Nobelpreis von Handke : Ein Symptom politischer Verirrungen

Peter Handkes Prämierung legitimiert seine Äußerungen zu Jugoslawien. Dabei steht die Vergabe des Nobelpreises für einen umfassenderen Geist der Gegenwart.

Problematisch. Der österreichische Nobelpreisträger für Literatur Peter Handke.
Problematisch. Der österreichische Nobelpreisträger für Literatur Peter Handke.Foto: dpa/Georg Hochmuth

Als gesicherte Diagnose dürfte gelten, dass Peter Handke dem Nobelpreis nicht gewachsen ist, den er heute in Empfang nimmt. Der Dichter wirkt von der höchsten literarischen Auszeichnung der Welt so überfordert wie ein Wanderer von einem zu hohen Berg.

Seit Wochen belegen das seine Auftritte und seine Pöbeleien, die zwischen Grandiosität und Verunsicherung zu oszillieren scheinen. Wünschenswert für ihn wäre ein geordneter Rückzug in seine ländliche Enklave gewesen.

Doch er kann ja nicht persönlich etwas dafür, dass ihn dieser Preis ereilt hat. Der Geist, aus dem heraus das Nobel-Malheur passiert ist, liegt in der Luft einer Gegenwart, wo viele sich zurücksehnen an die wärmenden Stammesfeuer. Ausgewählt wurde ein Autor, der sich für „das Volk der Serben“ starkmacht, obwohl es homogene Ethnien nur in Fantasy-Sphären wie „Game of Thrones“ geben kann.

Doch wenn Handke von „mutmaßlichen Massakerstätten“ in Bosnien sprach und den Kriegstreiber Milosevic hofierte, war das nicht allein Spiegel seines seelischen Dramas, sondern auch das Symptom einer umfassenderen, politischen Verirrung, die auf der einen Seite „identitäre Bewegung“ heißt, auf der anderen „identity politics“ und von beiden Enden her die Demokratie in die Zange nimmt.

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Peter Handke 'glücklich, aber müde'
Peter Handke 'glücklich, aber müde'

Das Nobelkomitee wird unfreiwillig zum Seismograf unserer Zeit

Demokratieskepsis ist so salontauglich geworden wie das Raunen wider die Aufklärung oder der Ruf nach archaisch agierenden Autoritäten. Als das amtierende Nobelkomitee beim Votum für einen Vertreter alternativer Fakten im politischen Koma lag, zeigte es sich unfreiwillig als Seismograf der Epoche.

Wie zur Relativierung wird mit Olga Tokarczuk als zweiter Preisträgerin, rückwirkend für 2018, eine Schriftstellerin aufgeboten, die den anderen, den kosmopolitischen Zug der Zeit repräsentiert. Freilich bleibt dieser, nicht allein wegen der Stürme um Handke, eher blass.

Mit Kalkül zitiert Handkes Rede zum Nobelpreis den Roman „Hunger“, den ersten des Norwegers Knut Hamsun, der 1920 den Nobelpreis erhielt. In Oslo sei er, fügte Handke an, einmal einem Schriftsteller begegnet, der verzückt vor einem Exemplar seines ersten Romans in der Auslage einer Buchhandlung stand. Dabei wird es sich um eine weitere literarische Erfindung handeln, die als Faktum ausgegeben wird und die Handke quasi Hand in Hand mit Hamsun darstellt.

Handke weiß sehr wohl, was es bedeutet, Hamsun zu erwähnen. Im Mai 1943 hatte Hamsun Goebbels, der für ihn schwärmte, in Berlin besucht. Zum Dank übersandte ihm der Autor dann ein Geschenk: seine Nobelmedaille und sein Nobeldiplom. In einem Nachruf bezeichnete Hamsun Hitler als „Krieger für die Menschheit“. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte Norwegen den hochbetagten Autor wegen der Nähe zum NS-Regime vor Gericht und ließ ihn psychiatrisch begutachten.

Serbische Intellektuelle lehnen den Nationalwahn ab

Diese Geschehnisse kennt Handke. Sein beiläufig eingeflochtener Verweis auf Hamsun soll offenbar noch einmal betonen, worauf Handkes Gefolge seit Wochen pocht: Was schert uns die Haltung zu Tatsachen, wo doch die Kunst so groß ist!

Doch Positionen prominenter Personen nehmen Einfluss auf die Öffentlichkeit, anders als verbales Gepolter in einer Kneipe. Und Lorbeerkränze verleihen solchen Positionen Legitimität.

Nein, es ist nicht harmlos, wenn jemand wie Handke sich etwa verächtlich über von George Soros unterstützte Projekte äußert, da „von außen gesponserte Demokratie“ nicht „aus dem Volk“ komme. Solche völkische Logik würde auch der bundesdeutschen Demokratie nach 1949 Gültigkeit absprechen.

Heute ist daher der richtige Tag, an das demokratische Serbien zu erinnern, wo Hunderttausende das Regime Milosevic gestürzt hatten, und an die serbischen Intellektuellen, die den Nationalwahn ablehnen, wie David Albahari, Bora Cosic, Ivan Ivanji, Nataša Kandic, Borka Pavicevic, Srdja Popovic, Biljana Srbljanovic, Svetlana Slapšak und viele, viele mehr. Die Nähe zu ihnen hat der Preisträger nie gesucht. Umso mehr interessieren sollten sie uns andere.

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