Vorgängern – mit geschmackvollen gezeichneten Porträts auf dem Cover – war sie nun nicht mehr nur einer klassischen Soul- Jazz-Tradition verpflichtet, sondern öffnete sich afro-jamaikanischen Einflüssen. Zuvor hatte sie ihr Interesse dafür mit zwei jazzig gecoverten Reggae-Klassikern lediglich angedeutet.

Brückenschlag von traditionellen zu modernen Sounds

Auf „Arise“ verfolgte die Tochter jamaikanischer Eltern diese Spur mit eigenen Stücken weiter. „Fussin’ And Fightin’“ und „Freedom Chain“ sind großartig groovende Ermutigungshymnen jenseits jeglicher Reggae-Klischees. Daran hatte die Produktion von Schlagzeuger Moses Boyd entscheidenden Anteil. Boyd gehört derzeit zu den spannendsten Figuren der jungen Londoner Jazzszene, die sich durch die erfrischende Vermischung von Genres auszeichnet.

Für Zara McFarlane wäre es eine sichere Nummer gewesen, bei ihrem vierten gerade erschienenen Album „Songs Of An Unknown Tongue“ (Brownswood Recordings) wieder mit Moses Boyd zusammenzuarbeiten. Doch sie entschied sich für die eher in einem Club- und Popumfeld beheimateten Kwake Bass und Wu-lu, um die auf „Arise“ begonnene Erforschung ihres jamaikanischen Erbes weiter voranzutreiben, dabei aber einen urbanen Sound im Auge zu haben.

Programmatisch das Eröffnungsstück „Everything Is Connected“, das den Brückenschlag schon im Titel trägt: Basierend auf einem traditionellen jamaikanischen Trommelrhythmus, kommt über den Bass und programmierte Beats eine stark an den Trip-Hop der Neuziger erinnernder Vibe auf, wie in etwa das Londoner Trio Morcheeba pflegte.

Auch bei der Single „Black Treasure“ gelingt eine stimmige Amalgamisierung der verschiedenen Soundwelten, wobei diesmal ein durchlaufendes Synthesizermotiv für die Erdung in zeitgenössischen Londoner Klangwelten sorgt. Im Text, der die Kolonialismusfolgen thematisiert, kommt die Sängerin im Refrain zu dem Schluss: „Yes, I’m black treasure/ Yes, I’m made of precious stuff/ Yes I am, I’m black treasure/ You can look but don’t you touch“. Ein Black is beautiful-Update, das Zara McFarlane selbst als „eine Hymne darauf, afrobritisch zu sein, und eine Frau“ bezeichnet hat.

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Aufgewachsen in Dagenham im Nordosten Londons war die Sängerin in ihrer Jugend oft rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Die rechtsradikale BNP hatte ihre Zentrale gleich um die Ecke. Besuchte Zara McFarlane ihre Familie in Jamaika, galt sie dort wiederum als britisch.

Was insofern stimmte, dass ihr etwa die Rituale und die Musik bei der Beerdigung ihrer Großmutter völlig fremd waren. Um so gründlicher hat sie sich nun mit der frühen jamaikanischen Folkmusik beschäftigt, recherchierte in der National Library of Jamaica und dem Institute of Jamaica in Kingston.

Sie fand dabei rituelle Rhythmen wie Bruckins, Dinki Mini, Revival, Kumina und Nyabinghi, die sie in London vom Schlagezeuger Camilo Tirado nachspielen ließ. Diese bilden das Fundament des Albums, dessen Mittelteil von überwiegen langen, teils eingebremsten Stücken gebildet wird. Hier driftet die Sängerin in hypnotisch-psychedelische Klangschleifen, die den suchenden Charakter dieses Werkes gut zum Ausdruck bringen.

Geisterchöre, Dub und Revolution

Immer wieder vervielfacht und verhallt McFarlane ihre Stimme, was wie eine Anrufung ihrer Ahnen klingt. In „Broken Water“ scheint sie mit einem Geistchor zu kommunizieren. Und wenn ihre geschulte Jazzstimme in „Saltwater“ mit kristallklarer Kraft einmal ganz allein in die Höhe strebt, wiederholt sie den schmerzerfüllten Satz „You won’t let me be free“, was sich ebenso an eine verflossene Liebe wie an die Vorfahren richten könnte. Der wabernd-verwaschene, fast beatlose Song steht nahezu auf der Stelle.

Aus dieser Ratlosigkeit findet Zara McFarlane gegen Ende von „Songs Of An Unknown Tongue“ wieder heraus. Das mit über siebeneinhalb Minuten längste Stück der Platte trägt den Titel „Roots Of Freedom“, wurzelt im Dub-Reggae und beschwört mit feinen Bläserakzenten eine bessere Zukunft: „We step onto the stairs of revolution/ To reach the start of elevation“. Eine Revolution steht an – Zara McFarlane hat die passende Garderobe schon im Schrank.

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