zum Hauptinhalt
Zauber der Nacht. Stockholm heute.
© Danita Delimont/imago

„Nacht der Seelen“ von Karl Ristikivi: Orpheus in Stockholm

Ein eleganter Roman, voller Zaubertricks: Der estnische Autor Karl Ristikivi erzählt in „Nacht der Seelen“ von der existentiellen Krise eines Exilanten.

In einer Silvesternacht Anfang der fünfziger Jahre läuft ein Mann durch Stockholm. Seit sieben Jahren lebt er in dieser Stadt, doch sie ist ihm fremd wie am ersten Tag – er ist Flüchtling und nirgends willkommen. Auf den Straßen toben die Menschen, bewaffnet mit Papiertröten, sie kreischen und sie blecken die Zähne, und der Mann, Schriftsteller von Beruf, dünnhäutig und einzelgängerisch, gerät in Panik. Im letzten Moment rettet er sich in eine menschenleere Gasse, wo ihm ein scheinbar freundliches Licht entgegenleuchtet und die Tür eines Hauses einladend offen steht.

Besonders der Anfang von Karl Ristikivis 1953 im estländischen Original erschienenem Roman ist grandios. Mit wenigen klaren, fast schroffen Sätzen entwirft er nicht nur das genaue Bild einer unwirtlichen Stadt, in der die gereizte Stimmung jederzeit in Gewalt umkippen kann, sondern auch das komplizierte und widersprüchliche Innenleben eines einsamen, zutiefst verunsicherten Menschen, der die überall Feiernden zugleich fürchtet und beneidet. Eine Einladung hatte er abgesagt, und seine Begründung: „Ich war fest entschlossen, aus eigener Kraft zurechtzukommen“, ist dabei so verräterisch wie aufschlussreich.

Auf der Suche nach Geselligkeit

1944, während der zweiten sowjetischen Besatzung seines Heimatlandes Estland, war Ristikivi wie viele seiner Landsleute nach Schweden geflohen. Im zweiten Teil des Romans, der fast ganz einer eindrucksvollen Gerichtsverhandlung über die sieben Todsünden gewidmet ist, denkt sich der Erzähler, dem „Acedia“, Melancholie und Mutlosigkeit vorgeworfen wird: „Auch andere haben mich gefragt, vor wem ich eigentlich fliehen musste. Ich, der ich nichts zu verlieren hatte außer meiner Freiheit. Was ist meine Freiheit? Freiheit ist nur ein Löffel, den man braucht, um Suppe zu essen, aber was macht man mit dem Löffel, wenn man keine Suppe hat?“

Er wünscht sich Geselligkeit und das Gefühl, als Mensch wahrgenommen zu werden. Doch in dem labyrinthisch verwinkelten, mal düsteren, mal gleißend hell erleuchteten Haus findet er nichts davon. So irrt er von Raum zu Raum, gerät in ein Konzert, nimmt an einem gespenstischen Abendessen teil, besucht einen Kranken – und hat immer mehr das Gefühl, dass man ihn für jemanden hält, der er nicht ist. Gleichzeitig würgt ihn die Angst, mit jedem Schritt ungeschriebene Gesetze zu verletzen. Die Atmosphäre wird immer unangenehmer, scheinbar harmlose Begegnungen wirken unberechenbar, bis hin zu dem undefinierbaren, aus unsichtbaren Quellen stammenden Licht. Seine Tischnachbarin, die bleich, gar leblos wirkt, wird erst lebhaft, als sie ihn in ein frivoles Gespräch über Liebe und Sexualität verwickeln kann, dem er erschrocken und ärgerlich entflieht.

Ristikivi löst sich vom realistischen Erzählen

„Nacht der Seelen“ nimmt, wie das lesenswerte Nachwort des estnischen Schriftstellers Rein Raud erklärt, durch seine radikale Modernität eine Sonderstellung in der estnischen Literatur und im Werk Ristikivis ein, der sonst realistische, später meist historische Romane schrieb. Wie sein Alter Ego im Roman durchlebte der Autor im Exil eine schriftstellerische Krise, und er begründet im Brief an eine fiktive Leserin in der Mitte des Romans seine literarische Wandlung: Eine verworrene und sinnlos gewordene Welt ließe sich linear nicht mehr beschreiben, heißt es dort, auch literarische Figuren gingen jetzt eigene Wege.

Dieses Credo hat Ristikivi im Roman subtil und mit viel Humor umgesetzt, die in sich logischen Teile der Handlung scheinen falsch zusammengesetzt – ein bisschen wie in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“. Bissig und mitfühlend, wehmütig oder auch beleidigt schildert der Erzähler seine Erlebnisse und gesteht, oft überfordert zu sein, überdies ein schlechter Beobachter, der Wichtiges von Unwichtigem nicht unterscheiden könne – was den schnellen Szenen- und Perspektivwechseln der Geschichte, einfühlsam übersetzt von Maximilian Murmann, besonders liebenswürdigen Charme verleiht. So stolpert der Erschöpfte in eine rätselhafte Kunstausstellung mit nur einem einzigen Bild, das einen jungen Mann im Bad zeigt. Bei seinem Versuch, die Ausstellung heimlich durch eine Seitentür zu verlassen, findet er sich plötzlich mitten in diesem Bild – eine der schönsten Episoden.

Ein Arzt erteilt Schlafverbot

„Reisebericht“ oder „realistisches Märchen“ schlägt Ristikivi als Gattungsbezeichnungen vor, man könnte Unterweltfahrt und symbolistisches Kammerspiel hinzufügen. Zwar kann man den Helden auch als existenzialistische Figur verstehen, die sich in die Welt geworfen fühlt, doch die kunstvoll karge Erzählweise, ohne alle Psychologie, und die symbolische Verwendung der Figuren als Chiffren, zum Beispiel der Soldaten oder der jungen Frauen, verweisen vor allem auf Maurice Maeterlinck. Anders als Maeterlinck lässt Ristikivi jedoch bewusst Leerstellen entstehen, die er spöttisch ausleuchtet – dann brechen seine Figuren unvermittelt in Gelächter aus oder verschwinden durch unsichtbare Türen.

Der Erzähler fühlt sich doppelt ausgeschlossen. Er durchlebt im Haus nochmals seine Flucht, samt Grenzübertritt und psychologischer Untersuchung: „Ihre Träume gefallen mir nicht. Sie dürften überhaupt nicht schlafen“, schimpft der Arzt. Und vor Gericht gilt er als jemand ohne alle Rechte, der nicht aussagen darf – von ihm zustehenden Menschenrechten ganz zu schweigen.

Das könnte ein bedrückendes Szenario sein. Doch Ristikivi hat einen eleganten, vergnüglichen Roman geschrieben, voller Zaubertricks und Eigensinn. Einen Exilroman, dessen literarisch gebildeter Held viel zu klug ist, um zu resignieren: Er weiß ja, dass mit dem zwölften Glockenschlag der Spuk vorbei ist.

Karl Ristikivi: Die Nacht der Seelen. Roman. Aus dem Estnischen von Maximilian Murmann. Guggolz Verlag, Berlin 2019. 376 S., 24 €.

Nicole Henneberg

Zur Startseite