Pierre Boulez Saal : Heimatsuche

Klarinettist Kinan Azmeh unternimmt mit Gästen im Pierre Boulez Saal musikalische Reisen nach New York und in den Nahen Osten

Klarinettist Kinan Azmeh
Klarinettist Kinan AzmehFoto: Martina Novak

Die Band ist so etwas wie seine Familie und der Pierre Boulez Saal sein Wohnzimmer, in das man am Ende einer Tournee wieder gerne zurückkehrt. Der syrische Klarinettist Kinan Azmeh ist mit seiner New Yorker City Band wieder in Berlin, wo er fast auf den Tag genau vor einem Jahr die Arab Music Days eröffnet hatte. Azmeh beginnt mit einer dunkel getragenen Klarinette, Gitarrist und Komponist Kyle Sanna fällt ein, begleitet dezent den sonoren Klang, Bassist Josh Myers zupft stoisch die Saiten und mit noch schleppendem Rhythmus schlägt der wunderbare Percussionist John Hadfield die Handtrommel Daf. Azmeh nimmt sich zunächst zurück, doch dann steigert sich der Rhythmus, die Klarinette tiriliert und liefert sich mit der Gitarre einen hektischen Dialog, der abrupt endet und wieder startet. Tempowechsel, schneller Rhythmus – nach dem ersten Stück ist der Funke übergesprungen.

Die Gäste sind ein Pianist, ein Perkussionist und ein Sheng-Spieler

Die Musiker liefern sich spannende Dialoge, und Hadfield setzt neben Trommeln und Becken auch einen Holzkasten und Rasseln ein. Sein blitzschnelles Spiel ist faszinierend, ebenso das von Kinan Azmeh, der aus seiner Klarinette alles herausholt, vom melancholisch getragenen Ton bis hin zum hektischen, atemlosen Spiel. In sein Wohnzimmer darf man sich Freunde einladen und so ergänzen der Percussionist Bodek Janke, der Pianist Florian Weber sowie der Sheng-Spieler Wu Wei nach der Pause das Quartett. Was Wu Wei dem 3000 Jahre alten Instrument virtuos an Tönen entlockt, ist beeindruckend. Die chinesische Mundorgel, ein Vorläufer der Harmonika-Instrumente, scheint wie gemacht für den Dialog mit der Klarinette, ob getragen oder im hektischen Stakkato.

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Musikalisch führt die Reise nach New York, in den Libanon, aber auch immer wieder nach Syrien. Azmeh variiert alte Stücke. Letztes Jahr hat er dem belagerten Dorf Shizrin ein donnerndes Stück gewidmet, das nun ob des Verlusts der Heimat melancholischer klingt. Zum Schluss spielt er wieder „Wedding“, angelehnt an die traditionelle Hochzeit, das in jeder Besetzung anders klingt, furios und all denen gewidmet, die nicht aufgehört haben, sich zu verlieben – trotz des Krieges. Standing Ovations für einen Ausnahmemusiker, seine Familie und seine außergewöhnlichen Gäste.

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