Nick Dawes in der Galerie Kornfeld : Dünnhäutig

Die Galerie Kornfeld stellte die abstrakten Gemälde des britischen Künstlers Nick Dawes erstmals 2017 in ihrem Projektraum aus.

Angelika Leitzke

Weit ist der Weg vom Verkehrsschild zur Farbfeldmalerei. Nick Dawes geht ihn scheinbar mühelos. Sein „Atlas“ hat sie vom banalen Emblem in ein zweidimensionales Farbgebirge verwandelt. Die Galerie Kornfeld stellte die abstrakten Gemälde des Briten erstmals 2017 in ihrem Projektraum aus. Nun belegt Dawes die Haupträume der Galerie (Fasanenstraße 26, bis 22. Juni): ein Adept der Farbe, der die Leinwand buchstäblich tränkt.

Im Vor-, Hinter- und Nebeneinander schichtet der Maler keilförmige Gebilde auf und erzeugt eine neue räumliche Einheit. Die zuunterst aufgetragene Farbe verschwindet ganz oder teilweise hinter den später hinzukommenden Lasuren. Die Kompositionen wirken wie zufällig, basieren aber auf sorgfältigen Skizzen, die sämtliche Farbtöne austarieren. Höchst subtil changieren sie zwischen grellem Rot und Gelb, leuchtendem Blau, Rosé, Türkis und Violett, wobei der Malgrund stets als Leerfläche eingebunden wird. Ausgangspunkt waren für Dawes die formalen Eigenheiten von Verkehrsschildern und anderen zeichenhaften Objekten der Alltagswelt. Sie werden zu einem meditativen Spaziergang durch die wunderbare Welt der Farben, deren Schönheit die materielle Kraft der Künstler offenbart (Preise: 850–21 000 Euro).

Flankiert wird diese zweidimensionale Farbwelt von Susanne Roewers eigenwilligen Skulpturen. Die 1971 in Sachsen geborene Künstlerin schloss 1999 ihr Studium der Bildhauerei und Grafik in Berlin ab. Bei ihr verschmilzt das zerbrechliche Glas mit den Werkstoffen traditioneller Bildhauerei. Wie bizarre Pflanzengebilde wirkt ihr jüngst entstandenes, kaum schulterhohes Trio „It no longer fits“, das zugleich ihre Vorgehensweise verdeutlicht. Aus einer Glasblase wächst ein polierter Messingstab, der sich wie ein Kelch öffnet. Die Naturgesetze stehen hier Kopf: Leichtes trägt die Last, und doch bleibt die Statik gewährt.

Um beide Materialien zusammenzubringen, musste das Metall zunächst auf dieselbe Temperatur wie das flüssige Glas erhitzt werden. 2018 krönte Susanne Roewer eine nur knapp 50 Zentimeter hohe amorphe Alabaster-Skulptur mit einer Glashaube: „The World upon the Shoulder“. Atlas wäre beim Anblick vielleicht vor Neid erblasst, musste der Titanensohn doch Schwereres schleppen (Preise: 4500–14 300 Euro).

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