Pharoah Sanders Quartet : Frische Brise

Er muss sich nichts mehr beweisen: Der Jazz-Saxofonist Pharoah Sanders und seine hervorragenden Begleitmusiker im Festsaal Kreuzberg.

Ken Münster
Jazz-Altmeister Pharoah Sanders
Jazz-Altmeister Pharoah SandersFoto: Promo

Unbeschreiblich, was am Dienstagabend im Festsaal Kreuzberg zu erleben war: Das Publikum schmettert und pfeift von allen Rängen, will mehr von Jazz-Altmeister Pharoah Sanders, der gerade zum ersten Mal die Bühne verlassen hat. Eigentlich folgt jetzt die obligatorische Zugabe – doch der 77-jährige Tenorsaxofonist, einst Schüler von John Coltrane und richtungsweisender Protagonist dessen Spätwerks, kommt trotz minutenlangen Rufen nicht mehr hoch.

Er darf es sich erlauben: Etwas mehr als eine Stunde hat Sanders mit seinem Quartett den proppenvollen Saal, in dem jeder zuletzt auf den Beinen war, mit Gesten, Worten und seinem erhabenen Spiel belebt und besänftigt.

Gerade auf jüngere Hörer, die ihn erst jetzt entdecken, übt Sanders eine magische Wirkung aus, das merkt man im Festsaal auch am Altersdurchschnitt. Seine Kompositionen wie „The Creator Has a Master Plan“ oder „Love Is Everywhere“ sind 50 Jahre nach ihrem Erscheinen im Jazz-Kanon angelangt. Auch Sanders’ Rolle als Bindeglied zur älteren Jazz- Garde und als Künstler, der nach dem Tod Coltranes 1967 aus dessen Fußstapfen trat und zu den wichtigsten Neuschöpfern des sogenannten Spiritual Jazz gehörte, ist im Zuge dessen klarer hervorgetreten.

Beeindruckende Soli

Das Konzert – die zweite von drei Herbst-Shows des Berliner J.A.W.-Kollektivs – bestreitet Sanders mit seinem Quartett. Er hat hervorragende Begleitmusiker dabei: Sein langjähriger Partner William Henderson am Klavier unterstützt sein Saxofon mit schwebend leichten Läufen im hohen Register, zu denen Schlagzeuger Gene Calderazzo energische Akzente liefert. Der britische Kontrabassist Oli Hayhurst bringt die getragenen Grooves von Sanders’ Stücken mit gelassen umhertanzenden Bassläufen zum Glänzen, ehe er selbst mit zwei beeindruckenden Soli im Mittelpunkt steht.

Altmeister Pharoah Sanders muss nichts mehr beweisen und verhält sich auch so: Zwischendurch setzt er sich, lauscht seinen Mitspielern, beansprucht das Rampenlicht nicht für sich. Auch wenn seine Kraft am Saxofon nicht vergleichbar ist mit der, die er auf seinen Aufnahmen verewigt hat, erstaunt er das Publikum mit einem vollen runden Ton und beweist bei einer Ballade, dass er auch das melodiös lyrische Spiel noch sauber aus dem Hut zaubern kann.

Das letzte Mal vor 14 Jahren in Berlin

Nach 45 Minuten nimmt Sanders seine dunkel getönte Sonnenbrille ab und ist den Zuhörern dadurch noch näher, als er mit formlos dahingescatteten Silben zum Nachsingen auffordert. Er legt einen kleinen Tanz aufs Parkett und übernimmt bei „The Creator Has a Master Plan“, das vom Publikum mit Euphorie aufgenommen wird, ungehemmt den Gesangspart.

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Das letzte Mal war Sanders vor 14 Jahren in Berlin. Bei der Wärme, den er und sein Quartett an diesem Abend versprühten, sollte es – vorausgesetzt, die Gesundheit spielt mit – nicht zu lange dauern, bis er wiederkehrt. Ken Münster

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