„Null Komma Irgendwas“ von Lavina Braniste : Überlebenskampf in Bukarest

Stich ins ideologische Zentrum des osteuropäischen Neokapitalismus: der dialogreiche, berührende Roman „Null Komma Irgendwas“ von Lavina Braniste.

Katrin Hillrguber
Qualifiziert, jung, mutig. Die Schriftstellerin Lavinia Braniste, geboren 1983 im südostrumänischen Brăila.
Qualifiziert, jung, mutig. Die Schriftstellerin Lavinia Braniste, geboren 1983 im südostrumänischen Brăila.Foto: Adi Bulboaca/Verlag

„Der Denkende übersteht den Sturm in seiner kleinsten Größe“, heißt es in einer von Bertolt Brechts Keuner-Geschichten. Diese Devise hat sich offenbar die sensible Cristina in Lavina Branistes Roman „Null Komma Irgendwas“ zu Herzen genommen, um irgendwie ihre Arbeitstage als Übersetzerin in einer Bukarester Baufirma zu meistern. Die zweifach diplomierte Philologin konnte sich als Freiberuflerin in der Verlagsbranche nicht über Wasser halten und hat deshalb als technische Übersetzerin angeheuert. „Fang bloß nicht damit an, irgendwelche Fantasiegeschichten in die Welt zu setzen“, beschwört sie die Chefin Liliana.

Am Stadtrand soll unter spanischer Federführung und mit EU-Fördermitteln ein Home- und Gartencenter errichtet werden, was viel Schlamm und neugierige Bauarbeiter-Blicke bedeutet. Die bunt zusammengewürfelte Belegschaft fürchtet den Besuch aus der Zentrale, insbesondere Liliana, die ihre überqualifizierte, aber schlecht bezahlte Assistentin wie eine Leibeigene behandelt: „,Wer war das?', fragt die Chefin mit dieser Art Lächeln, von der sie denkt, dass es sie human und weniger aufdringlich und dominant erscheinen lässt.“

Mit ihrem Roman sticht die 1983 im südostrumänischen Brăila geborene Schriftstellerin und literarische Übersetzerin Lavinia Braniste direkt ins ideologische Zentrum des Neokapitalismus rumänischer Prägung: „Osteuropa, das sind wir. Als ich angestellt wurde, waren wir zwanzig Leute, jetzt nur noch zehn. Seitdem die Kette unserer Kleinfirmen mit einer größeren Kette fusioniert und die Beziehung zum Unternehmen deshalb merkwürdig geworden ist, hat die Chefin keinen mehr eingestellt.“ Jeder kämpft für sich allein, und sei es mit Bestechung, und versucht, irgendwie mit den chaotischen Lebensumständen wie den Bukarester Ampeln mit ihren schnellen Grünphasen fertig zu werden; Außenseiter wie eine Roma-Putzfrau oder ein vereinsamter alter Nachbar haben es da schwer.

Eine Romanheldin, die man am liebsten in den Arm nehmen würde

Aber auch die introvertierte Cristina kann sich nach Feierabend in ihrer Wohnung kaum entfalten, da der Balkon mit Wahlkampf-Material des Vermieters, Herrn Ursu, vollgestellt ist. Als er zusätzlich mehrere Fässer mit eingelegtem Gemüse bei ihr deponiert, lässt sich die Mieterin selbst das gefallen. Sie ist froh, wenigstens diese Bruchbude gefunden zu haben – und extrem konfliktscheu: „Alles, was ich unversehrt behalten möchte, muss ich tief in mir begraben. Ich darf das, was sich in meinem Kopf und meiner Seele eingenistet hat, nicht stören, und genauso ist es auch mit den Menschen. Lass die Menschen in Ruhe.“ Zwar besichtigt Cristina fortlaufend Wohnungen, doch interessiert sie bei diesen Terminen meist nur der aufgesetzt dynamische Habitus der Maklerin. Ob sie, von einer Operation geschwächt, im Supermarkt in Ohnmacht fällt und ihr nur widerstrebend geholfen wird, ob sie sich nachts heillos in einem Parkhaus verirrt oder ob sie der angebetete Dan feige bescheidet, er wolle „keine Erwartungen wecken“: Mit Cristina hat Braniste eine Romanheldin geschaffen, die man am liebsten in den Arm nehmen möchte. Sie wirkt ausgesprochen passiv und desorientiert, gerade so, als ob ihre überscharfe Beobachtungsgabe sie lähmen würde. Von diesem taxierenden, analytischen Blick nimmt sie sich selbst jedoch nicht aus. Das sorgt immer wieder für Momente exquisiter Selbstironie, etwa, als sich alle Angestellten der Baufirma für die angereisten Revisoren aus Madrid in Schale werfen: „Ich fühle mich wie eine Weltraumfahrerin in Bluse, Business-Kleid und Absatzschuhen, obwohl die Absätze das Geräusch einer wichtigen Frau hinterlassen.“ Offenbar ist es gerade diese Fähigkeit zur Distanzierung, die der jungen Frau eine gewisse Indolenz verleiht, sodass sie sich weder beruflich noch privat durch zwei scheiternde Beziehungen unterkriegen lässt.

Der einzige Schutzengel ist die Mutter

Dennoch ist der dialogreiche, von Manuela Klenke in ein wendiges Deutsch übersetzte Roman sehr berührend, zum Beispiel wenn Cristina nach dem Wegzug ihrer besten Freundin feststellt: „Ich habe keinen mehr, mit dem ich lachen kann.“ Ihr einziger konstanter Schutzengel ist die Mutter, die ihr aus Spanien Geld schickt – diesen Lebensumstand dürften die Romanheldin und ihre Schöpferin gemein haben. Von den vielfältigen Stipendien, wie sie hiesigen Autorinnen und Autoren zur Verfügung stehen, lässt sich in Rumänien nur träumen.

„Null Komma Irgendwas“ hat gerade bei einer jüngeren Leserschaft einen Nerv getroffen: Das Original ist in der renommierten „Ego“-Reihe bei Polirom erschienen, die sich der Förderung des literarischen Nachwuchses widmet. Es wurde 2016 mit dem schönen Preis „Nepotul lui Thoreau“ (Thoreaus Neffe) als Buch des Jahres ausgezeichnet.

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Lavinia Braniste: Null Komma Irgendwas. Roman. Aus dem Rumänischen von Manuela Klenke. Mikrotext Verlag, Berlin 2018. 281 Seiten, 21,99 €.

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