"Neujahr" von Juli Zeh : Hänsel und Gretel auf Lanzarote

Monster im Brunnen und im Innern eines Mannes: Juli Zeh erzählt in „Neujahr“ von der Last und dem Leid einer bürgerlichen Familie.

Die Schriftstellerin Juli Zeh auf Lanzarote
Die Schriftstellerin Juli Zeh auf LanzarotePeter von Felbert/Luchterhand Verlag

Spätestens seit ihrem Brandenburger Dorfroman „Unterleuten“ gilt die Schriftstellerin Juli Zeh als eine der führenden Gesellschaftsdiagnostikerinnen unseres Landes. Nicht nur, weil sie darin – durchaus geschickt – das große Ganze einer Wohlstandsgesellschaft aus einem eigentlich überschaubaren Mikrokosmos sichtbar zu machen vermochte; nicht nur, weil der Roman sie zu einer veritablen Bestsellerautorin gemacht hat, die nun nicht mehr allein wegen ihres andauernden politischen Engagements das öffentliche Interesse auf sich zieht. Sondern weil selbst der damalige und danach so kläglich abgestürzte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in einer „FAZ“-Besprechung der „Unterleuten“–Taschenbuchauflage dem Roman attestierte, dass er „große moralische Fragen wälzt und Widersprüchlichkeiten unserer Zeit meisterhaft aufblättert“. Nun denn. Überdies ist Zeh enorm fleißig. Gleich ein Jahr später ließ sie den Zukunfts- und Generationen-Thriller „Leere Herzen“ folgen, und nun erscheint von ihr schon wieder ein neuer, wenn auch zur Abwechslung mal schlanker Roman: „Neujahr“.

Der dörfliche Mikrokosmos ist darin durch einen familiären Mikrokosmos ersetzt worden: durch das in Göttingen lebende Ehepaar Henning und Theresa und ihre zwei und vier Jahre alten Kinder Jonas und Bibbi. Die Familie macht zwischen Weihnachten und den Neujahrstagen Urlaub auf Lanzarote, der kanarischen Insel, die Zeh regelmäßig besucht und die auch der Schauplatz ihres Thriller „Nullzeit“ war. Henning hat sich von den Seinen abgesetzt, er ist mit dem Rad unterwegs und will hinauf ins Vulkangebirge der Insel, in das Örtchen Femés. „Ihm tun die Beine weh“, lautet der erste, etwas verunglückte Satz des Romans, und immer mal wieder unterbrochen von seinen aktuellen Befindlichkeiten („Henning konzentriert sich aufs Atmen, aus, aus, aus, ein, er spannt die Bauchmuskeln an und drückt den letzten Rest Luft aus den Lungen, er merkt, dass es besser wäre, an etwas anderes zu denken“), lässt Zeh ihren Helden in Rückblenden sein Leben Revue passieren.

In den Problemen von Henning und Theresa dürften sich viele junge Eltern wiedererkennen

Henning berichtet von einer bürgerlichen Mittelgewichtsehe, in der es die üblichen Krisensymptome gibt. Zwischen ihren Berufen – sie arbeitet in einem Steuerbüro, er in einem Sachbuchverlag – und erst recht den kleinen Kindern ist es schwer, Zeit und Raum füreinander und nicht zuletzt für sich selbst zu finden. Auch der Urlaub schafft nur bedingt Abhilfe: „Sie wissen längst, dass Arbeit nicht mehr der Feind der Freizeit ist, sondern eine Verteidigungsstrategie gegen den Dauerzugriff der Kinder. Vom Urlaub werden sie sich in ihren Jobs erholen.“ Dazu kommen nervige, mit sich selbst sehr zufriedene Schwiegereltern, eine nicht ganz leichte Kindheit mit einer alleinerziehenden Mutter und seiner jüngeren Schwester Luna, um die Henning sich sehr zum Missfallen Theresas weiterhin kümmert, sowie eine neurotische Disposition in Form von Unregelmäßigkeiten des parasympathischen Nervensystems: Herzrasen, Atemnotsattacken, diffuse Magenbeschwerden. Henning bezeichnet diese Anfälle als „ES“, von Zeh warum auch immer in Versalien gesetzt.

„Neujahr“ erzählt also zunächst von einem durchschnittlichen Familienkleinklein, in dem sich eine ganze Generation von jungen Eltern, mithin die der Mittdreißiger bis Mittvierziger, der auch die 1974 in Bonn geborene Zeh angehört, gut wiedererkennen dürfte – ohne dass allerdings offensichtlich würde, welchen Zweck Juli Zeh mit dieser Erzählung verfolgt. Dass Henning zunehmend Probleme auf dem Rad bekommt, passt ins verschwommene Bild. Ihm schwinden die Kräfte, er hat mit Dehydrierung und Mineralienmangel zu kämpfen, der Weg auf den Berg wird immer beschwerlicher. Und was nun?

Henning trifft schließlich in Femés, erschöpft wie er ist, auf eine Frau, die in einem Haus noch oberhalb des Bergortes wohnt und ihn einlädt. Und dann hat er eine Reihe von Erscheinungen und Déjà-vus: Er sieht einen Gärtner, der Pflanzen wässert, den Schlauch aber auf sich selbst hält; er glaubt, eine Nachricht von seiner Frau auf dem Handy zu haben, in der sie ihm das Ende ihrer Beziehung mitteilt. Dazu kommen ein paar Steine, auf die eben jene Frau Tiere malt, ein Wasserbrunnen im Hof des Hauses, eine Wand voller Spinnen, und „in seinem Innern erhebt sich etwas, aus Tiefen, zu denen er keinen Zutritt hat“. Schließlich meint er noch im Wohnzimmer der Frau ein auf dem Sofa kopulierendes Paar zu sehen, was ihm auch irgendwie bekannt vorkommt.

Ja, und dann setzt Juli Zeh in ihrem Roman mit einer langen Rückblende ein zweites Mal an: mit einem Urlaub, den Henning als Kind mit seinen Eltern und seiner Schwester Luna macht. Im Grunde legt sie diese sich in den achtziger Jahren abspielende Geschichte wie eine Folie auf ihre Eingangserzählung, mit ein paar sich wiederholenden Motiven, vom Stress der Eltern über einen plötzlich auftauchenden Nebenbuhler des Vaters bis zum Wasserbrunnen im Hof des Hauses.

Zeh versteht sich auf den Genreroman

Dass Zeh sich auf Genres wie den Krimi oder den Thriller versteht, hat sie ja schon in Romanen wie eben „Nullzeit“ oder „Schilf“ bewiesen. „Neujahr“ ist kein Genreroman, enthält aber Elemente davon, zunächst in Form von Hennings Erscheinungen, dann vor allem in der zweiten Hälfte des Romans. Die Eltern von Henning und Luna verschwinden plötzlich, es gab einen Streit, Henning sieht seine Mutter mit dem Gärtner auf dem Sofa, und die Suche der Kinder nach ihren Eltern bekommt etwas Unheimliches. Henning fürchtet sich, gerade in den Nächten, und nun muss er noch auf seine erst zwei Jahre alte Schwester Acht geben. Sie brauchen etwas zu essen, sie müssen die Tage herumbringen, sie begeben sich ins Dorf, mehrmals schlägt sich Luna den Kopf auf. Und dann ist da noch der Brunnen, der mit einem Brett bedeckt ist. Verbirgt sich darin ein Monster, das Mama und Papa verschlungen hat?

Obwohl dieser Hänsel-und-Gretel-Teil besser als der erste des Romans ist, auch eine gewisse Spannung hat, fallen gerade hier das vermeintlich spannungssteigernde Erzählpräsens und insbesondere der Versuch Zehs, die Sprache der Kinder nachzuahmen, unangenehmst auf: „Da! Pipi! Böse!“, sagt Henning etwa zu Luna, als diese sich eingepinkelt hat. Und sie:  „Pipiii? Luna Pipiii?“. Und er wieder: „Böse! Pipi böse!“

Selbst eine Erlösung ist hier vorgesehen

So gut Juli Zeh das Alleinsein der Kinder atmosphärisch zu gestalten vermag, so quälend ist es mitunter, das sprachlich zu ertragen. Bekanntermaßen ist Juli Zeh nicht eine der größten Stilistinnen ihrer Zunft. Die Sprache auch dieses Romans ist bieder, konventionell, die Sätze sind von entwaffnender Schlichtheit. Auch die drei brav voneinander getrennten zeitlichen Ebenen von „Neujahr“ wirken, als würde hier eine Studentin aus dem Literaturinstitut ja alles richtig machen wollen.

So ist Juli Zeh auch gar nicht groß daran interessiert, ihrer Psycho-Geschichte ein paar lose Enden und Unerklärtheiten zu lassen. Als Henning in Gegenwart der Frau in dem Haus auf dem Berg, in dem er eben schon einmal war und den ganzen elternlosen Horror mit seiner Schwester erleben musste, wieder zu sich kommt, wirft diese ihn raus, weil er ihre bemalten Steine in den bösen Wasserbrunnen schmeißt.

Es folgt die Aufklärung des Ganzen und auch eine Art Erlösung, als Henning endlich, endlich begreift, dass er sich in diesem Leben doch noch einmal von der Schwester und seinem Beschützerimage lösen muss. Luna bewohnt gerade mal wieder sein Home-Office in Göttingen und räuchert dieses sehr zum Unwillen Theresas mit ihren Zigaretten voll, und er fordert sie schließlich unmissverständlich auf, zu verschwinden. Juli Zeh beendet „Neujahr“ dann mit den Sätzen: „Henning öffnet das Fenster, ruft aber nicht. Er lässt den Zigarettengeruch hinaus.“ Und man fragt sich, ob dieser letzte Satz wirklich ein gelungener, nicht wieder ein wenig schiefer ist – im Gegensatz zu diesem arg geraden und geheimnislosen Roman.

Mehr zum Thema

Juli Zeh: Neujahr. Roman. Luchterhand Verlag, München 2018. 191 Seiten, 20 €.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben